Trotz Strafanzeige: Kirchner-Gemälde wird versteigert

Ein Anwalt wollte die Versteigerung des Gemäldes "Berliner Straßenszene" in New York verhindern. Er stellte deswegen Strafanzeige gegen den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit. Doch die Berliner Staatsanwaltschaft ist nicht bereit, die US-Behörden um eine Beschlagnahmung zu bitten.

Berlin - "Jetzt sind uns die Hände gebunden", sagte der Münchner Rechtsanwalt Daniel Amelung. Seine Kanzlei hatte geplant, die Versteigerung des Ernst-Ludwig-Kirchner-Gemäldes "Berliner Straßenszene" am Mittwoch in New York zu verhindern. Doch nun ist Amelung zufolge die Berliner Staatsanwaltschaft nicht bereit, wegen einer möglichen Beschlagnahmung des Bildes an die US-Justizbehörden heranzutreten. Möglicherweise werde es jedoch "ein Nachspiel" geben. Dazu wollte er sich jedoch nicht näher äußern.

Im Auftrag eines Münchner Kunstsammlers hatte er wegen der Rückgabe der "Berliner Straßenszene" an die Erbin der früheren jüdischen Besitzer Strafanzeige gegen Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Noch-Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei) gestellt. Der Vorwurf lautete Verdacht der Untreue oder der veruntreuenden Unterschlagung. Grund waren Berichte, dass das Gemälde aus dem Berliner Brücke-Museum möglicherweise zu Unrecht als NS-Raubgut eingestuft worden und deshalb die Rückgabe rechtswidrig gewesen sei.

Mit der Strafanzeige sollte unter anderem erreicht werden, dass die Staatsanwaltschaft im Wege der Rechtshilfe die Beschlagnahme des Gemäldes in den USA zu erreichen versuche. So sollte die "rechtswidrige Veräußerung" verhindert werden.

Schon zuvor hatte der Freundeskreis des Berliner Brücke-Museums, in dem das Bild früher hing, Strafanzeige gegen Flierl sowie Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) und Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler wegen Verdachts der Untreue gestellt. Flierl hatte vor dem Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses betont, dass die Rückgabe nach "sorgfältiger Prüfung" erfolgt sei.

Das Land Berlin hatte das Gemälde aus dem Jahr 1913 im Sommer an die Erbin einer zur NS-Zeit verfolgten jüdischen Familie zurückgegeben, der das Bild einst gehörte. Die "Berliner Straßenszene", eines der berühmtesten Gemälde des Expressionisten Kirchner, war 1937 für 3.000 Reichsmark in Deutschland verkauft worden. Nach Darstellung des Landes Berlin ist nicht klar, ob die jüdische Familie, damals bereits im Schweizer Exil, den Kaufpreis jemals erhalten hat.

Die Anwälte hatten sich auf Berichte bezogen, wonach die 3.000 Reichsmark "weit über dem damaligen internationalen Niveau" gelegen hätten und somit der Verkauf unter "ethisch-moralischen Gesichtspunkten" über jeden Zweifel erhaben gewesen sei. Von einem Zwangsverkauf könne keine Rede sein. Deshalb bestehe keine Grundlage für eine Restitution.

hoc/ddp/dpa

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