Türkenserien im TV Integration ist machbar, Nachbar

Die Türken kommen - ins Fernsehen, als neues Lieblingsthema der Sender im Quotenkampf. Nach der ARD platziert jetzt RTL mit "Alle lieben Jimmy" eine multikulturelle Familienserie - inklusive Kopftuch- und Beschneidungsfolklore.

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"Du wirst mir die ruhige Hand noch danken", sagt Mahmud der Schreckliche, und kippt das Kölnisch Wasser herunter, das er für Raki hält. Der Vollbärtige mit dem irren Blick habe schon in Anatolien alle Kinder beschnitten; heute soll er dies mit Jimmy machen. Das zumindest wünscht sich Jimmys Oma, die nur für seinen 18. Geburtstag angereist ist. Schrill inszeniert, mögen die Sorgen des Teenagers dem einen oder anderen Türken bekannt vorkommen.



Jimmy Arkadas (Eralp Uzun) erhält zum Geburtstag ein Auto - selbstredend einen Mercedes. Einzige Voraussetzung: Er müsse schon "ein richtiger Mann" sein. Die türkische Definition dafür scheint einfach: "Bist du volljährig? Hast du einen Führerschein? Bist du beschnitten?" Und zur Schande der Familie ist Jimmy es eben nicht.

Jimmys fünfköpfige Familie stellt einen neuen - realistischeren - türkischen Familientyp dar als jenen, den die ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" unlängst ins Quotenrennen schickte. Jimmys Schwestern (Viva-Moderatorin Gülcan Karahanci und Maya Haddad) verzichten auf das Kopftuch, dennoch sind die Rollenverteilungen klar: Die eine trägt Minirock, die andere wirft mit islamischen Weisheiten um sich. Der schrullige Vater (Tayfun Bademsoy) ist berufstätig, die Mutter (Meral Perin) regelt die Familienpolitik in der Küche - eine sympathische Familie islamischen Glaubens.

"Türkisches Fernsehjahr 2006"

Klischees und seichter Humor finden in "Alle lieben Jimmy" (heute Abend, 21.45 Uhr, RTL) genauso ihren Platz wie leichtfüßig verarbeitete Kulturprobleme und türkische Selbstironie. Die Zeitung "Hürriyet" spricht bereits von 2006 als einem "richtig türkischen Fernsehjahr". Und sie hat Recht: Seit Deutschland sich als Einwanderungsland bekennt, scheint sich nun auch die Medienwelt entschlossen zu haben, Multikulti zu spielen.

Während sich "Erkan & Stefan" vor sechs Jahren noch auf Klamauk mit Ghettosprech beschränkten, zielen die neuen TV-Produktionen auf einen erzieherischen Wert. Neben ARD und RTL warten auch ProSieben ("Meine verrückte türkische Hochzeit"), Sat.1 ("Was guckst Du?") oder WDR ("Zeit der Wünsche") mit "Migrantenfernsehen" auf. Öffentlich-rechtliche wie private Fernsehsender widmen sich dem deutsch-türkischen Zusammenleben.

"Die Medien haben eine Schlüsselrolle beim Verhältnis des Westens zu den Muslimen", sagt Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. Es sieht so aus, als hätten sich hiesige Filmproduzente verabredet, das interkulturelle Verhältnis im Unterhaltungsfernsehen positiv zu beeinflussen. Deutsche und ihre größte Minderheit, die 2,1 Millionen Türken, sollen ihre kulturellen Differenzen im Fernsehen kennenlernen. Doch welche Botschaften werden in den Serien und Filmen transportiert?

Kulturkampf als Comedy?

Der islamische Glauben von Yagmur in "Türkisch für Anfänger" zum Beispiel wird als Macke dargestellt, als Rebellion gegen den Vater, der mit einer Deutschen zusammenzieht. Vielleicht weil es lediglich ein pubertärer Knacks ist, wundert sich keiner, dass Yagmur ihr Kopftuch sogar zum Schlafen anbehält. Aber auch deutsche Klischees werden bedient. Da tritt die typische Superökomutti auf, deren pädogisches Laisser-faire wie eine Karikatur der 68er-Gesinnungen wirkt.

Viel offener in der Frauenfrage zeigte sich der vor kurzem gesendete ProSieben-Film "Meine verrückte türkische Hochzeit". Die türkische Tochter ist längst keine Jungfrau mehr, studiert Jura und trägt sexy Klamotten. Dennoch hängt auch sie weiter am Bild der ehrbaren Frau und Familie. Selbst nachdem ihr deutscher Lover zum Islam konvertiert, sich beschneiden lässt und nach allen Regeln der türkischen Kunst um ihre Hand anhält, fürchtet sie, er könnte noch "zu deutsch" sein und "keinen Respekt vor meiner Familie" haben.

Dass ausnahmslos alle türkischen TV-Männer dem gegelten Macker entsprechen, wundert kaum. Wenn ein südländisch anmutender Schauspieler einmal nicht die Rolle von Ali, dem Draufgänger bekommt, dann darf er bizarrerweise Bernd Schiffers oder Axel Schröders spielen. Für Otto-Normal-Ahmets ist in den Drehbüchern bislang kein Platz. Auch das Familienbild ist letztlich obsolet: Ähnlich wie Hollywood auf das Bild des bösen Arabers fixiert ist, halten deutsche Filmproduktionen am Bild der türkischen Familie fest, die sich in Deutschland mit ihrer islamischen Kultur herumplagt - ganz so, als sei dies ein Naturgesetz.

Sprachmix und Kauderwelsch

Der Schauspieler Demir Gökgöl, (der Angst einflößende Beschneider bei "Alle lieben Jimmy"), kritisiert daher in der türkischen Zeitung "Milliyet": "Deutsche Serien geben die türkische Familie nicht wieder." Er warte auf "jemanden, der das richtig stellt".

Richtig stellen müsste man auch die gängigen Formfehler und idiomatischen Verzerrungen, denen türkischstämmige Zuschauer immer wieder ausgesetzt werden. Da sind kurdische Lieder plötzlich türkische; Deutsch-Inderinnen heißen Aylin und beschimpfen ihren Freund in skurrilem Kauderwelsch.

"Alle lieben Jimmy" wirkt deshalb streckenweise wie ein Korrektiv. Die Serie um Familie Arkadas macht sich nämlich bisher als einzige die Mühe, mit versierten und stimmigen Details wie der kitschigen Wohnungsausstattung oder der Doppelmoral türkischer Männlichkeitsprofile - Macho und Pantoffelheld zugleich -, dem deutschen Zuschauer seine türkischen Nachbarn näher zu bringen. Und damit hilft die seichte Unterhaltung der interkulturellen Sensibilisierung vielleicht ein Stückchen weiter.



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