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Glaubensstreit in der Türkei: "Die Hagia Sophia muss wieder eine Moschee werden"

Ein Interview von , Istanbul

Hagia Sophia: Kulturkampf um ein Wahrzeichen Fotos
Agata Skowronek/ DER SPIEGEL

Museum oder Moschee? Die Türkei streitet über die Hagia Sophia. Konservative Muslime fordern die Rückumwandlung in ein islamisches Gotteshaus. An ihrer Spitze: Ali Ugur Bulut, der Istanbuler Chef der Anatolischen Jugendvereinigung.

Erst war sie 916 Jahre lang die größte Kirche der Welt im byzantinischen Imperium, dann 482 Jahre lang eine Moschee im Osmanischen Reich. Die Hagia Sophia ist ein atemberaubendes Monument und Wahrzeichen der Stadt Istanbul. 1935 wurde sie von Mustafa Kemal Atatürk zu einem Museum erklärt.

Jetzt fordern nationalistische Politiker und konservative Muslime in der Türkei, die Hagia Sophia wieder als Moschee zu nutzen. Der türkische Vizepremierminister Bülent Arinc sagte im vergangenen Jahr, die Hagia Sophia scheine "betrübt" zu sein. "Hoffen wir bei Allah, dass ihr bald wieder Tage des Lachens geschenkt werden."

Die Anatolische Jugendvereinigung, nach eigenen Angaben mit etwa einer halben Million Mitgliedern die größte Jugendorganisation der Türkei, ist Vorkämpferin für eine Rückumwandlung in eine Moschee. Kürzlich organisierte sie ein öffentliches Demonstrationsgebet vor der Hagia Sophia - viele Tausende folgten der Einladung. Der 47 Jahre alte Ali Ugur Bulut, grauer Anzug und Krawatte, ist der Chef der der Organisation in Istanbul. Er ist guter Hoffnung, dass das Vorhaben Erfolg hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bulut, die Hagia Sophia ist ein sehr viel besuchtes Museum. Warum wollen Sie aus dem Gebäude unbedingt wieder eine Moschee machen?

Bulut: Die Hagia Sophia ist nicht nur ein Wahrzeichen von Istanbul, sie ist auch ein Symbol der islamischen Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453. Ich sehe es als unsere Aufgabe, dieses islamische Erbe zu schützen und weiterzugeben. Die Hagia Sopia muss wieder eine Moschee werden!

SPIEGEL ONLINE: Wäre diesem Erbe nicht viel besser gedient, wenn die Hagia Sophia ein Museum bliebe? So besuchen sie jährlich immerhin viele Millionen Menschen.

Bulut: Muslime haben seit dem Bau der Hagia Sophia von 532 bis 537 nach Christus versucht, die Stadt zu erobern. Erst Sultan Mehmet II. ist es gelungen. Das Erste, was er tat, als er mit seinem Schimmel in die Stadt einritt, war, die Hagia Sophia aufzusuchen, Erde vom Boden zu nehmen, sie über seinen Turban zu streuen und sich gen Mekka zu verneigen. Damit war die Hagia Sophia endlich eine Moschee. Sie sollte es auch heute wieder sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Vor bald acht Jahrzehnten hat Mustafa Kemal Atatürk sie zu einem Museum gemacht, und es hat ihr nicht geschadet.

Bulut: Niemand muss Sorge haben, die Hagia Sophia nicht mehr betreten zu dürfen, wenn sie wieder eine Moschee ist. Sie stünde auch als Moschee allen Menschen offen. Aber wir Muslime könnten sie wieder nutzen als das, was sie bis vor achtzig Jahren lange Zeit war. Als Museum ist sie ihres Geistes, ihrer Seele beraubt. Außerdem hat Prophet Mohammed schon den byzantinischen und damit christlichen Kaiser Herakleios per Brief aufgefordert, sein Volk zum Islam zu bekehren. Leider erfolglos.

SPIEGEL ONLINE: Sie stellen also die Entscheidung von Atatürk, dem Vater der Nation, in Frage?

Bulut: (lacht) Nein, keineswegs. Die Unterschrift unter dem Dekret, die aus der Moschee ein Museum machte, sieht nicht aus wie die von Atatürk. Es gibt viele Leute, die behaupten, sie sei gefälscht.

SPIEGEL ONLINE: Atatürk starb erst Jahre nach der Umwandlung in ein Museum. Es ist nicht bekannt, dass er diese Entscheidung für falsch hielt. Glauben Sie ernsthaft, dass die Unterschrift gefälscht ist?

Bulut: Die Republik Türkei war damals noch jung und dabei, sich zu finden. Man muss die Entscheidung im Lichte der damaligen Zeit sehen. Ich bin mir sicher, dass Atatürk es in der heutigen Zeit begrüßen würde, wenn in der Ayasofya-Moschee wieder gebetet wird.

SPIEGEL ONLINE: Das Gebäude war sehr viel länger eine Kirche als eine Moschee.

Bulut: Das stimmt, und bis zur Erscheinung unseres Propheten Mohammed war das Christentum die einzig wahre Religion. Durch ihn kam der Islam und löste das Christentum darin ab. Aber Sultan Mehmet II. hat den Namen der Kirche Sankt Sophia ja beibehalten, aus Respekt vor den Christen.

SPIEGEL ONLINE: Christen könnten dann genauso eine Rückumwandlung in eine Kirche fordern.

