Shootingstar der Philosophie "Wir sind mit der Figur des Intellektuellen durch"

Tristan Garcia gilt als junger französischer Philosoph der Stunde. Ein Gespräch über den Zwang zur Intensität des Lebens, den Ausweg aus reaktionärem Denken und die Strategie der Linken.

Autor und Philosoph: Tristan Garcia
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Autor und Philosoph: Tristan Garcia

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SPIEGEL ONLINE: Herr Garcia, auf der einen Seite sollen wir immer den nächsten Kick spüren, also unser Leben intensivieren. Auf der anderen Seite hat uns aber die Gesellschaft Ziele der Intensivierung vorgesetzt, die wir niemals erreichen werden.

Tristan Garcia: Das führt dann zu dem genauen Gegenteil, also zum größten Symptom: der Depression.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Menschen sich verraten fühlen?

Garcia: Die Gesellschaft hatte ihnen die Intensivierung des Lebens, Intensivierung der Liebe und so weiter versprochen. Was sie aber bekommen, ist immer weniger, weil die Intensität mittlerweile allgegenwärtig ist. Der Mensch bricht zusammen. Wobei weder die Gesellschaft noch Individuen völlig kollabieren, etwas bleibt immer. Und was bleibt, ist Wut. Das führt die Menschen zur Religion, zur Suche nach Erlösung und Autorität. Und genau das sehen wir gerade zum Beispiel politisch mit dem Zuwachs der Rechten.

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SPIEGEL ONLINE: Trump, Le Pen und Putin: Die politischen Diskussionen sind sehr emotionalisiert und nicht von Denken geprägt. Ist das auch eine Auswirkung der Intensivierung?

Garcia: Am Ende des 18. Jahrhunderts stand die Idee, dass wir alle Menschen seien. Das heißt, die politische Subjektivität wurde zu Gunsten der Universalisierung geöffnet. Dabei weitet sich ständig dieses Feld, es wird intensiviert, es kommt zum Riss, und Menschen wenden sich Stammeszugehörigkeit und nationalen Identitäten zu. Je mehr wir die Subjektivität erweitern, desto weniger haben wir gemeinsam. Dagegen kann man nur schwer ankämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Garcia: Diese Ausweitung war mit der Idee der Auflösung von Kategorien wie Alter, gender, race, Klassenzugehörigkeit verkettet. Moderne Denker versuchten zu zeigen, dass es race und gender nicht gibt. Ja, die Kategorien sind falsch, aber wir brauchen sie und müssen sie strategisch einsetzen. Der Fehler, den viele progressive Menschen machen, ist immer noch zu zeigen, dass die Kategorien keine Berechtigung haben.

Tristan Garcia
privat

Tristan Garcia

SPIEGEL ONLINE: Wie kann denn die Linke zurück, ohne ihre Politik gegen Identitäten zu verraten?

Garcia: Einige Linke versuchen ja gerade, beides zusammenzudenken. In Frankreich gibt es eine kleinere Bewegung namens "parti des indigènes de la république". Das sind alles Menschen aus den Banlieues, Söhne und Töchter von Menschen aus Maghreb und Westafrika. Sie argumentieren nicht gegen Universalismus oder antirassistische Arbeit, aber sie verwenden den Begriff race als strategisches Instrument. Sie sind links und stehen im Konflikt mit klassischen antirassistischen Universalisten, die meisten davon weiß, die race als historisches Konstrukt sehen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Essay schreiben Sie: "Die moderne Gesellschaft verspricht den Einzelnen nicht mehr ein anderes Leben, sondern lediglich das, was wir schon sind - mehr oder besser." Sehen Sie Ihr Buch als Pamphlet?

Garcia: Ich will nicht so was wie ein Pamphlet gegen das zeitgenössische Leben, gegen die Schnelligkeit schreiben. Und ich möchte auch nicht ein moralischer Richter unserer Zeit sein, weil die Reaktionären das schon machen. Ich versuche dem zu entkommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen kein öffentlicher Intellektueller sein, wie es in Frankreich von Jean-Paul Sartre vorgelebt wurde?

Garcia: Ich möchte als Denker oder Philosoph keine Autorität haben. Ich bin sehr gegen diese Idee und fühle mich auch nicht als Intellektueller.

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SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Garcia: Einer der Fehler der Moderne war es, eine starke Figur der intellektuellen Autorität zu errichten. Wir sind mit der Figur des Intellektuellen durch. Ein Intellektueller zu sein, war der Traum einer Absolutheit, von Männern, die alles wussten.

SPIEGEL ONLINE: Sie möchten aber auch kein Kritiker sein.

Garcia: Sobald man eine Kritik vollzieht, hat sie schon ihren ursprünglichen Schock verloren, wie wir es bei der Dekonstruktion gesehen haben. Sie funktioniert nicht mehr. Wir müssen versuchen, andere Wege zu finden, und das probiere ich gerade aus.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Garcia: Entweder man wiederholt etwas. Oder man bricht in einer intelligenten Art und findet einen neuen Treffer. Ich versuche zum Beispiel, nicht in einer Art zu leben, in der ich denke. Oder zu denken, wie ich lebe.

SPIEGEL ONLINE: Trennen Sie deshalb strickt philosophische Theorie und literarisches Werk?

Garcia: Wenn ich Romane schreibe, versuche ich gegen meine Theorie zu arbeiten. Und wenn ich philosophiere, arbeite ich gegen meine Romane. Auf eine Art und Weise sind meine Romane politisch. Bei "Der beste Teil der Menschen" ging es um Frankreichs queere Bewegung sowie HIV und Genderfragen. Bei meinem zweiten Buch "Mémoires de la jungle" schrieb ich über Tiere, über eine Welt fast ohne Menschen. Ich betreibe keine Autofiktion, sondern versuche, Charaktere zu verkörpern. Als Philosoph ist man immer in einer Art von Normativität der Wahrheit gefangen. Du kannst ihr entkommen, aber man kommt immer zu dem Moment der Normativität zurück. Fiktion ist der beste Weg, um mich daraus zu befreien.

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SPIEGEL ONLINE: Und das Politische?

Garcia: Es gibt zwei Arten, Politik zu betreiben: entweder mit der eigenen Erfahrung, also mit dem eigenen Körper. Oder aber man verortet sich in der Welt. Es hat zum Beispiel viele Jahre gebraucht, bis ich verstanden habe, ein weißer Mann zu sein. Ich habe das nur durch Romane geschafft. Ich glaube, viele Menschen in Frankreich wissen immer noch nicht, dass sie weiß sind. Fiktion ist eine andere Art, sich selbst zu verorten.



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kategorien 24.07.2017
1. Unter Profs
Unter meinen alten Phil-Profs gilt Herr Garcia eher als Schriftsteller und guter Redner, im Sinne von Precht und Sloterdijk, die in akademischen Kreisen für Lachen sorgen. Na, ja. Ich werde es wohl eher nicht lesen. Aber Danke für den Hinweis. Ich kann nur hoffen, dass interessantere Philosophen kommen, die nicht wie Journalisten klingen und sich an journalistischen Theorien abkämpfen.
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