Tschernobyl-Fotograf Lubricht: "Ich habe die Radioaktivität geschmeckt"

Vergangenheit, aber noch lange nicht Geschichte: Der deutsche Fotograf Rüdiger Lubricht dokumentiert die Folgen der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl. Im seen.by-Interview spricht er über seine Suche nach Geisterdörfern, das Leben in der Sperrzone und vergessene Opfer.

Lubrichts Tschernobyl-Projekt: Geisterdörfer und Gasmasken Fotos
Rüdiger Lubricht / Bilderberg

Frage: Herr Lubricht, können Sie sich noch an die letzten Apriltage des Jahres 1986 erinnern?

Rüdiger Lubricht: Um ehrlich zu sein, nur schwach. Meine Kinder waren damals noch klein, meine Frau und ich waren natürlich besorgt. In der Intensität wie heute habe ich die Katastrophe aber damals nicht wahrgenommen.

Frage: Seit wann arbeiten Sie an Ihrem Tschernobyl-Projekt?

Lubricht: Seit sechs Jahren. Ich konnte während meiner Aufenthalte in der Ukraine und Weißrussland aus Sicherheitsgründen nie länger als eine Woche in die verstrahlte Zone. Gleichzeitig kostet es sehr viel Zeit, um die riesigen Entfernungen zurückzulegen. Man fährt Tausende von Kilometern, um damals betroffene Menschen und evakuierte Dörfer zu finden, die auf keiner Karte mehr existieren. Oft sind nur ein paar im Wald versteckte Häuser übrig. Viele Orte wurden direkt nach dem Unglück dem Erdboden gleichgemacht.

Frage: Welche Erlebnisse haben sich am meisten in Ihr Gedächtnis eingegraben?

Lubricht: Die verlassenen Dörfer und Städte hinterließen in mir einen sehr tiefen Eindruck, ganz besonders die ukrainische Stadt Prypjat in der Sperrzone des Reaktors. Es ist hart, die Spuren der Menschen zu sehen, die binnen drei Tagen zwangsumgesiedelt wurden, die verlassenen Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen, Klassenräume, in denen noch die Bilder der Kinder hängen, Schreibstifte und Hefte herumliegen. Man hält inne, ringt nach Luft und fragt sich: Mein Gott, was muss damals tatsächlich passiert sein, dass Menschen diesen Ort so fluchtartig verlassen haben?

Frage: Wie leben die Menschen dort heute?

Lubricht: Ich war kürzlich in Weißrussland und habe dort Krankenhäuser besucht. Man trifft auf die wenigen Helfer, die überlebt haben, und weiß: Tschernobyl ist noch nicht Geschichte. Es gibt in Weißrussland so genannte saubere Regionen, die 1986 nicht von dem Fallout, dem radioaktiven Niederschlag, betroffen waren. Mittlerweile treten auch hier Krankheiten auf, die auf die Reaktorkatastrophe zurückzuführen sind. Ich habe Kleinstädte und Dörfer besucht, wo Menschen mir erzählt haben, dass es in ihrem Ort kein einziges gesundes Kind gibt. Das liegt unter anderem daran, dass in den Sperrzonen inzwischen wieder Gemüse und Getreide angebaut wird. Inzwischen gibt es kaum noch saubere Lebensmittel, selbst in den unverseuchten Gebieten.

Frage: Wie gehen die Menschen mit der Vergangenheit um?

Lubricht: Gerade in Weißrussland kamen viele mit der Zwangsumsiedelung nicht klar. Sie lebten zuvor in ihrem Dorf, versorgten sich selbst, wurden dann plötzlich in die Stadt verfrachtet. Vor allem Alte kehrten irgendwann einfach in ihre Dörfer zurück. Jetzt haben sie ihre Freiheit und ihre Heimat wieder, bauen ihre Lebensmittel so wie früher selbst an - und wirken teilweise sehr zufrieden. Möglicherweise auch, weil es ihnen an der nötigen Aufklärung über die wahren Ausmaße der Katastrophe mangelt.

Frage: Haben Sie während Ihrer Arbeit auch Bedrohung empfunden?

Lubricht: Ja, beim Anblick des Sarkophags. Da stehen Sie vor so einem Ding, das die Weltgeschichte beeinflusst hat. Je weiter man sich dem Inneren der 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor nähert, umso unheimlicher wird es. Man weiß nicht, was dort noch an Verstrahlung vorhanden ist und welche Gefahren drohen. Ich habe die Radioaktivität förmlich am eigenen Leib gespürt: Ein merkwürdig eiserner Geschmack im Mund, die Zunge fühlt sich taub an. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass man das auch schmecken kann. Nicht nur in dem Sperrgebiet um Tschernobyl, sogar im viele Kilometer entfernten Weißrussland.

Frage: Wie haben Sie das Erlebte umgesetzt?

Lubricht: Als Dokumentararbeit mit stark konzeptionellem Ansatz. Ich komme aus der Architekturfotografie, deshalb auch die Verwendung von Großbildkamera und Stativ. Die Bilder wurden über einen längeren Zeitraum komponiert, sie strahlen insgesamt eine gewisse Ruhe aus.

Frage: Haben Sie mit dem Projekt jetzt abgeschlossen?

Lubricht: Nein, ich möchte die Dokumentation noch zwei, drei Jahre fortführen. Ich recherchiere gerade über die Liquidatoren. Das waren hauptsächlich junge Wehrpflichtige, Feuerwehrleute und Polizisten, die den Brand im Reaktor löschen und Leute in Sicherheit bringen mussten. Die meisten von ihnen sind inzwischen tot. Aber einige leben noch, trotz schwerer gesundheitlichen Folgen durch die Verstrahlung. Kaum jemand kümmert sich um sie. Zehn dieser Liquidatoren habe ich bereits porträtiert, fünfzig möchte ich insgesamt fotografieren. Ihre Geschichten sind wahnsinnig. Ich hatte mir ursprünglich sechs Porträts pro Tag vorgenommen. Aber das hält man kaum durch. Ich muss bei ihren Erzählungen dauernd schlucken, um dann festzustellen: So, jetzt kann ich erst mal nicht mehr.

Das Interview führte Sabine Tropp für seen.by


Gemeinschaftsausstellung: Rüdiger Lubricht/Gerd Ludwig, "Tschernobyl - Leben mit einer Tragödie", Loftgalerie für Fotografie, 18. September bis 30. Oktober 2009 in Berlin.

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