Türkische Fotografin Eylül Aslan "Früher hatten meine Models Angst"

Weil ihre Bilder in der Türkei als Pornografie missverstanden wurden, verließ Eylül Aslan ihre Heimat. Im Interview spricht sie über Feminismus, Kunst und den erneuten Wahlerfolg von Präsident Erdogan.

Eylül Aslan

Ein Interview von


  • Joseph Wolfgang Ohlert
    Eylül Aslan, Jahrgang 1990, wurde in Istanbul geboren. Mit 17 Jahren begann sie, zu fotografieren. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden und studierte deshalb Französisch und Literatur. Mittlerweile lebt und arbeitet sie als Fotografin in Berlin. Im vergangenen Sommer ist ihr dritter Bildband "Trompe L'Oeil" erschienen. Ab 7. Juli werden einige ihrer Arbeiten in der Ausstellung "What is Love?" in der Kunsthalle Bremen zu sehen sein.

SPIEGEL ONLINE: Frau Aslan, in der vergangenen Woche haben Sie noch gehofft, dass die Wahlen in der Türkei etwas verändern werden. Sie hatten mit einem knappen Ergebnis gerechnet. Nun stehen Recep Tayyip Erdogan und die AKP erneut als Wahlsieger fest. Wie fühlt sich das an?

Aslan: Ich habe was anderes erwartet, und ich versuche nun, optimistisch zu bleiben. Ich hoffe immer noch, dass sich etwas verändert in der Türkei. Auch wenn zurzeit wenig Grund zur Hoffnung besteht. Die Hauptsache ist, dass es nicht noch schlimmer wird. Denn es ist schon ziemlich schlimm.

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17  Bilder
Türkische Fotografin Eylül Aslan: Gesichter verstecken

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Türkei bereits 2013 verlassen, um freier arbeiten zu können. Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren noch zugespitzt. Könnten Sie dort überhaupt noch Ihre Kunst machen?

Aslan: Ich bin keine politische Künstlerin und bin schon früher mit meiner Arbeit angeeckt. Meine Bilder zeigen Nacktheit, thematisieren Sexualität und starke Frauen - das war in der patriarchalen Türkei noch nie gern gesehen. Mir wurde häufig vorgeworfen, dass ich pornografische Fotos mache. Das ist natürlich Quatsch, aber ich könnte in der Türkei nie so frei arbeiten wie in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das denn für Fotos, die manche Menschen für Pornografie halten?

Aslan: Ich fotografiere vor allem Körperteile. Beine, Brüste, Lippen - bisher standen meistens Frauen vor meiner Kamera. Und dabei geht es auch um Sexualität. Ich zeige wenig Gesichter.

SPIEGEL ONLINE: Warum eigentlich nicht?

Aslan: Das liegt tatsächlich an der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin. In der Türkei werden Frauen, die ein bisschen Haut zeigen oder als Models posieren, schnell abgestempelt. Sie gelten dann als leicht zu haben. Als ich angefangen habe, habe ich viele Freundinnen fotografiert. Sie hatten oft Angst vor den Konsequenzen und wollten nicht erkannt werden. Um sie zu schützen, habe ich also keine Gesichter gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile müssten Sie aber niemanden mehr schützen. Ihre Modelle melden sich bei Ihnen, um fotografiert zu werden.

Aslan: Das stimmt. Und ich fotografiere auch immer öfter Gesichter. Gleichzeitig ist es aber zu meinem Stil geworden, nicht alles zu zeigen. Immer neue Möglichkeiten zu finden, die Gesichter zu verstecken, ist für mich ein Spiel geworden, und es inspiriert mich.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten vor allem mit weiblichen Modellen.

Aslan: Das habe ich in meinem letzten Projekt geändert. Ich habe ein ganzes Buch nur mit Männerbildern gemacht. Es ist nämlich so, dass ich in der Vergangenheit immer wieder als die "feministische türkische Fotografin" bezeichnet wurde, und das möchte ich gern ein bisschen ändern.

Bis heute fotografiert Eylül Aslan überwiegend mit Analogkamera
Eylül Aslan

Bis heute fotografiert Eylül Aslan überwiegend mit Analogkamera

SPIEGEL ONLINE: Was stört Sie denn an dem Begriff "Feministin"?'

Aslan: Nichts, ich finde es gut, dass meine Arbeit so verstanden wird. Aber ich möchte nicht nur als das gesehen werden. Ich will einfach eine Fotografin sein, die Körper in Szene setzt und den Fokus auf einzelne Körperteile setzt. Also möchte ich künftig auch mehr mit Männern arbeiten. Außerdem habe ich jetzt selbst einen kleinen Jungen. Ich denke, wenn wir die Gesellschaft ändern wollen, dann müssen wir bei Männern anfangen. Der Wandel beginnt nicht nur bei Frauen. Künftig will ich also auch Männer häufiger in den Mittelpunkt stellen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aber doch nach Feministin.

Aslan: Klar, ich würde nur gern auf das Label verzichten, wenn es um meine Wahrnehmung als Künstlerin geht. Aber der Feminismus wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Meine Mutter hat sehr lange als Frauenbeauftragte in der kemalistischen Partei CHP gearbeitet. Sie ist sehr liberal und hat mir das auch so mitgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit hat Sie das als Fotografin beeinflusst?

Aslan: Es gab für mich nie den Moment, in dem ich dachte: "Oh, ich will was für Frauenrechte tun oder erklären, was es bedeutet, eine Frau zu sein." Das ist automatisch passiert. Meine Mutter hat mich da unterbewusst sehr geprägt. Sie hat zum Beispiel viel feministische Literatur gelesen und mich damit vertraut gemacht. Ich habe erst fotografiert, und dann haben die Bilder diese frauenrechtliche Ebene bekommen. Wegen meiner eigenen Hintergrundgeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Aslan: Heute ist das bewusster. Ich setze mich mit feministischen Theorien auseinander, verfolge aktuelle Debatten, und das spiegelt sich auch in meinen Arbeiten wider. Ich muss allerdings mit meinen Fotos nicht unbedingt eine Botschaft vermitteln. Ich bin kein Held, der die Welt damit verändert. Ich mache das nur, um mich selbst glücklich zu machen. Aber wenn meine Arbeit andere beeinflusst, etwas zu verändern, macht mich das sehr glücklich.



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