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07. Juni 2012, 06:46 Uhr

Alternatives Sammelalbum

Kind, gib uns die Kicker-Sticker!

Von Roger Stilz

Kunst statt Kommerz, "Tschuttiheftli" statt Panini: Für ein alternatives EM-Sammelalbum haben 38 Kreative die Spieler der 16 Nationalteams gezeichnet. Für das DFB-Team war ein Schweizer zuständig. Die Equipe Tricolore malte ein Elfjähriger aus Hamburg-Blankenese.

Die Besucher mussten zweimal hingucken, als sie den kleinen Jungen mit seinem Selbstporträt auf der Brust erblickten. Nein, es waren weder Mama Manuela noch Papa Marcus, die beim Zeichnen des alternativen Sammelalbums für Fußballfans und Kunstliebhaber ihre Finger im Spiel hatten. Es war ihr 11-jähriger Sohn Liam, der zur Release-Party des aktuellen "Tschuttiheftlis" ins schweizerische Luzern eingeladen und deshalb für einen Tag vom Unterricht an seinem Hamburger Gymnasium freigestellt wurde.

"Es war interessant und aufregend. Ich habe mir mein eigenes Magazin von allen Künstlern signieren lassen", sagt Liam Tanzen. Der Fünftklässler ist einer von 38 Kreativen aus Deutschland und der Schweiz, welche die 16 Mannschaften porträtierten, die vom 8. Juni bis 1. Juli an der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine teilnehmen.

Jeder Künstler nahm sich eine Mannschaft vor: elf Akteure, den Coach, das Wappen, dazu ein Selbstporträt. Einkleben kann der Sammler dazu acht Stadien, eine Truppe aus "Schmerzlich Vermissten", die Schiedsrichter, eine Persiflage der Spielerfrauen sowie die komplette Schweizer Nationalmannschaft, die bekanntermaßen die Qualifikation für das Turnier versemmelte.

Gegen Kommerzialisierung im Fußball

Nicht umsonst bekommen ausgerechnet die Eidgenossen ihr Fett weg: Die Idee zum "Tschuttiheftli" ("tschutten" ist Schweizerdeutsch für "kicken") entstand 2008, als das kulturelle Rahmenprogramm zur EM in der Schweiz gestrichen wurde. "Darauf mussten wir reagieren", sagt der Schweizer Projektleiter Silvan Glanzmann.

Mit einer Startauflage von 1000 Exemplaren pro Aufkleber ging es damals los. Die Bilder wurden von Hand gemischt und in Glanzmanns Wohnzimmer in Zehnerpäckchen gebündelt. Die ersten beiden Alben 2008 und 2010 waren ein voller Erfolg - dieses Jahr liegt die Auflage schon bei zwei Millionen Stickern. Herangehensweise und Ziel sind gleich geblieben: Künstlerische Freiheit bei der Gestaltung sowie ein Zeich(n)en gegen die bekannten Panini-Hochglanzalben, die für die "Tschuttiheftli"-Macher ein Symbol der Kommerzialisierung des Fußballs sind.

Für die deutsche Elf zeigte sich mit Illustrator Stephan Schmitz ein Schweizer verantwortlich: "Für jede Helligkeitsstufe im Gesicht fertigte ich eine Schablone an. Pro Porträt entstanden so vier bis sieben Stufen", sagt Schmitz. Jogis Jungs erscheinen stolz, ernst und konzentriert. Schmitz habe keine Karikatur gewollt. Vielmehr sollten die Gesichter das Selbstbewusstsein ausdrücken, mit dem das Team in den vergangenen Monaten auflief.

Bei anderen Teams waren die Zeichner weniger zimperlich: Über den griechischen Kickern schwebt der Pleitegeier, die Tschechen trinken sich Mut an, die heroischen Niederländer haben offene Münder und um die Spanier schlängeln sich verwunschene Krakenarme. Richtig gelungen: In den Antlitzen der polnischen Profis sind Landkarten zu erkennen. Darauf zu finden die Städte, in denen die einzelnen Spieler unter Vertrag stehen.

Noch mal zurück zum jungen Zeichner Liam Tanzen: Der besitzt zwar keinen Kontrakt, tritt aber trotzdem gerne gegen den Ball. Und wenn er nicht kickt, dann zeichnet er. "Ich male jeden Tag. Oft mache ich dazu ein Hörspiel an", sagt er. Der Junge hat sich die Franzosen ausgewählt, weil er schon beim Album 2010 den fehlenden FC-Bayern-München-Dribbler Franck Ribéry nachreichte. "So hatte ich bereits einen Anfang", sagt Tanzen. Er lässt sich von Medien, Comics und Ausstellungen inspirieren. Aktuell hat es ihm die Street-Art angetan.

Album und Bilder können an ausgewählten Kiosken (www.tschuttiheftli.de) gekauft werden. Abnehmer unterstützen damit ein soziales Projekt: Mindestens fünf Cent pro Aufkleberpäckchen kommen der Initiative Viva con Agua zugute, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern zu verbessern.

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