TV-Doku "Jesus Freaks" Breit vom Heiligen Geist

Dosenbier statt Messbecher, Piercing statt Kruzifix: Die "Jesus Freaks" kommen zugleich als Jugendbewegung und Religionsgemeinschaft daher. Dokumentarfilmerin Anne Pütz zeigt in ihrer WDR-Doku, dass es Mühe kostet, sich mit Anfang 20 ganz dem Glauben zu verschreiben.

Von


Auf St. Pauli ging es los. Wer sich Anfang der Neunziger auf dem Hamburger Kiez herumtrieb, begegnete immer wieder Grüppchen von jungen Menschen, die extrem gut aufgelegt ihren frisch erworbenen Glauben durch die nächtlichen Straßen trugen. Sie hatten Piercings an damals noch ungewohnten Stellen, tranken Bier aus Dosen und hörten Punkrock, die Mädchen waren hübsch. Manchmal zog einer der jungen Menschen auch ein Kreuz hinter sich her, während ein anderer ihn spielerisch geißelte.

"Jesus Freaks" nannte sich die Truppe, die da wie eine Mischung aus Love Parade und Passionsspiel durch die Gassen zog, um die Verlorenen und Vergnügungssüchtigen von St. Pauli einzusammeln. Ehrlich gesagt war man ein bisschen neidisch auf sie. Wie viel Spaß die hatten und wie gefestigt die dabei doch offensichtlich in ihrem Glauben waren! Vielleicht, dachte man sich, sollte man es ja doch noch einmal mit dem Beten probieren.

Inzwischen haben sich die "Jesus Freaks" zu einer freichristlichen Bewegung ausgewachsen, die in ganz Deutschland aktiv ist. Ihre "Volxbibel", eine Übersetzung der Heiligen Schrift in einen saloppen Jugendslang, mit der die beiden anderen großen christlichen Anbieter im Land alles andere als einverstanden sind, soll sich bereits 100.000 Mal verkauft haben. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, was die "Jesus Freaks" für junge Menschen attraktiv macht.

Aber ist es wirklich so einfach – Bier hin, Punkrock her – sich Anfang 20 ganz seinem Glauben zu verschreiben? Die Filmemacherin Anne Pütz hat für ihre Dokumentation drei junge Frauen auf ihrem Weg durchs christlich geprägte Leben begleitet und dabei Glücksmomente und Erbauungsrituale, aber auch Widersprüche und Selbstzweifel eingefangen. Denn auch wenn die Jesus-Gang, die im gleichen Maße als Jugendbewegung und Religionsgemeinschaft auftritt, sich extrem zwanglos gibt – ihre Vertreter lassen keinen Zweifel daran, dass die Entscheidung für die Religion ihren Preis hat. Gott gibt es nicht zum Nulltarif.

"Voll krass Sehnsucht"

Da ist zum Beispiel Helke, die schon einen kleinen Sohn hat und mit ihrem Freund zusammen lebt. Man sieht, wie sie auf der Toilette Gespräche mit dem Erlöser führt oder im Park vor ihren Glaubensbrüdern und -schwestern predigt; man sieht sie aber auch, wie sie mit ihren Freundinnen Saufspiele absolviert und nachts bis zur Besinnungslosigkeit um die Häuser zieht. "Jesus", barmt sie irgendwann, "ich habe voll krass Sehnsucht danach, dass du bei mir bist. Aber ich bin auch so verliebt in die Welt."

Auch Claire hat erst nach schweren Selbstprüfungen zu ihrem Glauben gefunden. In ihrer Jugend litt sie an Bulimie und hätte sich beinahe ihre Seele aus dem Leib gekotzt. Ihre Eltern konnten ihr keinen Halt geben, erst in Jesus fand sie eine Leitfigur. Jetzt hört man die junge Sozialpädagogin den Heiland ansprechen wie Altersgenossinnen einen neuen Lover ansimsen: "Es ist voll cool, Zeit mit dir zu verbringen."

Das klingt alles so lässig, dass man leicht vergisst, wovon dieser Neunzigminüter eigentlich handelt: von der Religion und wie sie die Menschen rettet, leitet und bedingungslos in Anspruch nimmt. Nein, sagt da zum Beispiel Sozialpädagogin Claire, die man eben noch so engagiert einer türkischen Schülerin Nachhilfe geben sehen hat, andere Glaubensgemeinschaften könne sie eigentlich nicht ernst nehmen.

Bedürfnis nach religiöser Rigorosität

Bei Mireille, die 21 ist und neu bei den "Jesus Freaks", findet sich ein ähnliches Bedürfnis nach religiöser Rigorosität. Bis vor kurzem glaubte sich das Mädchen mit den schwarz gefärbten Haaren noch von Satan besessen, dachte an Selbstmord und trieb sich in der Leipziger Gothic-Szene herum. Dann sei auf einmal Gott da gewesen und habe das Böse verdrängt. Wie sie das so sagt, ganz ohne jedes Pathos und doch voll Überzeugung, kann man nicht anders, als ihr zu glauben. Was immer der Teufel für Mireille gewesen sein mag – Angst vor der Zukunft, unverarbeitete Traumata oder pubertärer Weltschmerz –, wer will ihr den Glauben nehmen, wenn sie damit ihre inneren Dämonen besiegt?

Regisseurin Pütz zeichnet diese Erweckungserlebnisse nach, ohne sie zu kommentieren. Man freut sich für die jungen sympathischen Frauen, würde ihnen gerne mit der Bierdose zuprosten. Der Tonfall der Dokumentation ist eher der einer Open-Air-Konzert-Reportage denn der einer Religionsstudie. Und doch schiebt sich in diese scheinbar lockere Aneinanderreihung von Party-, Predigt- und WG-Impressionen doch die sichere Erkenntnis, dass auch der bunt gekleidete und wild gepiercte Haufen der Jesus Freaks dogmatisch zusammengehalten wird.

Am Ende wird die Ex-Satanistin Mireille bei einem Grillfest an einem Berliner See getauft. Man trinkt Bier und isst Würstchen, Mireilles nette Eltern liegen auch im Gras. Doch während die frisch Getaufte von einem bärtigen Glaubensbruder an die Brust gedrückt wird, zockeln Mutter und Vater bald verunsichert mit ihren Kühltaschen und Tupperdosen von dannen, ohne von der Tochter eines Blickes gewürdigt zu werden.

Ein Szene, in der sich der beängstigend flotte Fundamentalismus der Jungchristen offenbart: Wer Jesus Christus finden will, muss schon mal ein paar geliebte Menschen hinter sich lassen.


"Jesus Freaks", Donnerstag, 23.15 Uhr, WDR



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.