Freihandelsabkommen mit den USA "Der Zombie hat mehr Feinde bekommen"

Ist Alarm angebracht? Ist Kultur eine Ware wie jede andere auch? Matthias von Hartz, Volkswirt und Theaterregisseur, über das geplante Freihandelsabkommen TTIP mit den USA - und wie und warum er dagegen Front macht.

REUTERS

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr von Hartz, die Kulturszene kämpft gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA, jeden Tag warnt ein anderer Funktionsträger vor den Gefahren. Sind Sie auch in Alarmstimmung?

Von Hartz: Ich glaube durchaus an den Untergang des Abendlands, aber es wird noch zehn Jahre dauern. Im Ernst: Die meisten Beispiele, die die Kulturkollegen nennen, halte ich für Schwarzmalerei.

SPIEGEL ONLINE: Bedroht das Abkommen Ihr Festival Foreign Affairs, das zurzeit in Berlin stattfindet?

Von Hartz: Wenn ich ehrlich bin: eher nein. Die Zahl der Wettbewerber, die bei uns auftauchen werden, um gegen Theatersubventionen zu klagen, wird sich in Grenzen halten.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also gar keinen Anlass zur Sorge?

Von Hartz: Doch. Aber meine Sorgen sind grundsätzlicher. Ich lehne nicht nur das konkrete Abkommen ab, sondern das dem Abkommen zugrunde liegende Denken. Bedroht ist das Wesen des Kulturguts an sich. Die Idee eines Handelsabkommens, das Kultur mit einschließt, verneint explizit die Existenz gesellschaftlicher Räume jenseits ökonomischer Verwertungslogik. Das ist eine neue Dimension ideeller Ökonomisierung. Besonders absurd finde ich, dass sich diesmal jeder gesellschaftliche Prozess per Negativliste vom Warencharakter distanzieren muss, statt durch eine Positivliste zum Handelsgut zu werden, so wie das bei früheren Handelsabkommen der Fall war. Kultur ist keine Ware.

SPIEGEL ONLINE: Kultursubventionen gehen in Deutschland auch an Filme, deren Warencharakter offensichtlich ist.

Von Hartz: Das ist so, ja. Ich frage mich nur: Ist es schlimm?


Zur Person
  • Antonia Zennaro
    Matthias von Hartz, 44, leitet seit 2013 das internationale Theater- und Performancefestival Foreign Affairs in Berlin. Er gilt als einer der politisch ambitioniertesten Kuratoren des Landes, kreuzt Kunst mit Aktivismus, Performances mit Diskussionen. Von Hartz hat Volkswirtschaft an der London School of Economics studiert und Regie an der Hamburger Theaterakademie. Von 2002 bis 2005 gestaltete er die Aktions- und Performancereihe "Go create resistance" am Hamburger Schauspielhaus, von 2007 bis 2011 kuratierte er mit Tom Stromberg das Theaterfestival Impulse in NRW, von 2008 bis 2012 leitete er das Internationale Sommerfestival der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel.

SPIEGEL ONLINE: Sie finden es richtig, dass es Wirtschaftssubventionen unter dem Deckmantel der Kulturförderung gibt?

Von Hartz: Wenn wir über Kulturförderung reden, reden wir über mikroskopische Summen. Wenn 30 Prozent davon nicht richtig ankommen: geschenkt! Nur weil es hier und da Marktverzerrungen gibt, können wir doch nicht das gesamte Kulturleben einem marktwirtschaftlichen Kalkül unterwerfen. Ich glaube nicht, dass sich auf einem völlig freien Markt gleich gute Ergebnisse produzieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Gefeierte Fernsehserien wie "Mad Men" sind auf dem freien US-Markt entstanden, ohne Zwangsgebühren. So etwas bekommt der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht hin.

Von Hartz: Der Vergleich ist ungerecht. In den USA ist Fernsehen besser, weil auf Englisch für viel mehr Menschen viel mehr Fernsehen produziert wird: sehr viel Schrott, aber in der Spitze eben auch sensationelle Sachen. Der Output ist bei uns, ins Verhältnis gesetzt, vielleicht gar nicht schlechter.

SPIEGEL ONLINE: US-Schriftsteller wie Paul Auster oder Jonathan Frantzen haben sich ohne Buchpreisbindung durchgesetzt.

Von Hartz: Auch sie haben einen viel größeren Heimatmarkt als jeder Schriftsteller, der auf Deutsch schreibt.

SPIEGEL ONLINE: Die entscheidende Frage ist: Hätte Deutschland schlechtere Schriftsteller ohne Buchpreisbindung?

Von Hartz: Das würde man immer behaupten, aber das weiß man natürlich nicht. Ich persönlich mache mir auch weniger Sorgen um die Schriftsteller oder um die Verlage, ich interessiere mich dann doch ganz konservativ für den kleinen Buchladen bei mir ums Eck. Der profitiert von der Buchpreisbindung, was natürlich auch ein Streuverlust ist, aber der ist mir ganz recht. Ich bin um jede Stelle auf der Welt froh, wo Dinge noch keine Ware geworden sind.

