Türkisches Theaterfestival iDANS: Ein Katzenjammer

Von Tobias Becker, Istanbul

Istanbul glänzt mittlerweile als eine der ersten Adressen der internationalen Kunstszene. Doch zeitgenössische Tanz- und Theaterformate fehlen. Zwei Festivalmacher leisten kulturelle Entwicklungshilfe - und stehen vor manchem Hindernis.

Türkisches Theaterfestival iDANS: Ein Katzenjammer Fotos
iDANS 2012

Warum es in Istanbul so viele Katzen gibt? Zehntausende vermutlich, die wild durch das Verkehrschaos der 15-Millionen-Metropole streunen? Aydin Silier schmunzelt über die Frage - und kontert mit einer eigenen: "Warum leben in deutschen Städten keine wilden Katzen? Im Mittelalter war das überall normal. Gibt es bei Euch heute Passkontrollen für Katzen? Hat man sie abgeschoben?"

Silier ist Biologe, hat sich in den Neunzigern in Bielefeld mal an einer Promotion versucht, aber statt eines Doktortitels die Leidenschaft für zeitgenössische Tanz- und Performance-Formate aus Deutschland mit zurück in die Türkei gebracht. Heute ist er Geschäftsführer der Bimeras-Kulturstiftung in Istanbul und leitet gemeinsam mit Gurur Ertem, einer Soziologin, das führende Tanz- und Performance-Festival der Türkei: iDANS.

Während des Interviews mit den beiden sind Katzen allgegenwärtig: auf ihren Schößen, auf den Kratzbäumen in ihrem Büro-Esszimmer, auf den aushängenden Plakaten des Festivals. "Katzen bewegen sich tänzerisch", sagt Silier, "und sie müssen sich tänzerisch durchkämpfen in Istanbul, so wie wir."

Kulturmetropole ohne Theaterkultur

Anders als bildende Künstler, Musiker und Filmemacher hätten Performer in Istanbul große Probleme, ein Publikum zu finden oder auch nur geeignete Probenräume, sagt Ertem: "Tanz und Performance existieren nicht für die Regierung." Es gebe keine staatliche Förderung für die freie Szene, und reiche Mäzene interessierten sich stärker für Kunst, die sie sammeln können. Die meisten Theater seien "Kultur-Mausoleen, keine Orte, an denen man die Zuschauer einbeziehen kann", zudem existiere an den Universitäten keine Theaterwissenschaft, die zeitgenössische Formen unterrichte. Und: Nur zwei Tageszeitungen böten ernstzunehmende Kulturteile - die linksliberale "Radikal" und die islamisch-konservative "Zaman". "Die anderen kopieren einfach nur unsere Pressemitteilungen." Ein Katzenjammer.

Die Folge: Istanbul, in aller Welt gefeiert als aufstrebende Kulturmetropole, als Stadt der Jugend mit einem Altersdurchschnitt von unter 30, hat kaum junge Theaterkultur. "In der Tanz- und Performance-Szene gibt es vielleicht drei gute lokale Gruppen, mehr nicht", sagt Ertem. "Aus der Dynamik der Stadt entsteht zu wenig, alles ist etwas richtungslos."

Die sechste Auflage des iDANS-Festivals, die Anfang Oktober beginnt, ist daher so etwas wie kulturelle Entwicklungshilfe. Eingeladen ist das Who's who der internationalen Szene, ein begleitender Workshop vermittelt türkischen Journalisten das Rüstzeug für Tanz- und Performance-Kritik. "Wir legen den Fokus bewusst nicht auf türkische Produktionen, sondern wollen den Türken zeigen, was im Ausland passiert", sagt Silier. Ein elitäres Anliegen. Um auch eher konservative, bildungsferne Zuschauer zu erreichen und für das Festival zu gewinnen, tourt daher vorab das Projekt iKEDI (auf Deutsch "iKATZE") durch die Stadt, entwickelt vom südafrikanischen Puppenbauer Roger Titley und dem israelisch-österreichischen Kulturmanager Airan Berg. In kostenlosen Wochenend-Workshops auf öffentlichen Plätzen kann jeder seine eigene mobile Tierskulptur bauen, angeleitet von 25 Kunststudenten in Katzen-Shirts. Das Motto: "Wir sind alle Istanbuler."

4000 weiß strahlende Tierskulpturen

Am Hafen von Ortaköy, wo das Projekt am vergangenen Samstag gastierte, schlängeln sich die Wartenden auf bis zu 50 Metern Länge, am Abend stehen im ganzen Stadtteil weiß strahlende Katzen-, Hunde-, Möwen- und Delfin-Skulpturen. "Ich liebe es, Städte zu verwandeln. Wenn das Projekt beendet ist, werden wir 4000 Tiere unter die Menschen gebracht haben", sagt Airan Berg, den die Türken Ayran Börek rufen, was klingt wie ein Joghurt-Drink mit Teigtasche. "Unsere Workshops sind im Grunde interaktive Performances, mit denen wir zeigen: Jeder Mensch kann kreativ sein. Dadurch bekommt das Festival auch eine soziale Komponente."

