TV-Doku "Die Kinder der Flucht" Unter Wölfen

Mit dem dokumentarischen Dreiteiler "Die Kinder der Flucht" widmet sich das ZDF dem Schicksal jugendlicher Opfer des Krieges. Befremdlich ist nur, dass die Macher vor lauter aufrechter Rührung eine bisweilen heikle Perspektive auf die Täter haben.

Von


Sechzig Jahre hat die große Politik sie auseinander gerissen, dann feiern Elvira und Fortek doch noch Hochzeit. Die Deutsche und der Pole sind ein seltenes Beispiel dafür, wie Menschen zuweilen den großen historischen Verschiebungen zu trotzen imstande sind. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Fortek von den Sowjets aus dem Osten Polens an die Oder umgesiedelt, während Elvira von eben dort weiter in den Westen ziehen musste.

Einen kurzen Sommer aber verbrachten die beiden nach dem Krieg gemeinsam im ehemaligen Bärwalde und verliebten sich ineinander. Eine Hochzeit verboten die Behörden den jungen Leuten, kurz darauf trieb man Elvira mit den letzten verbliebenen Deutschen der Gegend über die Oder. Am Ende des ersten Teils von "Die Kinder der Flucht" sieht man die beiden beim Eröffnungstanz zu ihrer um fast 60 Jahre vertagten Hochzeit. Zwei glückliche Greise, die sich in einen von geopolitischen Zumutungen befreiten Lebensabend wiegen.

Die deutsch-polnische Liebesgeschichte, die von den beiden vor der Kamera anrührend erzählt und in Spielszenen feinfühlig nachgestellt wird, bildet wohl nicht von ungefähr den Auftakt des dreiteiligen Doku-Dramas. Wenn man über das Thema Flucht und Vertreibung berichtet, muss man eben aufpassen, dass man revanchistischen Gelüsten kein Futter gibt. Eine solch beherzte Lovestory suggeriert gleich zu Anfang das nötige Maß an Versöhnlichkeit. So weit, so gut. Blöde nur, dass man bei soviel aufrechter Rührung glatt die historische Analyse und die erzähltechnische Schlüssigkeit vergessen hat.

So richtig schlau wird der Zuschauer aus "Die Kinder der Flucht" jedenfalls nicht. Trotz des recht einnehmenden Einstiegs wirkt die Trilogie extrem unfokussiert. Der Titel legt zwar nahe, dass man sich hier mit den Kindern beschäftigt, die bei der Neuordnung Mittel- und Osteuropas unter die Räder gekommen sind – in Wirklichkeit aber ist der Dreiteiler eine lose Sammlung von verschiedenen Aspekten zum Thema, in der jugendliche Schicksale zuweilen nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Wettlauf mit der Konkurrenz

Die redaktionelle Leitung hatte Guido Knopp inne, der oberste Geschichtslehrer des ZDF, der bereits einige Dokumentationen über Flucht und Vertreibung produzieren ließ. Und man wird das Gefühl nicht los, dass er seinen Regisseur und Autor Hans-Christoph Blumenberg ("Deutschlandspiel") nun sämtliche blinden Spots bearbeiten ließ, die noch nicht von der Knopp’schen Histotainment-Maschinerie ausgeleuchtet worden sind. Vielleicht will man mit dem Projekt ja auch nur der ARD ein Schnippchen schlagen im Wettlauf ums Gedenken, denn bei der Konkurrenz läuft Anfang nächsten Jahres das publicityträchtige Historienmelodram "Flucht und Vertreibung". Bereits mit ihrem Dokudrama "Die letzte Schlacht" waren Knopp und Blumenberg der ARD-Ausstrahlung des Führerbunker-Breitwand-Szenarios "Der Untergang" zuvorgekommen.

Nach einer eindeutigen Erzähllinie sucht man in dem sonderbar aufgeblasen wirkenden Dreiteiler "Die Kinder der Flucht" aber vergeblich. Berichtet der erste Teil von der tragisch unerfüllten Liebe zweier junger Erwachsener, geht es im dritten um den Kampf um die Stadt Breslau, die Hitler in den letzten Tagen des Krieges zur Festung erklären ließ.

Die kindliche Perspektive, die der Titel suggeriert, kommt aber eigentlich nur in dem Mittelteil "Die Wolfskinder" wirklich zum Tragen. Es ist zugleich auch der konsequenteste 45-Minüter des Doku-Projekts. Denn er zeigt auf, wie Kinder nicht nur Opfer der geopolitischen Neuordnung geworden sind, sondern wie sie sich auf ihre Art politisch damit arrangieren mussten. Denn überleben konnten sie oft nur in zweifelhaften Allianzen.

Fahrlässige Opferperspektive

So folgt Blumenberg präzise dem kleinen elternlosen Mädchen Schumpelchen und ihrem noch kleineren Bruder Ulimatz auf ihrer Bettelodyssee durchs verschneite Litauen. Für eine kurze Zeit lassen sich die einsamen Knirpse mit einem undurchsichtigen Deutschen ein, der die beiden zum Schnorren von Bauernhof zu Bauernhof schickt, um dann sämtliche Eier alleine auszuschlürfen. Der Mann kann offensichtlich nicht nach Deutschland zurück, weil er dort gesucht wird. Deshalb lässt er jetzt eben die Kleinen für sich arbeiten und verspricht sie im Gegenzug vor den Wölfen zu beschützen. Eine Konstellation wie aus einem Dickens-Roman – in der sich doch ohne falsches Pathos die ganze Grausamkeit des Stoffes offenbart. Auch stellt der dubiose Wanderer einen der wenigen Nazis dar, dem überhaupt etwas mehr Beachtung in dem Dreiteiler zukommt.

Denn richtige Nazis sind in "Die Kinder Flucht" auffällig rar gesät. Es gibt zwar einen verschlagenen Gau-Leiter und die üblichen Stechschritt-Komparsen, ansonsten scheint sich keiner der erwachsenen Protagonisten der nationalsozialistischen Ideologie verschrieben zu haben. Und auch Mitläufer sucht man hier vergeblich. Stattdessen wird der Zuschauer mit Fabrikdirektoren und Kaffeehausbesitzerinnen konfrontiert, die ihre polnischen Zwangsarbeiter stets freundlich und zuvorkommend behandeln. Natürlich soll den realen Vorbildern ihr humanes Handeln nicht in Abrede gestellt werden – doch die Ballung deutscher Gutmenschen wirkt auf Dauer arg befremdlich.

Ganz am Ende lässt man eine ehemalige polnische Zwangsarbeiterin das Fazit ziehen: "Alle haben in diesem Krieg Schlimmes erlebt, nicht nur wir Polen." Dass Knopp und Blumenberg diesen versöhnlichen Schlusssatz als eine Art Freibrief genommen haben, die Opferperspektive deutscher Kinder zu einer Opferperspektive für das gesamte deutsche Volk zu erheben, ist allerdings grob fahrlässig zu nennen. Kaum vorstellbar, dass von den friedliebenden Deutschen in "Die Kinder der Flucht" in Wahrheit ein Angriffskrieg ausgegangen ist.


"Die Kinder der Flucht", drei Folgen, jeweils dienstags, 20.15 Uhr, ZDF.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.