SPIEGEL ONLINE: Die USA hat das bessere Fernsehen und die besseren Schriftsteller. Auch das bessere Theater?

Von Hartz: Die USA hat praktisch gar kein interessantes Theater. Und das bisschen Theater, das interessant ist, hängt an europäischen Subventionen. Nehmen Sie das Nature Theatre of Oklahoma, eine New Yorker Truppe, die letztes Jahr mit einer großen Werkschau bei meinem Festival war. Die Theaterwelt ist sich einig, dass diese Künstler interessant sind, dass sie wahrscheinlich sogar zu den interessantesten Performancekünstlern der Welt zählen. Aber in diesem ganzen beknackten New York gibt es keinen Ort, an dem sie arbeiten könnten: kein Haus, das sie engagieren könnte, kein Fördersystem, in das sie sich einklinken könnten. Das ist doch desaströs!

SPIEGEL ONLINE: Wie überleben solche Performancegruppen?

Von Hartz: Am besten, indem sie nach Berlin ziehen oder auch nach Belgien und sich dort um eine halbwegs regelmäßige Förderung bemühen. Mit viel Stress auch, indem sie permanent durch europäische Theater und über europäische Festivals touren. Das ist doch merkwürdig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dieses Jahr auch US-Amerikaner im Programm?

Von Hartz: Der Choreograf Zachary Oberzan, sonst Mitglied beim Nature Theater of Oklahoma, erzählt in einer Soloperformance, wie es ist, eine Überdosis Xanax zu nehmen und in der Klapse zu landen. Es ist seine persönliche Geschichte. Und der Musiker Tom Krell, bekannt unter dem Künstlernamen How To Dress Well, hat ein Projekt zwischen Konzert und Tanz und Performance erarbeitet. Statt von Klub zu Klub zu touren, durch 200 im Jahr, konnte er sich mal in einem größeren Kontext an Kunst versuchen. Er hat uns sehr deutlich gesagt: So einen Rahmen gebe es in den USA nicht, ohne ein verkaufbares Massenprodukt zu produzieren. So eine Arbeit sei nur hier möglich.

SPIEGEL ONLINE: Zachary Oberzan ist großartig, aber auf die Straße geht für den vermutlich niemand. Wieso ist der Protest gegen das Freihandelsabkommen so groß?

Von Hartz: Weil er eine Vorgeschichte hat. Ich habe das Gefühl, dass TTIP ein wiederauferstandener Zombie ist: der Nachfolger internationaler Abkommen wie ACTA und GATS und TRIPS. Auch die kamen schon nicht gut an, aber mit jeder Wiederauferstehung hat der Zombie mehr Feinde bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind sicher, dass nicht nur der Anti-Amerikanismus gewachsen ist, etwa durch die NSA-Affäre?

Von Hartz: Natürlich spielt Anti-Amerikanismus eine Rolle, aber keine tragende. Die globalisierungskritische Haltung hat in den letzten zehn Jahren die breite Bevölkerung erreicht; die Menschen glauben den Heilsversprechen einfach nicht mehr. Anfang der Nullerjahre habe ich meine ersten globalisierungskritischen Kunstprojekte gemacht und in Workshops zum TRIPS-Abkommen mit drei Greenpeace- und fünf Attac-Leuten rumgesessen. Gegen TTIP sind jetzt viele: nicht nur die Chlorhühnchen-Gegner, auch die Kulturstaatsministerin, der Deutsche Kulturrat, der Deutsche Bühnenverein, die Akademie der Künste. Wir sind mehr. Und wir sind besser aufgestellt. Die Kämpfe der vergangenen Jahre zahlen sich nun aus, auch die Kämpfe mit kulturellen Mitteln.

SPIEGEL ONLINE: Die Sie an vorderster Kuratoren-Front geführt haben.

Von Hartz: Nicht nur ich. Außer mir gab es noch viele andere, die immer wieder globalisierungskritische Positionen in die Kulturinstitutionen hineingetragen haben. Und der wirkliche Verdienst gehört ohnehin nicht den Kuratoren, sondern den Künstlern. Einer der wichtigsten ist John Jordan, der in seinem Labor für aufständische Imagination LABOFII seit zehn Jahren Künstler und Aktivisten versammelt, um theatrale Protestaktionen quer durch Europa durchzuführen. Er ist diese Woche auch wieder bei Foreign Affairs zu Gast.

SPIEGEL ONLINE: Was hat er vor?

