Turner-Kunstpreis "Zerstören... zerstören...zerstören"

Gegen den Turner-Preis regt sich in London Protest von Seiten der "Stuckisten" - die ihrem Namen alle Ehre machen.

Von Gunnar Luetzow


Gemälde von Glenn Brown in der Tate Gallery
REUTERS

Gemälde von Glenn Brown in der Tate Gallery

"Wer regiert die britische Kunst?" fragt die Underground-Zeitschrift "The Jackdaw" in ihrer aktuellen Ausgabe und liefert die Antwort auf der Titelseite gleich mit: Charles Saatchi, erfolgreich als Werber und berühmt als Sammler. Wie der Zufall es will, befinden sich Arbeiten von drei der vier aktuellen Kandidaten für den in der britischen Öffentlichkeit immer wieder umstrittenen Turner-Preis in seinem Besitz.

Sowohl damit als auch mit deren Auswahl sind einige nicht ganz einverstanden: "Turner hat keine Waschsalons nachgebaut. Er hat nicht fotografiert, noch hat er, so weit wir wissen, Schafe eingelegt oder negative Räume in Beton gegossen", heißt es in einem Manifest der "Stuckisten", die aus Protest gegen die Tate Gallery eine eigene Ausstellung, die "Real Turner Prize Show", eröffnet haben. Der Name der "Stuckisten" entstand, als die inzwischen sehr berühmte Künstlerin Tracey Emin mit ihrem damaligen Lebensgefährten Wild Billy Childish Tacheles redete: "Your paintings are stuck, you are stuck. Stuck, stuck, stuck!"

Bild von Charles Thomson: Künstlerische Ausbildung mit "First Fail in a Decade" beendet
Charles Thomson

Bild von Charles Thomson: Künstlerische Ausbildung mit "First Fail in a Decade" beendet

Was der inzwischen nicht sonderlich berühmte Musiker, Maler und Literat Childish und Stuckisten-Mitbegründer Charles Thomson von dem Preis und dem derzeitigen Direktor der Tate Gallery halten, machen sie auf Anfrage gerne besonders deutlich. Sie verfallen spontan in die schräge Tonlage der "Daleks" - kleiner, gemeiner Roboter aus einer britischen Science-Fiction-Serie mit Kultstatus - und quäken: "Zerstören... zerstören... zerstören... Sir Nicholas Serota wird vaporisiert... zerstören... zerstören!"

Thomson, dessen künstlerische Ausbildung am Kent Institute of Art & Design in Maidstore mit einem tragischen FFIAD (First Fail in a Decade) endete, erklärt auch, warum: "Wir sind eine Gruppe, die die Malerei als die starke zeitgenössische Kunstform fördern will. Wir glauben, dass sie ausdrucksstärker und interessanter als vieles von dem ist, was heute Kunst genannt wird. Daher haben wir beschlossen, dass es sich dabei gar nicht um Kunst handelt." Dabei hat auch Thomson jenseits von Palette und Staffelei Erfahrungen sammeln können. So zerschlug er als Sechzehnjähriger 1969 einen Haufen Porzellan irgendwo in Kent - doch wie er berichtet, fehlte ihm dabei bereits damals das gewisse Etwas.

Das allerdings fehlt den meisten Arbeiten der "Stuckisten" auch. Der von van Gogh und den deutschen Expressionisten inspirierte Wild Billy Childish ist als wandelndes Gesamtkunstwerk natürlich immer wieder ein Happening und ersetzt mangelnde Inspiration locker durch ergreifende Schlichtheit. Doch ansonsten lockt die "Real Turner Prize Show" höchstens den Tierfreund hinter dem Ofen hervor: Werke wie "Katz und Maus", und "Hund und Katze Unterwasser" zeigen Stubentiger in allen Lebenslagen.

Aber wie berechtigt ist eigentlich die Kritik am Turner-Preis und was sagt die Tate Gallery dazu? Tate-Kurator Simon Wilson, der den "Stuckisten" von Herzen "alles Gute" wünscht, dazu: "Wäre Turner ein zeitgenössischer Künstler, dann würde er wahrscheinlich Schafe einlegen. Viele seiner Arbeiten wurden damals nicht verstanden, insbesondere die, die wir heute am meisten schätzen. Er wurde von den Kritikern stark angegriffen, und seine späten Sonnenuntergänge, die nahezu abstrakt sind, wurden mit Worten wie "Reich mir bitte den Senf" kommentiert."

Gemälde von Billy Childish: Von van Gogh inspiriert
Billy Childish

Gemälde von Billy Childish: Von van Gogh inspiriert

Wie unberechtigt die Kritik der Stuckisten dennoch ist, zeigen die Arbeiten der beiden ausgewählten Maler, die zeigen, wie interessant und vielseitig Malerei auch heute sein kann: Michael Rädecker, dessen leere Landschaften in gedeckten, gespenstischen Tönen die Abwesenheit menschlichen Lebens sichtbar machen. Und dann ist da Glenn Brown, der sich sowohl handwerklich perfekt, als auch geistreich an Vorbildern abarbeitet und ihre Techniken und Motive mit einer Extraportion Gegenwart versetzt.

Wolfgang Tillmanns geht als Fotograf ebenfalls über die ganze Distanz, zeigt in seiner Fotoinstallation verschwitzte Armbeugen und die Sonnenfinsternis, das Stilleben mit Margarine und Zigaretten und die große, geheimnisvolle Stadtlandschaft. Dass einige seiner Arbeiten dabei an abstrakte Malerei erinnern, erfreut jedoch nicht alle Besucher: "So sehen meine Fotos auch aus - wenn die Kamera kaputt ist."

Mit derartiger Kritik wird zeitgenössische Kunst wohl immer leben müssen, mit der Kritik der Stuckisten wird sie sehr gut leben können. Denn als welche Person bewirbt sich der 26-jährige "Real Turner Prize"-Promoter Joe Compton, der nebenbei auch in einer Band spielt und behauptet, Hoxton vor allen anderen Galeristen entdeckt zu haben? Als "der neue Charles Saatchi" - dann ist ja gut.



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