Türkische Presse Bitte keine Fans erschießen!

Als Panzer deklariert zu werden, sind die deutschen Kicker ja von den englischen Medien gewohnt. Was allerdings in der türkischen Berichterstattung im Vorfeld des Halbfinales überrascht: Die Angst vor lebensgefährlichen Schüssen nach dem Schlusspfiff.

Von , Istanbul


"Jeder Türke wird als Soldat geboren" lautet ein geflügeltes Wort in der Türkei. Kein Wunder also, dass die Türken so eine martialische Sprache pflegen. "Den Panzer werden wir zerquetschen!" heißt es heute in der Sportzeitung "Fotomac", einen Tag vor dem alles entscheidenden Sieg, mit dem das Land Fußballgeschichte schreiben will.

"Der Panzer", damit sind - wie könnte es anders sein? - die Deutschen gemeint. Stürmer Semih Sentürk und Abwehrspieler Gökhan Zan sind sich jedenfalls sicher, den Teutonen eine Panzerwürdige Materialschlacht zu liefern. "Dass Deutschland als Favorit gehandelt wird, gibt uns Extramotivation. Wir sind die bessere Mannschaft und werden sie 1:0 besiegen. Wir sind mutig und haben keine Angst!", wird Semih in der Zeitung zitiert.

Friedlicher gibt sich das bekannte Fußballblatt "Fanatik". "Die Freundschaft soll siegen" heißt es auf Seite 1 in einem Interview mit Jogi Löw. Die Reporter legen allerdings Wert darauf, dass der deutsche Trainer selber auf diese Überschrift gedrängt habe. "Hodscha" (Türkisch, respektvoll, für "Lehrer", "Meister") Löw plaudert über die Menschlichkeit der Türken ("Sogar arme Menschen haben mir ein Essen spendiert"), über den Istanbuler Fußballclub Fenerbahce ("Dort habe ich gelernt, wie man ein großes Team führt") und die Qualitäten von Nationaltrainer Fatih Terim ("Ich bin ein großer Fan. Er gibt den Spielern wahnsinnig viel Passion"). Auf Seite sechs ist dann allerdings auch für "Fanatik" Schluss mit Lustig: "Die Panzer haben Erfahrung, aber sie sollten uns nicht auf die leichte Schulter nehmen ..."

Weitaus spiritueller geht es bei "FotoGol" zu, der auflagenschwächsten türkischen Fußballzeitung. "Ein Wunder für die Türkei", schwärmt das Blatt. Und weiter: "Die Nationalverletzten gesunden, einer nach dem Anderen!" Emre, Servet, Tümer, Mehmet Topal, Semih und Hakan Balta: Alle wieder so gut wie hergestellt. Der Sieg scheint da schon zum Greifen nahe: "Nichts ist unmöglich! Wenn man Ballack stoppt, bremst man das Team aus!"

Für diesen Fall appelliert die regierungsnahe Tageszeitung "Zaman" an die Vernunft der Fans, die bekanntlich wild und temperamentvoll feiern: "Schießen Sie nicht zur nationalen Freude!" Das mag absurder klingen, als es ist, denn immerhin wurden in den vergangenen zehn Jahren 30 Leute durch Schüsse bei Freudenfeiern getötet, Hunderte körperlich versehrt. Also: Am besten gleich die Polizei anrufen und die Schützen anzeigen, rät "Zaman". Oder gleich eine "Kampagne gegen Freudenschüsse" ins Leben rufen, wie Emine Erdogan, die Frau des derzeit selbst schwer unter politischem Beschuss stehenden Premierministers. Frau Erdogan rief zuletzt den Vater des kleinen Duygu Kader Öztürk an, der nach dem Spiel gegen Kroatien verletzt wurde.

Apropos Erdogan: Wie die Presse berichtet, wird der Regierungschef, der in seiner Jugend selber fast Profifußballer geworden wäre, bei diesem Spiel definitiv dabei sein. Beim EM-Auftaktspiel seiner Mannschaft gegen die Schweiz fehlte er noch. Da hatte das türkische Verfassungsgericht gerade Erdogans Kopftuchreformen annulliert und alle AKP-Spitzen mussten zur Krisensitzung nach Ankara gepfiffen werden. Diesmal hat die Politik Besseres zu tun. Wie "Fanatik" berichtet, will das Parlament vor dem Deutschlandspiel das Team eigens mit einer Medaille beschenken, um es zu motivieren.

Wie sehr Fußball Balsam für die gebeutelte Volksseele sein kann, weiß auch "Radikal" ("Jeder denkt nur an das Deutschlandspiel"). Das Hausblatt des kemalistischen Bildungsbürgertums doziert über die gesellschaftliche Heilkraft des Sports. Ob Kopftuchdebatte, Verbotsklage gegen die AKP oder Putschpläne des Militärs... Hauptsache Torwart Tolga darf auch im Mittelfeld spielen! Also, auf "zur Eroberung Wiens", wie "Milliyet" schon vergangene Woche verkündete - diesmal aber richtig.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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Muak 24.06.2008
1. Es wird passieren
Denke einige werden wieder daran glauben müssen. Das ist eine sehr schlimme Sitte in der Türkei aus Freude in die Luft zu feuern.
DJ Doena 24.06.2008
2. Und bei Verlust?
Und wenn sie verlieren, brennen Berlin und Offenbach oder wie habe ich mir das vorzustellen?
art2007 24.06.2008
3. Sicherheitshalber Vorbereitet sein
Zitat von DJ DoenaUnd wenn sie verlieren, brennen Berlin und Offenbach oder wie habe ich mir das vorzustellen?
Richten Sie sich am besten auf so etwas ähnliches ein, die Knallköpfe, beider Seiten, werden sich diese Chance zum Ausleben ihrer Ressentiments bestimmt nicht entgehen lassen.
natterngesicht 24.06.2008
4. Bißchen Verluste, aber...
Zitat von art2007Richten Sie sich am besten auf so etwas ähnliches ein, die Knallköpfe, beider Seiten, werden sich diese Chance zum Ausleben ihrer Ressentiments bestimmt nicht entgehen lassen.
Positiv denken! Es gibt sicher nicht mehr Tote als bei einer Nato Übung. Auf der anderen Seite ist das Verkumpeln nach dem Spiel gut möglich. Eine Chance für die Integration.
art2007 24.06.2008
5. Na toll...
Zitat von natterngesichtPositiv denken! Es gibt sicher nicht mehr Tote als bei einer Nato Übung. Auf der anderen Seite ist das Verkumpeln nach dem Spiel gut möglich. Eine Chance für die Integration.
So viel Optimismus beschämt mich jetzt aber, wo bleiben denn da die liebgewonnen Vorurteile über Fußballfans und unbändige Jugendbanden mit Mitgrationshintergrund? ;-)
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