Türkei "Hürriyet"-Chefredakteur drohen fünf Jahre Haft

Der Chefredakteur der türkischen Zeitung "Hürriyet" ist ins Visier von Ermittlern geraten. Wie das Blatt selbst mitteilt, droht Sedat Ergin ein Verfahren, weil er Präsident Erdogan beleidigt haben soll. In dem Land ist das keine Bagatelle.

"Hürriyet"-Chefredakteur Ergin: Anklage wegen Präsidentenbeleidigung
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"Hürriyet"-Chefredakteur Ergin: Anklage wegen Präsidentenbeleidigung


Die türkische Regierung geht immer wieder hart gegen kritische Journalisten vor, viele halten die Pressefreiheit für gefährdet. Jetzt trifft es offenbar den Chefredakteur der Zeitung "Hürriyet", Sedat Ergin. Einer Mitteilung der Zeitung zufolge droht Ergin ein Verfahren wegen Beleidigung des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Der Grund sei ein Artikel des Journalisten vom September dieses Jahres. Dabei soll sich Ergin spöttisch über eine Rede Erdogans zu einem Angriff der Kurdischen Arbeiterpartei PKK auf türkische Soldaten geäußert haben.

Im Falle einer Verurteilung drohen Ergin fünf Jahre Haft.

Zwischen "Hürriyet" und der Regierung war es immer wieder zu Konflikten gekommen. Die "Hürriyet" gehört zur Dogan-Gruppe und ist eine der größten Zeitungen in der Türkei. Ihre Redaktion wurde im Herbst zweimal von einem Mob aus Anhängern der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP angegriffen.

Ergin teilt das Schicksal weiterer Journalisten, denen in der Türkei der Prozess gemacht werden soll. So waren vergangenen Monat der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet", Can Dündar, und sein Kollege Erdem Gül verhaftet worden.

Ihnen werden unter anderem Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und Spionage vorgeworfen. Hintergrund ist ein Bericht vom Sommer über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte persönlich Strafanzeige gestellt.

Die beiden Journalisten wollen das nicht hinnehmen. Ihrer Meinung nach verstößt die Inhaftierung gegen die Verfassung, zudem sei ihren Anwälten der Zugang zu den Unterlagen des Verfahrens bislang verweigert worden. Jetzt wollen sie vor das Verfassungsgericht ziehen.

nck/dpa

insgesamt 45 Beiträge
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jj2005 25.12.2015
1. Eine Schande
Nein, nicht dass Erdogan missliebige Journalisten zum Schweigen bringt - sowas ist man von totalitären Regimen ja gewohnt. Aber dass die EU-Regierungschefs, und Merkel voran, diesen Komiker E. hofieren, das ist eine Schande.
dbrown 25.12.2015
2. Immer wieder ernüchternd,
was man über diesen Despoten Erdogan hört. Jegliche Beitrittsgespräche mit ihm sollten endlich ein für allemal sofort beendet werden!
Anthrophilus 25.12.2015
3. Zählte ein Journalist Erdogans sämtliche Übeltaten auf, so ...
... wäre das nach dessen Ansicht wahrscheinlich sogar todeswürdig. Wie geht der Westentaschen-Napoleon unterm Halbmond wohl mit Korrespondenten der außertürkischen Presse um, wenn sie über ihn berichten? Da müssen sich künftig wohl auch die ausländischen Journalisten in der Türkei vorsehen, denn wie Rumpelstilzchen hört er sich ungern bei wahren Namen genannt ...
anno231 25.12.2015
4. Vorsicht!
Jede Reise in dieses, von m.E. offensichtlich korrupten, kriminellen Politikern geführte Land sollte wohl überlegt sein. Nachdem Staatsanwälte, Richter, Polizisten und Journalisten beseitigt wurden, sind bestimmt auch kritische Touristen dort nicht mehr sicher. Ich schäme mich dafür, dass sich unsere Politiker überhaupt mit derartigen Leuten, die sich nebenbei noch raffgierig die Taschen vollstopfen, abgeben. Aber so sind eben scheinbar religiöse "Führer". Für diese Meinung wäre mir in der Türkei schon mehrere Jahre Knast sicher...
lillime2 25.12.2015
5. Erdowahn!
Und unsere Bundesregierung schweigt und schweigt. Ebenfalls die EU und die NATO. Erdogans Militär wütet weiter in Silopi, Cizre und Amed. Ich finde es erschreckend, wie wenig über die toten kurdischen Zivilisten berichtet wird. Das Vorgehen der Türkei hat den Charakter einer ethnischen Säuberung. Aber alle Journalisten, die berichten könnten sind verhaftet oder eingeschüchtert oder tot.
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