TV-Biografie Dieter - das Desaster

Dieter Bohlen ließ am Samstag auf RTL seine lange verschobene, komplett humorfreie Trickfilmbiografie "Dieter - der Film" gegen "Wetten dass...?" antreten. Der Plastikpopper unterlag nicht nur quotentechnisch der Konkurrenzblondine Thomas Gottschalk.

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Der Skandal-Bestseller von heute ist das Millionengrab von morgen. 6,5 Millionen Euro soll "Dieter - der Film" gekostet haben. Das Werk fußt locker auf den sowieso schon sehr lockeren Erinnerungen, die Dieter Bohlen zuvor in seinen Memoiren "Nichts als die Wahrheit" verbreitet hat. Konzipiert wurde der Comic-Streifen noch in jenen Tagen, als der Plastikpop-Zampano mit der ersten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" enorme Einschaltquoten verbuchen konnte. Ein Kinofilm sollte es ursprünglich werden, doch wegen der dann folgenden Bohlen-Flaute im Fernsehen verschob man den Starttermin immer wieder. Weil sich die Zuschauerzahlen bei der letzten "Superstar"-Staffel plötzlich wieder wundersam solide zeigen, wurde der Achtzigminüter nun am Samstag bei RTL durchgewinkt.

Vorausgegangen war ein von der "Bild"-Zeitung begleiteter Schlagabtausch zwischen Bohlen und dem "Wetten, dass..?"-Moderator Thomas Gottschalk, der die Uraufführung des "Dieter"-Films als Angriff auf seinen angestammten Rekordquoten-Sendeplatz empfand. War das ein Krieg der Showtitanen? Nein, eher das gewöhnliche Gezicke unter Blondinen in einem vorstädtischen Croque-Laden oder Frisiersalon. Man zog sich verbal ein bisschen an den Haaren, versuchte mit ungelenker Selbstironie den anderen auszustechen. So unamüsant kann nur das deutsche Fernsehen sein.

Komplett unamüsant war denn auch "Dieter - der Film" am Samstagabend selbst. Das Trickfilmchen, das RTL verständlicherweise vorab nicht der Presse zeigen wollte, zeichnete sich durch eine Eigenschaft aus, die Blondinen ganz allgemein unterstellt wird: Je teurer man sie ausstaffiert, desto billiger wirken sie. Tatsächlich fragte man sich, wohin all das schöne Geld geflossen ist. Der grob gestrichelte Unfug erinnerte an diese Werbespots, die Croque-Läden oder Frisiersalons früher für Nachbarschaftskinos produzieren ließen: Alles ächzt auf eine Pointe zu, die das beworbene Produkt in eher zweifelhaftem Glanz erscheinen lassen.

Krude Emporkömmlingsbiografie

Mühsam rang sich die Handlung durch Zoten, die im ersten Drittel vor allem vom bescheidenen musikalischen Talent des Helden erzählten, im zweiten Drittel vom noch bescheideneren des Modern-Talking-Kompagnons Thomas Anders und im letzten Drittel von den komplett talentfreien Bohlen-Anhängseln Naddel und Feldbusch. Sucht, Gier, falsche Körperteile - der Film beschrieb die drei Grundzutaten einer jeder Emporkömmlingsbiografie in einem solch menschen- und vor allem frauenverachtenden Tonfall, dass all die Busen-OP-Spannerei und Kindermusikerverramsche, die sonst so auf RTL läuft, geradezu feinfühlig erscheinen müssen.

Verantwortlich für "Dieter - der Film" ist neben Bohlen und RTL die TFC Trickcompany, für die das Dieter-Desaster als weiterer Meilenstein in den künstlerischen und kommerziellen Abgrund gewertet werden muss. Konnte das Hamburger Animationsstudio in den Neunzigern noch mit bauernschlauen Zeichentrickverwurstungen wie "Kleines Arschloch" oder "Käpt'n Blaubär" siebenstellige Zuschauerzahlen erzielen, produzierte man über die letzten Jahre mit Arbeiten wie der Ottifanten-Adaption "Kommando Störtebeker" und der unseligen "Derrick"-Reanimation Flops in Reihe.

Sieg der ZDF-Blondine

Die Hybris des Dieter Bohlen nun, mit diesem Trickfilm-Trash die Quotenfestung des ZDF zu knacken, konnte so gesehen nicht aufgehen. Weit mehr als doppelt so viele Zuschauer - nach Senderangaben 13,04 Millionen oder 39,4 Prozent - wollten lieber "Wetten dass..?" schauen als "Dieter - der Film" (5,51 Millionen, also 15,9 Prozent) - auch wenn bei Gottschalk auf dem Sofa an diesem Abend wieder mal so gar nichts Sensationelles passierte. Die US-Stars waren wegen der Oscar-Verleihung nämlich zu Hause geblieben, und die eingeflogenen deutschen Sport-Heroen der Winter-Olympiade konnten das Glamour-Vakuum schwerlich füllen.

Aber um Glamour geht es in Gottschalks Show ja auch schon lange nicht mehr. Vielmehr geht es um das milde Echo von Sensationen - von Siegen, die woanders eingefahren wurden; von Skandälchen, die niemandem mehr wehtun; von Filmen, die beworben sein wollen. Die Gäste feiern sich halt ein bisschen gegenseitig, auch wenn sie oft gar nicht wissen wofür. "Wetten, dass..?" ist seit Jahren schon eine Art Erdnussflips-Tüte des deutschen TV: Man steht nicht von der Fernsehcouch auf, bis sie leer gegessen ist. Selbst wenn es viertel nach elf wird.

Quotensieger Thomas Gottschalk bedachte die Konkurrenz auf RTL während der Sendung übrigens mit nur sehr wenigen Worten. Dafür hatte er Thomas Anders im Programm, der hier genau in dem Moment seine schaurige Grand-Prix-Bewerbungsballade vorstellte, als er in der Bohlen-Selbstbespiegelung für seine Stimme abgewatscht wurde. Und mit Heiner Lauterbach, der gerade erst seine sperma- und wodka-getränkten Memoiren veröffentlichte, hatte sich Gottschalk jemanden aufs Sofa geholt, der sogar einen echten Skandalbestseller im Gepäck hatte. Wie gesagt: Der Skandalbestseller von heute ist das Millionengrab von morgen. Alles nur eine Sache des Timings. Und damit hapert's bei Dieter Bohlen eben doch erheblich.

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