Referendum in der Türkei Wie antwortet man auf "Evet"?

Die türkischen Wähler in Deutschland haben mehrheitlich für Erdogan votiert. Wie soll die hiesige Mehrheitsgesellschaft darauf reagieren? Alle rausschmeißen? Lächerlich machen? Ignorieren? Besser nicht.

Unterstützer feiern das Ja-Votum vor der AKP-Parteizentrale in Istanbul
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Unterstützer feiern das Ja-Votum vor der AKP-Parteizentrale in Istanbul

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Wie reagieren wir auf die Leute, die in Deutschland leben und beim türkischen Referendum mit "Evet", also Ja, gestimmt haben? Möglichkeiten über Möglichkeiten tun sich auf, jetzt, wo wir feststellen, dass unter uns Leute sind, die sich freiwillig für eine Autokratie entscheiden. Unter den Möglichkeiten sind mindestens sechs schlechte und eine gute.

Wir können, erstens, überrascht sein. Huch. Wir sind genauso fassungslos wie bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, so erschrocken wie beim Brexit-Votum, so schockiert wie bei Trumps Sieg und so entsetzt, wie wir bei der nächsten Wahl sein werden, wo irgendwelche Rechtsradikalen es wieder geschafft haben werden. Huch, huch, huch, huch. Wir können das machen: Jedes Mal aufs Neue bestürzt sein, aber es ist auf Dauer schwer durchzuhalten.

Zweitens können wir - ergänzend oder stattdessen - enttäuscht sein. Waren wir nicht immer... nett zu denen? Haben wir nicht am Bahnhof für sie gestanden und geklatscht... ach nee, das waren andere. Aber haben wir nicht unseren Gemüsehändler liebevoll "mein Türke" genannt? Und das ist jetzt der Dank? Komplizierte Rechnung.

Um die Enttäuschung zu verdrängen, können wir, drittens, superlustig sein. Wir sagen den Evet-Leuten, sie sollen einfach schön in ihre frisch geschlüpfte Diktatur gehen, und wir nehmen stattdessen ein paar Hayir-Wähler rein. Oder, LOL, wir sagen ihnen, sie können hierbleiben, aber für sie gilt ab sofort auch die Todesstrafe, falls sie sich mal schlecht benehmen. Wir können so lustig sein wie Erdogan. Also gar nicht.

Wahlergebnis Türken in Europa


Viertens können wir das alles aber auch einfach ignorieren. Wir können, genau wie beim Brexit und Trump und Le Pen sagen, das betrifft uns alles nicht. Die einen sind irgendwo in anderen Ländern, und die Evet-Deutschtürken, die... na ja, die sitzen uns zumindest nicht direkt aufm Schoß und brüllen uns faschistische Sachen ins Ohr. Bis sie das tun, können wir sie doch ignorieren, vielleicht? Vielleicht nicht.

Oder, Moment, warum eigentlich so soft, wir können sie fünftens doch einfach rausschmeißen. Wenn sie nichts von einem Rechtsstaat halten, dann müssen sie halt gehen, oder? Ach so, das sind Deutsche? Hm.

Dann könnten wir, sechstens, einfach hart sein und Gräben vertiefen. Wir schmeißen sie nicht raus, zeigen ihnen aber 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, dass wir gern würden. Spätestens jetzt müssten wir so langsam mal klären, wer hier eigentlich "wir" ist. Denn auch unter den Deutschen ohne türkische Geschichte gibt es welche, die eine harte Führerhand gar nicht mal so schlecht finden würden. Ekeln wir die mit raus? Wohin? In die Vergangenheit?

Wir müssen eine siebte Möglichkeit finden, die im Weiterkämpfen besteht. Wenn wir denen zuhören, die für das neue türkische Präsidialsystem gestimmt haben, wird dabei höchstwahrscheinlich nicht rauskommen, dass die sich einfach nur geirrt haben und sich zum Beispiel umentscheiden (zu spät), sobald sie erfahren, was Erdogan über Frauen denkt. Eine rührende Vorstellung. Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Leute sich, wenn man ihnen einigermaßen die Wahl lässt, immer für Demokratie und Rechtsstaat entscheiden.

Auch wenn das Abstimmungsergebnis in der Türkei nur unter Einschüchterung und Bedrohung des Hayir-Lagers zustande gekommen ist, heißt das nicht, dass es eigentlich nicht so schlimm ist, sondern dass da extreme Kämpfe um sehr grundlegende Dinge stattfinden. Der Anteil der Menschen, die es nicht für unerlässlich erachten, in einer Demokratie zu leben, ist global vor allem unter jungen Menschen zum Teil alarmierend hoch, so das Ergebnis einer Harvard-Studie, die im vergangenen Winter veröffentlicht wurde.

