Türkische Cartoons "Allah hat Humor"

Muslime und Humor, das ist wie freie Liebe im Vatikan. Könnte man meinen. Dabei ist Satire in der Türkei ein "Volkssport", sagt Hayati Boyacioglu. Der Cartoonist und Mitherausgeber eines deutsch-türkischen Satire-Magazins würde gerne an einer Comic-Version des Korans mitarbeiten.

Von Henryk M. Broder


Wenn die Rede auf Humor kommt, wird Hayati Boyacioglu ganz ernst. "Was mich am meisten ärgert", sagt der in Berlin lebende Türke, "ist, wenn die Deutschen sagen, wir Türken hätten keinen Humor. Dabei ist es genau umgekehrt. Die Deutschen sind humorlos, sie schämen sich sogar, Gefühle zu zeigen". Den Deutschen ginge es, trotz der fünf Millionen Arbeitslosen, noch immer gut. "Dort, wo es wirkliche Probleme gibt, wo Armut, Angst und Unterdrückung eine Rolle spielen, da hat der Humor seine Aufgabe." Soll heißen: In der Türkei. "Bei uns ist Satire ein Volkssport."



Hayati, 1960 in Istanbul als ältestes von fünf Kindern eines Handlungsreisenden und einer Hausfrau geboren, hat schon als Junge angefangen, satirische Zeitschriften zu lesen, vor allem "Girgir", ein Blatt mit über 500.000 Exemplaren Auflage. Mit 15 schickte er seine ersten Zeichnungen zu Wettbewerben und Ausstellungen ein; gleich nach dem Abitur, 1978, beschloss er, nach Deutschland zu gehen.

Er fand ein Zimmer auf der "Türkeninsel" in Berlin-Schöneberg mit Kohleheizung und Klo auf halber Treppe. Um den täglichen Döner und die Miete von 60 Mark monatlich bezahlen zu können, trug er Zeitungen aus, die "Morgenpost" und den "Tagesspiegel". Er lernte Deutsch und begann 1984, an der FU zu studieren. Germanistik, Publizistik und Erziehungswissenschaft. Heine und Lessing waren seine Lieblingsautoren, das Examen machte er mit einer Arbeit über "Teilnehmende Beobachtung bei Günter Wallraff".

Kreativer Kommentar

Nach dem Studium packte ihn die Krise. "Es kam mir alles doof vor, was ich gemacht hatte. Ich dachte, wenn ich Döner oder Wassermelonen verkaufen würde, wäre ich besser dran." Da er schon verheiratet war und ein Kind hatte, musste Hayati für seine Familie sorgen. Er schrieb Theaterstücke, von denen eines sogar aufgeführt wurde ("Kanaken sind Supermänner"), arbeitete als Dramaturg für eine deutsch-türkische Bühne und als Geschäftsführer für einen Kulturverein mitten in Kreuzberg. Reich wurde er mit allen seinen Tätigkeiten nicht, aber er sammelte Erfahrungen.

Und so kam er fast zwangsläufig in das Berliner Büro von "Hürriyet", wo er drei Jahre über den Alltag der Türken in Berlin schrieb. Zur Jahrtausendwende wechselte er in die Redaktion von "Star", einer türkischen Boulevardzeitung. Nach zwei Jahren machte er sich selbständig, mietete ein leeres Ladenlokal im türkischen Teil von Schöneberg und eröffnete den Presse- und Media-Service "Haber", was auf türkisch "Nachrichten" bedeutet.

Was Hayati aber herstellt und vertreibt, sind weniger News als gezeichnete Kommentare, Comics über Deutsche und Türken, Geschichten aus der neuen Heimat. In einem seiner Cartoons wird die Frage beantwortet, wie es zur Bildung von Jugendbanden kommt. Da sagt ein türkischer Vater zu seiner Tochter: "Kein Schwimmbad, kapiert! Sollen alle dich anglotzen?" Im nächsten Bild herrscht ein anderer Vater seine Tochter an: "Diskothek? Nee! Du wirst mir keine Tänzerin!" Auf dem dritten Bild belehrt eine türkische Mutter ihre Tochter: "Nicht mal 'ne männliche Fliege kommt mir ins Haus! Unser Ruf!" Das vierte Bild zeigt wieder einen Vater mit Tochter: "Nach 20 Uhr nach Hause? Kommt nicht in Frage!" Im fünften Bild geben die vier Mädchen einem deutschen Reporter ein Interview: "Unsere Bande haben wir gegen rassistische Unterdrückung und Skinheads gegründet!"