Von Hartz: Seine Show passt in drei Kisten, denn gedacht ist sie eigentlich als Mobilisierungstool: John Jordan wird mit ihr im kommenden Jahr durch Frankreich touren, um den Widerstand gegen den UN-Klimagipfel in Paris anzuheizen. Bei uns in Berlin funktioniert es als Theaterabend, in dem er seine Protest-Biografie erzählt: Was waren die Kämpfe der vergangenen Jahre? Welche hat er gewonnen? Auf welche muss er sich noch einstellen? Seine Erzählung setzt ein mit dem WTO-Gipfel in Seattle 1999. Damals hat er an einer Wand einen Spruch gesehen: "We are winning". Der große Protest gegen TTIP könnte ein Indiz sein, dass der Spruch vielleicht doch stimmt.


Foreign Affairs: bis 13. Juli im Haus der Berliner Festspiele und an weiteren Orten in Berlin. John Jordan am 4. und 5.7., Zachary Oberzan am 9., 10. und 11.7. Komplettes Programm unter berlinerfestspiele.de. Kartentelefon 030/25489100.



insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BettyB. 02.07.2014
1. Kulturförderung mal anders gesehen
Ohne Förderung weit weniger Kultur und mehr Arbeitslose, die aber auch "gefördert" werden. Interessant bei Beurteilung der Kulturförderung sind deshalb nicht die Bruttoaufwendungen, sondern das was vor Steuerzahlungen der Empfänger und Alternativkosten anfällt. Das dürfte aber nur für wirkliche "Kulturbanausen" von Bedeutung sein in Anbetracht der stattlichen Gesamtausgaben...
Immanuel_Goldstein 02.07.2014
2. Wir bekommen keine bessere Kultur, wenn wir die eigene aufgeben.
Zitat von sysopREUTERSIst Alarm angebracht? Ist Kultur eine Ware wie jede andere auch? Matthias von Hartz, Volkswirt und Theateregisseur, über das geplante Freihandelsabkommen TTIP mit den USA - und wie und warum er dagegen Front macht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ttip-freihandelsabkommen-matthias-von-hartz-von-foreign-affairs-a-978515.html
Die Behauptung, die USA hätte die bessere Kultur, die besseren Schriftsteller, die besseren Filme, entbehrt vollkommen jeglicher Grundlage. Sie ist geradezu absurd. Der Autor hat Recht: Kultur ist keine Waren und Dinge wie Theatersubventionen oder Buchpreisbindung schädigen niemanden, sondern nützen allen. Der Buchmarkt in den USA ist ziemlich katastrophal, weil überhaupt nur noch Bestseller verlegt werden. Nischenliteratur gibt es nicht mehr, weil sie sich keiner leisten kann und Fachbücher fürs Studium kosten hunderte Dollar, weil der Markt für sie klein ist. All das ist im kulturellen Europa nicht gerade wünschenswert und darf auf keinen Fall aufgegeben werden. Wir bekommen keine bessere Kultur, wenn wir die eigene aufgeben.
derandereblick 02.07.2014
3. Nichts gelernt
Die abgehobenen EU-Oberen lernen einfach nichts dazu. Warum sind sie denn bei der letzten Wahl abgestraft worden? Weil die Leute in der EU keine Institution mehr sehen, die sie schützt und die ihre Interessen vertritt, sondern sie im Gegenteil den Profitinteressen des Kapitals schutzlos ausliefert. Die Leute sollen "den Gürtel enger schnallen", für Hungerlöhne arbeiten und auf Kündigungsschutz, Tarifbindung und Gesundheitsversorgung verzichten, damit die Konzerne noch mehr Profit auf ihre Kosten machen können. Und was tut die EU? Statt endlich Politik für ihre verängstigten Bürger zu machen, werden mit TTIP und TISA (den Lobbyisten in Brüssel sei Dank) wieder nur die Interessen des Großkapitals bedient und die kleinen Leute weiter entrechtet. Ist es da ein Wunder, wenn sie von dieser EU die Nase voll haben?
maledicto 02.07.2014
4.
Zitat von sysopREUTERSIst Alarm angebracht? Ist Kultur eine Ware wie jede andere auch? Matthias von Hartz, Volkswirt und Theateregisseur, über das geplante Freihandelsabkommen TTIP mit den USA - und wie und warum er dagegen Front macht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ttip-freihandelsabkommen-matthias-von-hartz-von-foreign-affairs-a-978515.html
Vielleicht hätte Deutschland nicht schlechtere Buchautoren, aber sicher schlechtere Bücher. Die Qualität von US-Büchern ist dermaßen schlecht, dass sie schon beim ersten Lesen zerfleddern. Man hat den Eindruck, es wird absichtlich so hergestellt, dass man das gleiche Buch mehrfach kaufen muss.
manicmecanic 02.07.2014
5. Demokratie
Sieht also aktuell so aus daß per GEHEIMEN Verhandlungen über alles mögliche verhandelt wird was JEDEN Bürger mehr oder weniger direkt betrifft.Ich kann nur staunen wie gut die Masse bereits verblendet wurde wenn ich sehe wie es die meisten entweder gar nicht wissen oder es ihnen schlicht egal ist weil sie nicht begreifen wie sie gerade im Moment alle verkauft werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.