Turner Prize 2001 Kampfzone Wohnzimmer

Schwule Cowboys, elende Eltern, punkiger Minimalismus und ungeborgene Kippen - auch die diesjährige Ausstellung zum Turner Prize für zeitgenössische Kunst in der Londoner Tate Britain erregt die Gemüter. Dabei haben die vier Preisanwärter kaum Radikales und noch weniger Neues zu bieten.

Von Gunnar Luetzow


Auch wenn den Briten das Wasser bis zum Hals steht, die Kühe durchdrehen oder die Eisenbahnen entzweibrechen, kann man auf eines bedenkenlos wetten: Einmal im Jahr dreht sich alle Aufregung auf der Insel um die Verleihung des Turner-Preises. Schon im Vorfeld nehmen spießige Postillen wie die "Daily Mail" Maß für den kalkulierten Blattschuss: Ohne den Bogen von Ready-Mades-Pionieren wie Marcel Duchamp oder den Minimalisten der sechziger und siebziger Jahre zu den Werken der heutigen Generation zu schlagen, fragen sie, scheinbar empört, was denn daran nun wieder Kunst sei, das könne schließlich jeder Eskimo/Elektriker/Einjährige/ Entrümpelungsdienst.

Ebenfalls rituellen Charakter hat der Protest der zumeist künstlerisch nicht sonderlich begabten "Stuckisten", die, wie der Name schon sagt, in ihrem Kunstverständnis ungefähr an dem Zeitpunkt stecken geblieben sind, als man sich noch ungebrochen an dramatischen Seestücken, historischen Schinken in Öl und Essig und Stillleben aus biologischem Anbau erfreuen konnte und ungemachte Betten und eingelegte Haifische im Museum so undenkbar waren wie genmanipuliertes Grünzeug im Einkaufskorb.

Diesmal allerdings verläuft die Front nicht nur in Boulevard-Regionen. So kritisiert der den nicht mehrheitsfähigen Ausdrucksformen ansonsten durchaus zugeneigte "Guardian" nicht nur, dass einige der ausgestellten Arbeiten nicht mehr ganz frisch sind, sondern polemisiert auf seiner Titelseite auch noch kräftig gegen Martin Creeds "Work No. 227: The Lights Going On And Off" (Das Kunstwerk hält, was der Titel verspricht) mit dem sicherlich korrekten, aber an dieser Stelle etwas fehlplatzierten Hinweis, dass auf diese Art in der Türkei und anderswo Gefangene gefoltert werden würden.

Der "Telegraph" hingegen, der in derselben Ausgabe an höchst prominenter Stelle Faszinierendes über den nahenden Ruhestand des 92-jährigen Schneiders ihrer Majestät zu berichten weiß, lobt den erfrischenden "Punk-Minimalismus" des 33-jährigen Künstlers Creed, der, wenn er nicht gerade die skulpturalen Qualitäten zerknüllter DIN-A4-Bögen untersucht oder auf andere Weise Irritationen in den Alltag bringt, Lieder über das Nichts schreibt und mit seiner Band vorträgt. Und warum sollte Kunst eigentlich nicht bisweilen zum Stutzen und Schmunzeln anregen?

Wie die Fotoarbeiten Richard Billinghams zeigen, ist das Leben schließlich hart genug. Zumindest in seiner Familie, die, von der Stütze lebend, in einem 15-stöckigen Hochhaus in einem Vorort von Birmingham vor sich hinvegetiert und das Leben mit Alkohol und Zigaretten wacker bekämpft. Unterhält man sich mit dem heute 31-Jährigen über sein Aufwachsen unter verschärften Bedingungen, erfährt man haarsträubende Dinge: Essen beispielsweise sei damals bei Billinghams eher selten gewesen - schließlich waren dauernd die Nachbarn zum Schnorren vorbeigekommen.

Doch Billingham will und kann mehr, als bloß zum Vergnügen seines Sammlers Charles Saatchi und der Zeitgeist-Presse das Elend der eigenen Herkunft fotografisch zu dokumentieren, wie sein Beitrag zur Turner Prize 2001 Exhibition zeigt: Einerseits gibt es da erste Versuche, sich mit dem Medium Video noch einmal dem familiären Drama anzunähern, andererseits tauchen nach seinen tristen Stadtansichten und Schreckensfotos aus der Kampfzone Wohnzimmer auf einmal friedvoll anmutende Landschaften auf, die interessanterweise nach den Prinzipien der Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts aufgebaut sind. Ein ironischer Verweis auf die Sehnsüchte des dem Proletariat entronnenen Kleinbürgertums nach einer heilen Welt? Eine Zwischenstation auf der Suche nach neuen Herausforderungen? Oder gar eine Verweigerung gegenüber "Cool Britannia"? Billingham bleibt also spannend, täte allerdings besser daran, die Arbeit mit bewegten Bildern vorerst den Profis zu überlassen.

Schließlich ist da ja auch noch der mit zwei Video-Installationen vertretene Filmemacher Isaac Julien ("Young Soul Rebels", "Looking for Langston"), der mit "Vagabondia" und "The Long Road to Mazatlan" den Möglichkeiten des Mediums in weitaus höherem Maße gerecht wird, ohne in Beliebigkeit oder gar Spielerei zu verfallen. "Mazatlan" geizt nicht gerade mit Anspielungen und Zitaten, die von Andy Warhol über David Hockney bis zu Martin Scorsese reichen, und versucht, den Subtext des Western-Machismos zu entziffern. "Vagabondia" beschäftigt sich mit der kolonialen Vergangenheit des Empire, die das Land noch immer wie eine unerlöste Seele geisterhaft heimsucht: In Sir John Soanes Privatmuseum inszenierte Julien die assoziative Odyssee einer schwarzen Kuratorin, die inmitten der willkürlich angehäuften Beutestücke nicht nur ahnt, dass irgendwo da draußen eine unangenehme Wahrheit wartet. Dazu sorgt eine Trickster-Figur, die William Hogarths "Rake's Progress" entlehnt ist, für Unruhe.

Während Julien mit seiner Arbeit an die theoretischen Diskurse der Neunziger anschließt, beweist Konkurrent Mike Nelson wieder einmal seinen derselben Dekade entstammenden, aber inzwischen reichlich antiquiert wirkenden Slacker-Humor. In den Regalen seiner Installation "The Cosmic Legend of the Uroboros" - die gerne mit der Rumpelkammer der Tate in einen Topf geworfen wird, aus der sich bereits im Vorjahr Tomoko Takahashi bedient hat - . versammelt er den üblichen Zivilisationsabfall: Telefone in Maiskolbenform, Souvenir-Wanduhren mit dem Londoner U-Bahnnetz darauf und Handtücher mit Motiven aus Washington D.C.. Auf dem Boden - wieder einmal - ein paar ungeborgene Kippen.

Dass die Arbeiten des diesjährigen Biennale-Teilnehmers Nelson den Besucher in überraschende Räume versetzen, lässt sich nicht abstreiten. Dass Nelson allerdings Gefahr läuft, berechenbar zu werden, allerdings auch nicht. Was seine Wettchancen aber nicht verschlechtert: Derzeitige Quoten für den Gewinner im Londoner Wettbüro William Hill: Mike Nelson: 7/4, Julian Isaac: 9/4, Richard Billingham: 11/4, Martin Creed: 3/1.

"Turner Prize 2001 Exhibition": Bis zum 20. Januar 2002 in der Tate Britain Galery, Millbank, London SW1P 4RG.



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