Berg war mal künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, verantwortete dann den Bereich Darstellende Kunst im Linzer Kulturhauptstadtjahr 2009 und ist nun Projektmanager für die Bewerbung Mannheims als europäische Kulturhauptstadt 2020. Was Silier und Ertem in Istanbul auf die Beine stellen, fasziniert ihn: "Das Festival hat internationales Format." Und das, obwohl viele der eingeladenen Gruppen auf ihre üblichen Gagen verzichten und sich für ihre Reisekosten eigene Sponsoren suchen müssen.

Das Motto des diesjährigen Festivals ist "Seidenstraße des Tanzes". Was weniger darauf anspielen soll, dass Kunstproduktionen heute international gehandelt werden, so wie einst Seide, Gewürze und Porzellan auf den alten Karawanenstraßen. Sondern darauf, dass die verschiedensten ästhetischen Formen durch die zeitgenössische Tanz- und Performance-Szene wandern, weil sich Künstler aus Europa und Asien gegenseitig befruchten. Ein transkontinentaler Austausch. Wohin sollte dieses Motto besser passen als nach Istanbul?

Arabischer Frühling in der Türkei

Auf dem Programm steht zum Beispiel die puristische Performance "Cry Me A River", ein 50-minütiger Monolog über den Klimawandel, für den Anna Mendelssohn 2011 mit dem Dietmar-N.-Schmidt-Preis beim Festival Impulse ausgezeichnet wurde. Ebenfalls zu Gast ist Toshiki Okada, einer der wichtigsten Regisseure des jungen japanischen Theaters. Gemeinsam mit seiner Gruppe Chelfitsch zeigt er die Leiharbeiter-Trilogie "Hot Pepper, Air Conditioner And The Farewell Speech", die ihm 2010 den Durchbruch in Europa brachte - auch wenn sein filigranes episches Theater, das zugleich an die streng konventionalisierten Gesten des japanischen No-Theaters erinnert, für manchen europäischen Zuschauer eine Geduldsprobe ist. Stefan Kaegi vom Dokumentartheater-Kollektiv Rimini Protokoll zeigt seine weit gereiste Erfolgsproduktion "Radio Muezzin", die ein Fenster öffnet ins Leben von vier Muezzins in Kairo; nach Stationen in Ägypten, Singapur und Bosnien ist die Arbeit nach längerer Zeit mal wieder in einem muslimisch geprägten Land zu sehen - wegen des Arabischen Frühlings in einer aktualisierten Fassung. Festivaldirektor Silier hofft, damit auch traditionellere Zuschauerschichten anzulocken, und hat zur Vorbereitung eigens einige Texte aus dem Rimini-Protokoll-Sachbuch "Experten des Alltags" ins Türkische übersetzen lassen.

Hinzu kommen Gastspiele unter anderem von der koreanischen Performerin Geumhyung Jeong sowie dem japanischen Choreografen und Tänzer, Maler und Bildhauer Saburo Teshigawara, der in den Neunzigern international bekannt wurde durch Auftritte am Frankfurter TAT. Und zwei Weltpremieren: In "Dry Act #2: South Domino" verhandeln Anne-Linn Akselsen und Adrian Minkowicz Gesellschaftsspiele, die für Länder kulturell wichtig sind, so wie Backgammon für die Türkei, Truco für Argentinien und Xiangqi für China. Von ihnen ausgehend fragen sie: Wie werden Entscheidungen in diesen Ländern getroffen? Wie sehen soziale Interaktionen aus? Wie ausgeprägt ist das Konkurrenzdenken? Als Lokalgrößen zeigen zudem die Akteure von Biriken, der international wohl bekanntesten türkischen Performance-Gruppe, eine neue Produktion.

Der Lohn für dieses ambitionierte Programm: Als erstes türkisches Kulturfestival überhaupt wird iDANS in diesem Jahr vom Kulturprogramm der europäischen Union gefördert, neben so etablierten Veranstaltungen wie dem London Jazz Festival, ImPulsTanz Wien und der transmediale Berlin. Ein Zuschuss, der bitter nötig war, denn iDANS finanziert sich hauptsächlich aus Mitteln der Bimeras-Stiftung und kleineren Förderbeträgen von Partnern wie dem Goethe-Institut und dem Institut Français, muss aber völlig ohne staatliche Gelder auskommen. Die Kommune ging sogar so weit, dass sie der staatlichen Oper und dem staatlichen Ballett kurzfristig Termine zuwies, die eigentlich schon für das Festival reserviert waren.

Silier und Ertem reagierten wie Katzen: Sie wichen mit einigen Gastspielen, darunter eines der belgischen Star-Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker, auf Mai 2013 aus - und haben nun zwei Festivals.


iDANS-Festival Istanbul.
Anna Mendelssohn 2. und 3.10., Stefan Kaegi 4. und 5.10., Anne-Linn Akselsen und Adrian Minkowicz 12.10, Biriken 13. und 14.10., Toshiki Okada und Chelfitsch 23.10. Komplettes Programm auf der Homepage des Festivals, begleitende Artikel im
Festivalblog.
Das Tierpuppen-Projekt iKEDI läuft noch am 29. und 30.9., am 6. und 7.10.

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