TV-Doku "Punk im Dschungel": Pogo mit Kopftuch

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Brüllorgien und Bandscheibenprobleme: "Punk im Dschungel" begleitet eine in die Jahre gekommene schwäbische Band bei ihrer Tour durch Indonesien – und zeigt die gesellschaftliche Sprengkraft von Pogo und Kampfparolen in Südostasien.

Manchmal ist das Vertraute so fern und das Fremde so nah. Wer zum Beispiel als Norddeutscher ein inniges Verhältnis zur Punk-Kultur pflegt, den beschleichen bei diesem Film sonderbare Gefühle. Denn während die Punks im weit entlegenen Jakarta mit offensiven englischen Slogans für den Freund griffiger Drei-Riffs-Songs eine gewisse Heimeligkeit verbreiten, wirkt die Band Cluster Bomb Unit aus der schwäbischen Provinz für Hamburger Ohren irgendwie exotisch. Was brabbeln die Punks aus dem Ländle da bloß? Die schwierigsten Passagen wurden zum Glück vom Filmemacher untertitelt.



"Desch isch schon Noschtalgie", erklärt zum Beispiel der mit schwer verfilzten Zöpfen behangene Gitarrist von Cluster Bomb Unit. Wenn er ehrlich mit sich ist, muss er zugeben, dass dieses Punkrockding doch seit Jahren bereits vorbei ist. Eigentlich könnte er den ganzen Tag seine Katze streicheln.

Doch auf Einladung indonesischer Fans bereitet er sich mit seinen in die Jahre gekommenen Freunden nun doch auf die größte Tour ihres Lebens vor. Draußen läuten friedlich die Glocken der Dorfkirche, drinnen entstauben die alten Herren die Instrumente und die Sängerin ihre lange nicht mehr getragenen "Punkschuhe". Am Flughafen von Jakarta werden die rustikalen Schwaben dann von den schwarz betuchten Indonesiern wie Rockstars empfangen.

Einen spannenden, berührenden und klugen Clash der Kulturen hat Regisseur Andreas Geiger mit seinem dokumentarischen Roadmovie "Punk im Dschungel" eingefangen. Die aus dem Punkrock-Vorruhestand aufgescheuchten Deutschen treten in Südostasien vor begeisterten jungen Menschen auf, für die ihre Musik Lebensinhalt, Philosophie und Protestmedium darstellt.

Cluster Bomb Unit spielen auf riesigen Arealen vor Legionen von Nietenjackenträgern und Igelhaarschnitten oder auf Augenhöhe und bei 100 Prozent Luftfeuchtigkeit vor einem aufgeheizten freundlichen Mob in einer Bambushütte mitten im Busch. Das macht die Band glücklich – und geht ihr doch an die Substanz. Gegen die indonesischen Nachtlager nehmen sich nämlich die Lumpenquartiere alternativer Kulturzentren in Deutschland wie Luxus-Suiten aus.

Ganz nebenbei und ohne das Unterfangen als Ganzes zu diskreditieren fängt der Film so die Widersprüche dieses deutsch-indonesischen Kulturtransfers ein: Die Mitglieder von Cluster Bomb Unit klagen über ihre Bandscheibenprobleme, ihre indonesischen Anhänger über die gesellschaftlichen Zustände.

Glauben an die nihilistische Geste

Denn Punk ist in der jungen und alles andere als intakten Demokratie Indonesiens mehr als ein Sound oder ein Lifestyle: Er ist eine soziale Bewegung. Es geht nicht um Abgrenzung, sondern um Solidarisierung. Provozierte die erste Welle des Punk im Westen Mitte der Siebziger (zur vollen Zufriedenheit ihrer Protagonisten) in der bürgerlichen Gesellschaft vor allem Abscheu, so hegt man in Jakarta quer durch die Bevölkerung große Sympathie für die hier noch wirklich junge Jugendbewegung.

Sogar in der Moschee findet man die Kids in ihren zerrissenen Jeans in Ordnung und heißt ihren Lebenswandel gut; einige der wenigen Mädchen der Szene behalten beim Pogo dafür auch das Kopftuch auf. Strenger Glaube und nihilistische Geste schließen sich in der südostasiatischen Variante des Punk nicht aus.

Cluster Bomb Unit, die in Deutschland vor höchstens 100 Leuten spielen, können über die soziale Sprengkraft und integrative Energie nur staunen. So wird das Brüllen zum politischen Akt. Hierzulande ist Musik eine Privatangelegenheit, in Indonesien mobilisiert sie die Massen: Punks schließen sich dort zusammen, um ganze Stadtviertel aus dem Griff der Mafia zu befreien, holen verarmte Kinder von der Straße. Sensibilisieren die Menschen für den Naturschutz. Vermitteln zwischen dem weltlichen und religiösen Indonesien. Punk als Katalysator für einen komplizierten gesellschaftlichen Prozess – das gab es in den Jahrzehnten zuvor so noch nicht.

Ein Köter namens Punk

Die Redaktion des Kleinen Fernsehspiels vom ZDF hat über die letzten drei Dekaden immer mal wieder Filme zum Thema in Auftrag gegeben und zeigt nun nach der Erstaufführung von Geigers Reisebericht unter dem Titel "Für immer Punk" eine sehenswerte Retrospektive.

In "House of the Rising Punk" geht es um die New Yorker Club-Institution CBGB’s, wo Patti Smith, Richard Hell und Alan Vega Mitte der Siebziger ihren nihilistischen Rock’n’Roll zu einer der wichtigsten Kunstformen des späten 20. Jahrhunderts erhoben.

"Störung Ost" zeichnet nach, wie Punk in der DDR vom Zeitvertreib zur dissidenten Musikrichtung avancierte. Und der Dokudrama-Klassiker "Brennende Langeweile" von 1978 zeigt anhand einer Tour der englischen Band The Adverts, wie einst der Pogo in der öden deutschen Provinz Einzug hielt.

30 Jahre hat dieser räudige Hund namens Punk ja inzwischen schon auf dem Buckel. Irgendwie humpelt er aber immer weiter. Und entwickelt zuweilen auch wieder eine ungeahnte Strahlkraft – wie eben jetzt "Punk im Dschungel" aufs Trefflichste zeigt.

Bezeichnenderweise wurde das Motto "No Future" in Indonesien von den Aktivisten längst in "The Future is ours" abgeändert. Man darf also getrost feststellen, dass der Slogan "Punk ist nicht tot", der nun seit fast ebenfalls 30 Jahre in unterschiedlichstem Stümmel-Englisch verzweifelt auf Schulfedertaschen, Häuserwände und Lederjacken gepinselt wird, wahrer denn je ist.

Oder wie man in Indonesien zu Recht sagt: Pang nat ded.

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