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"Tsunami" auf ProSieben: Mit Trash die Welle machen

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Monsterwelle vor Sylt: Wegen der realen Katastrophe im vergangenen Dezember musste ProSieben sein Event-Movie "Tsunami" verschieben, erst heute wird der Film ausgestrahlt. Das krude Machwerk gilt schon jetzt als eine der erfolgreichsten Eigenproduktionen des Senders.

Wer in den letzten Wochen mal ProSieben eingeschaltet hat, kennt den Film eigentlich schon. Der Trailer, den der Sender so ungefähr jede halbe Stunde abspult, zeigt alles, worum es in dem Katastrophenthriller "Tsunami" geht: Erst prallt eine 15 Meter hohe Welle auf die Küste von Sylt, dann rollt ein gut dreimal so großes Ungetüm heran, das die gesamte Insel unter sich zu begraben droht.

Katastrophenfilm "Tsunami": Auf die Riesen- folgt die Monsterwelle
ProSieben

Katastrophenfilm "Tsunami": Auf die Riesen- folgt die Monsterwelle

Die Riesenwelle und die Monsterwelle, daraus macht ProSieben keinen Hehl, sind die beiden Stars dieses Films. Um sie herum hat man ein bisschen Handlung gebaut, aber die ist nicht der Rede wert. Es geht um verbotene Bohrungen in der Nordsee, die ein Seebeben auslösen, und um einen Surfer, der Sylt retten und zugleich die eigenen bösen Erinnerungen überwinden muss, die ihn nach dem tödlichen Unfall seiner Freundin im Meer plagen. Gemessen an den Standards Hollywoods, auf die man für das Action-Movie geschielt hat, ist das Ergebnis bescheiden: Die am Rechner entworfenen Wasserbewegungen bleiben vergleichsweise statisch, die Figuren sind schon im Ansatz unglaubwürdig.

Das alles kann den Produzenten aber herzlich egal sein, denn "Tsunami" ist schon vor der deutschen Erstausstrahlung eine der erfolgreichsten ProSieben-Produktionen aller Zeiten. So phantastisch die Geschichte um die 50-Meter-Welle in der Nordsee vor Drehbeginn im Sommer 2004 noch anmutete - nach der realen Flutkatastrophe in Südostasien letzten Dezember muss der Film allein schon durch den Titel die kollektive Psyche der Zuschauer erreichen.

Aus Pietät sah man bei ProSieben zwar von der geplanten Ausstrahlung Anfang dieses Jahres ab, der Vermarktung des TV-Movies hat das aber nicht geschadet. In über 73 Länder, so vermeldete die Produktionsfirma schon vor einiger Zeit stolz, wurde der Film verkauft. Sogar in Sri Lanka und Indonesien, zwei der vom echten Tsunami mit am stärksten betroffenen Ländern, wird er zu sehen sein. Dass die Ausstrahlung eines von jeglichem psychologischen Feinschliff freien Eventmovies dabei behilflich sein kann, das kollektive Trauma zu überwinden, daran darf man allerdings zweifeln.

Szene mit Anja Knauer, Ingo Naujoks: Keine Linie erkennbar
ProSieben

Szene mit Anja Knauer, Ingo Naujoks: Keine Linie erkennbar

Über den therapeutischen Wert von ProSieben-Produktionen generell braucht man nicht zu sprechen, anerkennen muss man indes, dass der Privatkanal bei seinen selbst produzierten Spielfilmen kommerziell immer wieder ins Schwarze trifft. Dabei ist hier keine Linie erkennbar. Irrsinn oder Masche? Bei den ProSieben-Movies ist man sich da nicht so sicher. So weltabgewandt, so hirnverbrannt, so abstrus sind die Filme keines anderen deutschen Senders.

Den Großteil der Eigenproduktionen, die am Donnerstag um 20.15 Uhr laufen, stellen krude Komödienmixturen. Da geht es um Sexaholics, die sich nach echter Liebe sehnen ("Scharf wie Chili") oder um Dicke, die sich durch eine Beischlaftherapie für ihren Traumpartner fitmachen ("Poppen macht schlank"). Man weiß nie so recht, ob diese Rammel-Romanzen für hormongetriebene Teenager oder für gesetztere Frauenzeitschriftenleserinnen gemacht sind; ungehemmter Austritt von Körperflüssigkeiten und ebenso zügelloser Candlelightkitsch stehen hier jedenfalls immer disparat nebeneinander. Offensichtlich springen aber beide Zielgruppen drauf an, die Zuschauerresonanz ist meist überdurchschnittlich.

Und da diese holprigen Erfolgsfilmchen im gehobenen Soap-Ambiente so gut wie nichts kosten dürften, hat man immer mal wieder Geld für aufwendige Eventmovies zur Verfügung. Hier nun beschleicht den Programmbeobachter tatsächlich das Gefühl, dass der Wahnsinn bei ProSieben Methode hat: Denn auch das esoterische Wüstenabenteuer "Das Jesus Video" oder das vollkommen wirre Mönchsgekeile "Das Blut der Templer" - Zweiteiler alle beide, die wie gesäubert von jeglicher Plausibilität und jedem Wirklichkeitsbezug erschienen - erzielten sensationelle Einschaltquoten.

So passte denn auch das abwegige Bild einer 50-Meter-Welle in der Nordsee erstmal bestens in den brachialen Eskapismus, den ProSieben mit seinen Eigenproduktionen betreibt. Dass der reale Tsunami (und natürlich auch die aktuellen Ereignisse im Süden der USA) nun das Hochwasserspektakel nicht mehr ganz so unbekümmert als Chips-und-Bier-Spektakel konsumieren lassen, ist für den Sender nicht mal von Nachteil - bringt dieser Umstand doch ganz neue Crossmarketingmöglichkeiten mit sich.

So zeigt ProSieben heute Abend gleich im Anschluss an den Ereignisfilm eine Spezialausgabe seines Sachkundemagazins "Galileo", wo Moderator Aiman Abdallah nachzuweisen versucht, dass das Katastrophenszenario aus "Tsunami" irgendwie dann doch nicht ganz von der Hand zu weisen sei. Eine pfiffige Programmgestaltung: Da wird die Wahnsinns-Action zum Wissenschaftsbeitrag.


"Tsunami", Donnerstag, 29. September, 20.15 Uhr, ProSieben

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