Gezeichnet von der gesellschaftlichen Lage

Hayati muss nur aus der Tür seines Büros treten, um die Szenen zu erleben, die er später zeichnet. Er reduziert die Konflikte auf ihren Kern, benutzt eine sehr knappe Bildersprache. Eine junge, schicke Türkin wirft einen Schatten, der die Konturen einer verschleierten Frau zeigt. Ein älterer Türke kniet im Gebet, vor ihm liegt ein Schwein mit verbundenen Augen, daneben ein langes Messer. Er wird statt eines Lamms ein Schwein opfern, denn er lebt schon lange in Deutschland. Grundsätzlich ist kein Thema tabu, auch nicht die Religion, aber "weil man die Mentalität kennt, hat man eine sensible Hand". Spott und Spaß hören dort auf, wo es um den Kern des Glaubens geht. "Es gibt andere Möglichkeiten, um Ereignisse zu karikieren", sagt Hayati.

Die Karikaturen, die in der dänischen "Jyllands-Posten" erschienen sind, fand er "nicht gut", aber auch keine Aufregung wert. "Wenn ich strenggläubig wäre, hätte ich mich vielleicht aufgeregt, aber ich hätte keine Fahnen verbrannt und keine Häuser angezündet. Ich habe Schlimmeres gesehen. Eine Karikatur hat bis jetzt noch keinen Weltkrieg verursacht. Wenn man unbedingt etwas missverstehen will, dann wird man es missverstehen."

Hayati gehört zu den Herausgebern von "Don Quichotte", einer deutsch-türkischen Satirezeitschrift, die für kurze Zeit monatlich erschien, inzwischen aber nur noch dann gedruckt wird, wenn die Kosten im Voraus gedeckt sind. Zur Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei zeichnete er ein fülliges Straßemädchen, das einem Freier, der wie der türkische Ministerpräsident aussieht, einen Dienst im Jahre 2020 verspricht.

Auch der "Reiseführer durch die internationale Küche", herausgegeben vom Ausländerbeirat der Stadt Saarbrücken, fängt mit einem Cartoon von Hayati an - ein Türke mit Kochmütze spielt auf einem Döner-Spieß wie auf einem Kontrabass - und hört mit einem Zitat von Ludwig Feuerbach auf: "Der Mensch ist, was er isst."

Glauben und Lachen

Aber der Mensch ist auch, was er liest. Hayati holt sein Lieblingsbuch aus dem Regal, es ist der Koran, im Ramadan des Jahres 1409 islamischer Zeitrechnung erschienen, das heißt im April 1989. Es gibt viele Koran-Ausgaben, diese hier ist einmalig und einzigartig: ein Comic von 48 Seiten im DIN-A4-Format, geschrieben und herausgegeben von Youssef Seddik, einem islamischen Gelehrten in Paris, der eines Tages die Idee hatte, dass man den Koran auch als Bildergeschichte erzählen könnte.

Seddik konzipierte acht Bände, drei sind tatsächlich in der "Editions Alef" erschienen, auf Französisch und Arabisch. Dann ging Seddik entweder das Geld aus oder ihn verließ der Mut. Er gab das Projekt auf. "Schade, sehr schade", sagt Hayati, "das wäre eine tolle Sache geworden, die Bibel gibt es ja auch als Comic." Er hofft, daß Youssef Seddik eines Tages die Arbeit fortsetzen wird. Und er, Hayati, vielleicht ein Kapitel zeichnen darf. "Allah hätte bestimmt nichts dagegen. Allah ist groß, und Humor hat er auch."



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