Türkei Vertrauter Erdogans dominiert nun die Medien der Türkei

Aydin Dogan verkauft die Tageszeitung "Hürriyet" und den Sender "CNN Türk". Neuer Eigentümer ist der Unternehmer Demirören - er steht Präsident Erdogan nahe.

Die Tageszeitung "Hürriyet"
DPA

Die Tageszeitung "Hürriyet"

Von , Istanbul


Am Ende weinte der Medienmogul. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Besitzer der türkischen Tageszeitung "Milliyet", Erdogan Demirören, wegen eines Beitrags am Telefon so heftig zusammengestaucht, dass dieser zerknirscht um Verzeihung flehte. "Warum habe ich mich nur in dieses Gewerbe begeben?" stammelte Demirören mit tränenerstickter Stimme in dem Gespräch, dessen Inhalt im Jahr 2014 öffentlich wurde.

Vier Jahre später laufen die Geschäfte für Demirören, dem neben der "Milliyet" auch die Tageszeitung "Vatan" gehört, besser als je zuvor: Er betreibt ein Einkaufszentrum in Istanbul, Hotels, Energiefirmen. Kritische Artikel über die Regierung erschienen nach dem Telefonat mit Erdogan in seinen Blättern hingegen kaum mehr.

Ein weiterer schwerer Schlag

Am Mittwoch wurde bekannt, dass Aydin Dogan, ein weiterer türkischer Tycoon, nun seine Medienunternehmen an Demirören verkauft. Für Demirören ist der Deal ein Scoop: Zu dem Reich von Dogan gehörten unter anderem die "Hürriyet", die auflagenstärkste türkische Zeitung, die Fernsehsender CNN Türk und Kanal D, die Nachrichtenagentur DHA. Demirören wird zu einem der mächtigsten Medienmanager der Türkei.

Für den Journalismus in der Türkei, dessen Freiheit durch die Repressionen durch die Regierung ohnehin stark eingeschränkt ist, ist Dogans Rückzug dagegen ein weiterer schwerer Schlag: Zwar waren Hürriyet und CNN Türk zuletzt längst nicht mehr so kritisch und bissig wie noch vor einigen Jahren, trotzdem bemühten sie sich, ihre Unabhängigkeit zumindest halbwegs zu bewahren. Die Agentur DHA war ein letzter Konkurrent zur staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Ajans, die mehr oder weniger als PR-Agentur für die Regierung agiert.

Unter Demirören dürfte die Dogan-Medien nun das gleiche Schicksal ereilen wie zuvor "Milliyet" oder "Vatan": Die Berichterstattung dürfte weitgehend gleichgeschaltet werden, unliebsame Journalisten droht die Entlassung.

Unter dem Druck der Regierung

Erdogan erhält, eineinhalb Jahre vor wichtigen Präsidentschaftswahlen, noch breiteren Raum für seine Kampagnen. Schon jetzt kontrolliert seine Regierung beinahe sämtliche Medien. Oppositionspolitiker finden in türkischen Zeitungen und im Fernsehen kaum noch statt oder werden als Terroristen denunziert. Durch die Übernahme der Dogan-Medien durch Demirören dürfte sich dieser Trend weiter verschärfen.

Die Leserinnen und Leser in der Türkei können allenfalls noch auf einige wenige Publikationen wie "Cumhuriyet", "Evrensel" oder "Birgün" ausweichen, deren Auflage jedoch gering ist und die unter massivem Druck durch die Regierung stehen - oder auf Onlineportale wie "Diken". Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" kommentierte am Mittwoch auf Twitter: "Erdogans Übernahme der Medien ist komplett".



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ad2 21.03.2018
1. Medien müssen unabhängig bleiben
Das größte schleichende Gift unserer Demokratien ist derzeit der Mißbrauch von Medien, um Wahlen zu beeinflussen und die Opposition zu kriminalisieren und rückwärtsgewandte Alleinherrschaften aufzubauen. Dieses Muster zeigt sich viel zu oft, egal ob im kleinen bei Trump (mit Breitbart/Fox-News) und Berlusconi oder in seiner gesamten Entfesseltheit bei Putin oder Erdogan Und ganz genauso manipulativ sind die Eingriffe von Cambridge Analytica bzw. dem Facebook Targeting in US-Wahlen und Brexit-Diskussion. Es ist höchste Zeit, zu begreifen welch gefährliche selbstzerstörerische Waffe diese Instrumente in den Händen von Populisten und skrupellosen Demokratiefeinden sind. Es fehlt hier bisher ein wirklicher Lösungsweg, wie damit umzugehen ist und dem besser vorgebeugt werden kann – vielleicht mit klar definierten internationalen UNO-Standards, welche von allen Staaten zu erfüllen sind. Und mir stellt sich nebenbei auch die Frage, warum diese Zeitungen nun überhaupt verkauft wurden und warum konnte sie dann nicht eine unabhängige Instanz aus dem Ausland zu Schutz dieser unabhängigen Medien kaufen.
frankfurtbeat 21.03.2018
2. super ...
super Einheitsbrei in der türkischen Medienlandschaft - weiter so! Erdogan ist der beste, der größe aller Zeiten udn verdient es täglich für seine Wohltaten von allen türkischen Medien umjubelt zu werden. Problematisch für intelligente Menschen das auszuhalten ...
fatal.justice 21.03.2018
3. Modernes Oligarchentum in autoritärer Umgebung.
In früheren Zeiten mussten überschwängliche Diktaturanhänger die Räumlichkeiten von Verlags-, Radio- und Fernsehanstalten durch Gewalt in ihre Obhut bringen, um die Meinungsbildung der Bevölkerung prägen zu können. Heute schickt man die Oligarchenkumpel auf Einkaufstour, um sich nachfolgend einträchtig das Staatsvermögen aneignen zu können. Wie könnte man dieses Vorgehen nennen? Orbánisierung - um im modernen Sprachgebrauch zu bleiben. Historisch betrachtet sind die derzeitigen entsprechenden Protagonisten sicher nicht die Erfinder dieser Taktik - aber mittlerweile überbieten sie sich in aller Offenheit darin, Skrupellosigkeit und persönliche Bereicherung zur Staatsraison zu erheben.
hal5000 22.03.2018
4. Bekannt
Für derartige Vorgänge, wenn auch en detail vielleicht modifiziert, gibt es bereits einen Begriff: Gleichschaltung.
HerrPeterlein 22.03.2018
5. Keine Kritik ist das Ende
Alle Diktatoren mögen keine Kritik, weil sie wissen das sie nicht rechtmäßig an der Macht sind. Wäre alles bekannt, würde man sie niemals an der Macht lassen. Also wird den loyalsten, aber auch skrupellosesten und gierigsten Menschen die Posten zur Machtsicherung gegeben. Die sich dann ebenfalls wie Diktatoren aufführen. Leider wird so jeder Fortschritt und Entwicklung untergraben, jede berechtigte Kritik findet nicht statt. Gibt immer nur ein besser, toller, größer, nie Fehler. Bis die Realität im Land nicht mehr zu ertragen ist, die herrschende Klasse selbst an die tollen Zustände glaubt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.