Bulut: Könnten sie, so etwas ist aber sehr selten aus dem Ausland zu hören. Ich bin übrigens überzeugt, dass die Umwandlung in ein Museum auf Druck des Auslands zustande kam. Wir Muslime stellen in diesem Land heute die Mehrheit, also haben wir das Recht zu bestimmen. Das ist doch demokratisch, oder? Ich bin überzeugt, dass eine Mehrheit hinter unserer Forderung steht. Im vergangenen Jahr haben 15 Millionen Menschen dafür unterschrieben. Die Spanier zum Beispiel haben doch auch das Recht, in Andalusien alte Moscheen aus der Zeit der Mauren als Kirchen zu nutzen. Wer wären wir, etwas dagegen zu haben?

SPIEGEL ONLINE: Welche Ziele verfolgt Ihre Jugendorganisation eigentlich?

Bulut: Wir treten ein für eine Gesellschaft, die den Islam nicht nur als Religion, sondern als eine Lebensweise auffasst. Eine Gesellschaft, die nach dem Vorbild unseres Propheten Mohammed lebt und nach dem Koran, Wort für Wort. Wir sind gegen Extremismus und Gewalt, wir stehen für Nächstenliebe und Frieden. Wir wollen die Menschen mit Argumenten überzeugen. Unser Ziel ist, dass unsere Jugend unsere Traditionen und das Erbe des Osmanischen Reiches nicht vergisst.

SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Wochen haben Sie zu einem öffentlichen Morgengebet vor der Hagia Sophia eingeladen, mehr als 100.000 Menschen folgten Ihrem Aufruf. Die Menschen riefen "Öffnet die Hagia Sophia!" und "Lasst uns drinnen beten!" Ein sonderlich versöhnliches Auftreten war das nicht gerade.

Bulut: Sultan Mehmet II. hat persönlich eine Stiftung für die Hagia Sophia ins Leben gerufen. In einem Dokument hielt er fest, dass jeder, der dazu beiträgt, dass sie nicht als Moschee genutzt wird, von Allah bestraft wird. Ich finde, wir Muslime können nicht länger zusehen, dass sie nicht als Gotteshaus dient. Eine Glaubensstätte sollte eine Glaubensstätte bleiben. Nur das fordern wir. Was ist daran falsch?

SPIEGEL ONLINE: Jahrhunderte alte Kunst, die seit der Nutzung als Moschee hinter Mörtel verschwunden war, musste in den vergangenen Jahrzehnten erst mühsam freigelegt werden. Würde die Hagia Sophia wieder eine Moschee, würden die Mosaike wegen des islamischen Bilderverbots verschwinden. Finden Sie das nicht falsch?

Bulut: Das Gebäude ist ein Weltkulturerbe, und das würde es natürlich auch als Moschee bleiben. Was die Bilder angeht, würden sie so verdeckt werden, dass sie keinen Schaden nehmen. Das ist in der heutigen Zeit kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wann rechnen Sie denn mit einer Neueröffnung als Moschee?

Bulut: So Gott will, bald. Es scheint, als habe unsere Regierung derzeit andere Prioritäten. Aber ich bin mir sicher, dass sie sich noch für uns einsetzen wird. Wir haben ja eine islamisch-konservative Mehrheit im Land.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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1. In der Tat...
frl_klara 29.06.2014
...dürfte es der Hagia Sophia egal sein, was ihr Verwendungszweck ist. Die Kosten für die Umwandlung wären wahrscheinlich sinnvoller in die Erhaltung des Gebäudes investiert, aber das ist wahrscheinlich zu westlich gedacht. Sollte das Bauwerk während des Freitagsgebetes unzählige Gläubige unter sich begraben, wäre es ohnehin Allahs Wille. Diese Erklärung für menschliches Versagen ist derzeit ohnehin total angesagt.
2. Niemals wieder
mitsaras 29.06.2014
Das wird nie geschehen! Meiner Meinung nach, soll die Agia Sofia wieder einer Christliche Kirche werden, so wie sie dafür gebaut worden ist.
3. optional
Traudhild 29.06.2014
Hm, ich weiß nicht, ob es unter dieser derzeitigen Regierungsmehrheit möglich ist, sich ausschließlich spirituell rückzubesinnen auf das Osmanische Reich. Möglicherweise ist ja eine Lösung möglich, unter welcher die Bildnisse z.B. trotz Verhüllung "museumsmäßig" betrachtet werden können
4.
carolin112 29.06.2014
Da sie ursprünglich eine christliche Kirche war, finde ich man solle sie, wenn schon, auch wieder als eine solche nutzen.
5. Nicht wenige Kilometer entfernt...
rekorder 29.06.2014
...stehen in Griechenland Wegweiser nach Konstantinopel. Darüber konnte ich kürzlich lächeln, als ich es gesehen habe. Aber es wäre wohl eine vergleichbare Sache, wenn Griechenland heute eine Rückbennenung der Stadt Istanbul forderte. Als Rückbesinnung auf hellenische Größe. - Nur um mal zu verdeutlichen, was hier gefordert wird. Dass die Muslime dort in der Mehrheit sind hat historische Gründe. - Mit Sicherheit keine auf die irgendwer irgendwo stolz sein kann. Diese Aktion wäre eine Abkehr von Europa und dem Westen, ein 180-Grad-Richtungswechsel der Türkei. Als Museum ist der Geschichte perfekt gedient. Das ist nicht westlich gedacht, sonder humanistisch.
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