Der Jahrestag von Tschernobyl ist Erinnerung und Erschrecken zugleich. Erinnerung daran, dass die andere Seite des Normalen und des Erwartbaren immer mitgedacht werden muss. Und Erschrecken darüber, dass genau die Unsicherheit des Normalen trotz aller Katastrophen immer wieder verdrängt wird und im Umgang mit ihnen kein kontinuierlicher gesellschaftlicher Lernprozess stattfindet. Denn wie sollte man es sich sonst erklären, dass nach Fukushima von Seiten der Politik eine Neubewertung des Katastrophenpotentials der Kernenergienutzung ausgerufen und gefordert wurde?
Denn spätestens seit Three Mile Island wusste man doch schließlich, dass der GAU nicht nur eine rechnerische Größe darstellt, sondern auch in der realen Welt vorkommen kann. Das Erstaunen und Erschrecken über Fukushima kann man nur damit erklären, dass die Verantwortlichen für die Sicherheits- und Risikoanalyse selbst nicht an ihre eigenen Aussagen glauben. Gerade bei der Kernenergie, bei der die Möglichkeit extrem unwahrscheinlicher, dann aber katastrophaler Ereignisse besteht, wird dies sonderbarerweise als Sicherheitsanalyse gelesen - obwohl mit ihr doch nur gezeigt wird, dass diese Art von Unfällen möglich sind.
Jede Risikoanalyse fordert zweierlei Bestimmungen: In welchen Zeitraum muss mit einem Schaden gerechnet werden und welchen Umfang wird der Schaden haben. Bei Kernkraftwerken wird mit Hilfe von aufwendigen Fehlerbaumanalysen das Risiko stochastisch bestimmt. Man kann dann lesen: Die Wahrscheinlichkeit eines Störfalls der Größe 7 (Tschernobyl und neuerdings auch Fukushima) beträgt 10 hoch minus 7 oder minus 6, wobei der negative Exponent für einen Zeitraum von zehn Millionen oder eine Million Jahre steht.
Geringe Wahrscheinlichkeit = ferne Zukunft?
In der öffentlichen Kommunikation wird das dann so wahrgenommen: Geringe Wahrscheinlichkeit meint gleichzeitig eine große zeitliche Entfernung. "10 hoch minus 7" wird nicht so gedeutet, dass der Unfall zu keinem Zeitpunkt in diesem Zeitintervall unmöglich ist (was die korrekte Lesart der stochastischen Berechnung wäre), sondern es wird stillschweigend davon ausgegangen, dass der Unfall - wenn überhaupt - in zehn Millionen Jahren geschieht.
Nur so ist zu verstehen, dass das Bundesverfassungsgericht von einem "hinzunehmenden Restrisiko" der Kernenergie gesprochen hat. Man hat schlichtweg nicht damit "gerechnet", dass der Katastrophenfall eintreten könne.
Aber Tschernobyl und Fukushima zeigen uns nicht nur das Versagen der quantitativen Risikoanalysen oder die Unmöglichkeit der Prognose einer unbekannten Zukunft, sondern sie verweisen auch auf ein Problem, das die Beherrschbarkeit der Technik durch Technik betrifft: Mit dem Normalbetrieb der Technologien werden Gefahrenpotentiale geschaffen, die den angestrebten Nutzen konterkarieren und die Gewinn-/Verlust-Bilanz tief ins Negative geraten lassen.
Die Gesellschaft als Labor der Technik
Es ist legitim, die gesellschaftliche Brisanz des Themas damit in Verbindung zu bringen, dass mit den Hochtechnologien sowohl die Dimension des Nutzens als auch der möglichen Schäden neue quantitative Größenordnungen erreicht worden sind. Hochtechnologien zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie ein hohes Katastrophenpotential besitzen.
Und in Bezug auf die technischen Möglichkeiten der Beherrschung dieses Katastrophenpotentials werden nun eben zunehmend Zweifel in der Gesellschaft laut. Hierbei müssen mehrere Probleme unterschieden werden. Zum einen kann es um die allmähliche Akkumulation der Effekte einer minimalen Messungenauigkeit oder eines minimalen Materialfehlers gehen, die dazu führen, dass abrupt eine Zustandsänderung des Systems eintritt. Oder dass durch die Verbesserung der Sicherungstechnologien immer mehr Interferenzeffekte auftreten, die aufgrund der Komplexität des Systems wissenschaftlich nicht prognostizierbar sind. Die Gesellschaft wird zum Labor der Technik - mit unsicherem Ausgang.
Man kann zwar lernen, aber dieses Lernen ist mit dem Risiko verbunden, das System insgesamt unbeherrschbar zu machen oder gerade durch das Lernen die Katastrophe auszulösen - wie der Fall Tschernobyl zeigt.
Nicht-Wissen wird Bestandteil der Entscheidung
Etwas anders liegen die Dinge, wie der Reaktorunfall von Fukushima zeigt, wenn es sich um sehr seltene, höchst unwahrscheinliche Kausalkombination von Auslöseereignissen handelt, die keiner so erwartet hatte - und aus denen man auch nicht lernen kann, da sie sich kaum wiederholen werden.
Unter diesem Gesichtspunkt ist es verwunderlich, dass man gerade durch eine zusätzliche Überprüfung der Sicherheitssysteme mehr technische Sicherheit erzeugen will. Eher dürfte man vermuten, dass es hier nur um Symbolpolitik geht, die Vertrauen dadurch gewinnen will, dass man etwas tut, obwohl einsichtig ist, dass man gegen diese Auslösungsprozesse nichts ausrichten kann.
"Je genauer man plant, umso härter trifft einen der Zufall", hat Friedrich Dürrenmatt einmal geschrieben. Achtet man auf die Semantik der Risikokommunikation, so kann man beobachten, dass für das Funktionieren der Technik die Sprache der regulären Wiederholung (Beherrschbarkeit), für die Störung der Technik die Sprache der singulären Ereignisse (Zufall) und für die Katastrophe der Technik die Sprache des Schicksals (Weltuntergang) benutzt wird. Eine adäquate Darstellung müsste aber das Gesamtgeschehen Technik auf einen Nenner bringen, also auch die technisierten Vollzüge als prinzipiell kontingente Ereignissequenzen darstellen.
Die Risiko-Semantik signalisiert somit eine neue Unsicherheit in der Gesellschaft, die in der bewusst als kontingent wahrgenommenen Zukunft liegt. Risiko unter diesem gesellschaftstheoretischen Aspekt meint damit, dass mögliche Schäden auf das Entscheidungsverhalten schon heute zugerechnet werden, wobei Wissen über das Ausmaß der Schädigung, den Eintritt des Schadens und ob es überhaupt zur Schädigung kommen wird, nicht gewonnen werden kann.
Das Nicht-Wissen wird zum Bestandteil der Entscheidung. Mit schwerwiegenden Folgen: Das Risiko, es ist heutzutage der bestimmende Aspekt, wenn die Gesellschaft über das Thema Zukunft nachdenkt.
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