Turner Prize 2018 Recherchekollektiv für Kunstpreis nominiert

Bei der Documenta sorgte ihre Arbeit über den NSU bereits für Furore. Nun ist Forensic Architecture, eine Gruppe aus Künstlern und Forschern, für den Turner Prize, einen der wichtigsten Kunstpreise, nominiert.

Installation von Forensic Architecture in Mexico Stadt
picture allianc/ ZUMAPRESS

Installation von Forensic Architecture in Mexico Stadt


Drei Einzelkünstler und ein 16-köpfiges Kollektiv sind für den Turner Prize 2018 nominiert. Das gab die Jury des angesehenen Kunstpreises unter Vorsitz von Alex Farquharson, dem Direktor der Tate Britain, am Donnerstag bekannt. Der Gewinner oder die Gewinnerin des mit 25.000 Pfund dotierten Preises wird im Dezember bekannt gegeben.

Unter den Einzelkünstlerinnen dominieren Filmarbeiten mit politischen Schwerpunkten: So wurde der britisch-bangladeschische Filmemacher Naeem Mohaiemen für Werke von der Documenta und dem Moma PS1, in denen er sich mit postkolonialer Identität auseinandersetzt, in die Shortlist aufgenommen.

Der Neuseeländer Luke Willis Thompson wurde für einen Schwarz-Weiß-Film, der die Witwe eines Opfers von Polizeigewalt in den USA porträtiert, nominiert. Die Engländerin Charlotte Prodger verdankt ihre Nominierung der Videoarbeit "Bridgit", die das Schaffen von Künstlerinnen unter den Bedingungen der Digitalisierung untersucht.

Gemeinsam und interdisziplinär arbeiten

Mit Forensic Architecture ist nach Assemble, dem Preisträger von 2015, zum zweiten Mal ein Kollektiv unter den Nominierten. In ihren penibel recherchierten Installationen rekonstruieren Forensic Architecture (FA) Szenarien von Menschenrechtsverletzungen und anderen Verbrechen. Angesiedelt an der Londoner Goldsmiths-Universität, umfasst die Gruppe unter anderem Filmemacher, Journalistinnen, Anwälte und Architektinnen, die gemeinsam und interdisziplinär arbeiten.

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2017 waren FA auf der Documenta vertreten, wo ihre Arbeit zum NSU-Mord an Halit Yozgat für großes Aufsehen sorgte. In ihrer raumgreifenden Installation "77sqm_9:26min" bereiteten sie diverse Szenarien auf, wie es zu dem Mord an Yozgat, der sich zu diesem Zeitpunkt in einem Internetcafé in Kassel aufhielt, kommen konnte.

Ihren Recherchen zufolge, die Faktoren wie die Anruf- und Login-Protokolle sowie die Architektur des Internetcafés berücksichtigten, ist das wahrscheinlichste Szenario, dass Andreas Temme, ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, der sich zur selben Zeit wie Yozgat in dem Internetcafé aufhielt, zumindest Augenzeuge des Mordes wurde und darüber falsche Angaben gegenüber den Ermittlern gemacht hat. Ihre Ergebnisse präsentierten FA auch vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages.

Als nächstes Projekt haben FA eine Untersuchung des verheerendenBrands des Grenfell Towers in London im vergangenen Jahr angekündigt.

Im vergangenen Jahr hatte der Turner Prize die Altersbegrenzung für die nominierten Künstlerinnen und Künstler auf unter 50 Jahre aufgehoben. Prompt wurde mit der 63-jährigen Lubaina Himid die bislang älteste Künstlerin - und erste schwarze Frau unter den Preisträgerinnen - ausgezeichnet. Die diesjährigen nominierten Einzelkünstler sind nun wieder jünger: Mohaimen ist 49, Prodger 44 und Thompson 30 Jahre alt.

hpi/AP

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