Es ist definitiv die beschissenste Erkenntnis überhaupt, dass es Leute gibt, die anderen keine Freiheit gönnen. Leute, die glauben, es ist okay, Andersdenkende zu bedrohen oder einzusperren und die dafür auch Einschränkungen eigener Rechte in Kauf nehmen. Es sind keine Wahnsinnigen, die wir eh erkennen, wenn wir sie sehen, sondern Leute, mit denen wir jeden Tag U-Bahn fahren oder einkaufen gehen. Wir sind umgeben von denen - aber die auch von uns.

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IntelliGenz 18.04.2017
1. Fakten beachten bitte!
Leider ist das meiste was wir hier über "von den in D lebenden Türken" geschrieben lesen, TOTAL FALSCH !!! Die Zahlen wurden verdreht und damit die Wahrheit verbogen und geleugnet. Es handelt sich um circa 10 bis 15% der in Deutschland lebenden Türken, die mit "Ja" gestimmt haben. 3,5 bis 3,8 Millionen leben hier. Nur 1,4 Millionen haben noch einen türkischen Pass und sind wahlberechtigt. Die Wahlbeteiligung lag bei 50% das heisst, es haben maximal 700,000 Türken überhaupt gewählt. Von diesen 700,000 haben 63,1 % mit Ja gestimmt, macht 441.700 Erdogan Fans der Umkehrschluss ist eher: die GROSSE Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken mit türkischem Pass sind entweder erst gar nicht wählen gegangen oder haben sich zu unseren Freiheiten und zu unserer Demokratie bekannt – nämlich 958.500 Türken von 1,400.000 – das sind 68,5% der wahlberechtigten Türken. Die ÜBERWÄLTIGENDE Mehrheit der bei uns lebenden Türken, nämlich 2 Millionen, hat es vorgezogen, sich erst gar keinen türkischen Pass ausstellen zu lassen und erfreuen sich eines deutschen Passes, um in dem Land ihrer Wahl frei und demokratisch regiert zu leben
Listkaefer 18.04.2017
2. Türkei und Europa?
Tausende brüllen in einem roten Fahnenmeer für die Todesstrafe. Sie bewundern einen "starken Mann", für den alle Kritiker Verräter und Terroristen sind. 40000 im Gefängnis. Die Justiz gleichgeschaltet und in Erdogans Hand. Das Parlament willfährig und entmachtet. Es befremdet, wie der Mann auf dem Podium steht und gegen "Feinde" in aller Welt pöbelt. Er beschwört das "Türkentum" und träumt von der Größe seines Landes unter den Osmanen. Er führt sein Land zurück in den dumpfen Islam, den er über seine emigrierenden Landsleute nach Europa exportieren will. Der Mann ist nicht allein, sondern wird von Millionen unterstützt. D i e s e Türkei ist uneuropäisch und hat in Europa keine Zumunft.
keinschweizer_leider 18.04.2017
3. Fassungslos!
Es packt mich das blanke Entsetzen über die Bundesregierung, die EU und das Abstimmverhalten von ca. 30% der Türken in Deutschland. Eigentlich sollte man glauben, dass irgendjemand was aus der deutschen und europäischen Geschichte gelernt haben sollte. Stichwort "Chamberlain" für die Suchmaschine. Auch zu googeln oder eben mit anderer Suchmaschine "Machtergreifung 1933". Erdowahn wird jeden Widerstand rigeros niederhalten. Man kann nur hoffen, dass kein Bürgerkrieg daraus entsteht. Man vergleiche nur seine Reden gestern.
acyonyx 18.04.2017
4. Alles relativ!
Bei dem 3/4 Ergebnis der türkischen Staatsbürger in Deutschland muß man noch beachten, daß da auch Kurden, Alevitten und Aramäer mitgestimmt haben, die aus rein existenziellen Gründen wohl gegen Erdogan stimmen mußten!!! Dann wird das Ergebnis noch viel gruseliger!
menton 18.04.2017
5. keine Personenwahl!
Was immer wieder auffiel, wenn man Interviews mit "evet" Anhängern im Fernsehen sah, war dass es diesen offenbar überhaupt nicht darum ging, über was dort abgestimmt wurde, sondern ausschließlich darum, ob sie "für" oder "gegen" Erdogan sind. Dass es um eine Verfassungsänderung ging, deren Wirkung von der Person Erdogan zunächst einmal unabhängig ist, schien hier keine Rolle zu spielen. Vielleicht finde ich hier nur Vorurteile bestätigt, die ich habe, aber mir erschien es immer so, als wären diese Wähler nicht von politischen Motiven geleitet sondern lediglich "Fans" von Herrn Erdogan, die genauso gut Fans eines Fußballers oder Popstars sein könnten, sich aber nunmal Erdogan ausgesucht haben und alles "toll" finden, was dieser so macht. Dazu passt auch der Erdogan-Verherrlichungs-Film, der kürzlich in die Kinos kam und augenscheinlich genug Dumme gefunden hat, denen diese Art von Filmen gefällt...
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