TV-Doku "Shoa und Pin-ups": Die Nackten und die Toten

Von Gabriele Meierding

Boris Lurie bringt Sex und Gewalt in verstörender Konsequenz zusammen. In seinen Arbeiten konfrontiert der KZ-Überlebende Sexgöttinnen mit Holocaust-Motiven. Arte wagt sich mit "Shoah und Pin-ups" heute Abend an sein Porträt.

Als der KZ-Überlebende Boris Lurie nach der Befreiung als junger Mann nach New York kam, gab es für ihn nur eine Art, seine Traumata und Obsessionen zu verarbeiten. Mit einem Tabubruch: Lurie collagierte Pin-ups und KZ-Motive zusammen. In seiner "Railroad Collage" von 1959 entblößt ein Pin-up-Girl das Hinterteil inmitten vergaster Körper auf einem Güterwagen.



Shoah und Pin-Ups, wie geht das zusammen? In dem Dokumentarfilm von Reinhild Dettmer-Finke, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Publizisten Matthias Reichelt, beantwortet sich diese Frage von selbst. Erstens aus der Biografie eines Künstlers, die den eher scheinheilig geführten Diskurs um einen Tabubruch –"Darf man das?" – von vornherein obsolet macht.

Zweitens wird in Luries Collagen die mediale Verwertung von amerikanischen Sexbomben und deutscher Vernichtungsindustrie einfach nur schonungsloser deutlich als in US-Hochglanzmagazinen. In seinem von Erinnerungsfragmenten zugewucherten Atelier hortet er wie einen Schatz auch die alte "Life"-Ausgabe vom 7. Mai 1945. Mit Bildern aus den von den Amerikanern befreiten Konzentrationslagern, eingebettet in Modefotos und Werbung.

Erschütternde Zeugenschaft

"Hier in New York ist es anders als in den Buchen-Wäldchen", konstatierte Boris Lurie 1955 in einem seiner Kurzgedichte. 1924 in Leningrad geboren, wuchs er in Riga auf, die Jahre 1941 bis 1945 verbrachte er in Konzentrationslagern. Das auf arte ausgestrahlte Porträt des inzwischen 83 Jahre alten Künstlers untermauert gerade in seiner unaufdringlichen Art den Anspruch des Überlebenden: Nicht seine Kunst sei pervers, sondern die Gesellschaft, die er damit kommentiere.

Luries Ästhetik setzt auf Erschütterung. Zu extrem für den amerikanischen Kunstbetrieb, gegen den sich die von ihm mit initiierte NO!art auch in Opposition zur Popart positionierte. "Das war zu direkt und zu dreckig," erklärt Matthias Reichelt, der 1995 in Zusammenarbeit mit der Berliner Neuen Gesellschaft für bildende Kunst eine Boris-Lurie-Retrospektive realisierte, "fast in einer Vorwegnahme der Punk-Ästhetik." Einmal im Jahr hat Reichelt Lurie in New York besucht und irgendwann damit begonnen, ihre Gespräche über Faschismus, seine Zeit in Konzentrationslagern und die Verarbeitung in der Kunst mit einer Videokamera aufzuzeichnen: "Weil es ein Verbrechen wäre, das nicht zu dokumentieren. Denn irgendwann sind diese Zeitzeugen ausgestorben."

Zurückhaltend näher kommen

So ist "Shoah und Pin-Ups" vor allem eine der letzten Gelegenheiten, einem überlebenden Zeitzeugen zu begegnen. Mit allen Skrupeln einer durch Holocaust-Studien sensibilisierten Filmemacherin hat sich Reinhild Dettmer-Finke seinem Kosmos genähert. "Als deutsche Regisseurin und Autorin kam ich mir zunächst wie ein Eindringling in die Welt eines Holocaust-Überlebenden vor. Weil in der Art, wie er seinen höhlenartigen Wohnraum gestaltet, ja auch Muster eines KZ rekonstruiert sind: die Balken, der alte Gasofen, die Dunkelheit. Das hat man bei vielen Betroffenen festgestellt."

Von dieser Zurückhaltung profitiert der für die Fernsehausstrahlung auf eine Stunde gekürzte Dokumentarfilm, Die Regie schafft es, in der Enge des zugewachsenen Ateliers in der New Yorker East Side Distanz zu wahren.

An einer Wand, die nicht von Soft- und Hardcore-Pin-ups okkupiert ist, hängt ein alter Stadtplan von Riga. Mit der Taschenlampe weist Boris Lurie darauf den Weg in das Waldstück Rumbula. Im Winter 1941 wurden hier 26.000 Juden ermordet, darunter seine Mutter, seine Großmutter und seine Schwester.

Immer wieder gerät man hier an die traumatischen Fixpunkte einer Künstlerbiografie. "Hattest du eine Freundin, als du im Konzentrationslager warst?" will Luries alter NO!art-Kumpel, der Bildhauer Rocco Armento, wissen. Nicht im Konzentrationslager, da herrschte Geschlechtertrennung, erklärt Boris Lurie. Jahrelang war Boris Lurie umzingelt von den Pin-up-Mädchen an seinen Wänden und besessen von seinen Phantasien. Bis er sie von den Wänden riss, auf die Leinwand brachte und mit Farbe übergossen hat. Es war ein Akt der Befreiung. Lurie schildert ihn im Rhythmus eines Poems.

Luries Art, sich in Bildern auszudrücken, ist schockierend, obwohl er sich einer gängigen Mediensprache bedient. Darauf verweist als Memento mori ein Foto von nackten Frauen, aufgenommen von einem KZ-Wärter. "Die Folterer haben einen sexuellen Genuss davon", sagt der NO!artist und meint auch die menschenverachtenden Fotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghuraib. "Um das zu kommentieren", sagt er dann lakonisch, "braucht man keinen Boris Lurie. Das ging um die Welt."


"Shoah und Pin-ups – Der NO!-Artist Boris Lurie" , Arte, 8. Juni, 22.15 Uhr

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"Shoa and Pin-Ups": Ästhetik des Grauens