TV-Doku über Computerspielsucht: Junkies im Monsterrausch

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Erst kommt der Kick, dann der Absturz: Der ARD-Film "Spielen, spielen, spielen…" zeigt, wie Fans des Online-Games "World of Warcraft" der Sucht verfallen. Dabei leuchtet die Doku die Grauzone zwischen Faszination und Abhängigkeit aus, ohne in Hysterie zu verfallen.

Eine typische Junkie-Karriere nennt man das wohl: Erst kommt der Kick, dann wird konstant die Dosis erhöht, es folgt der Realitätsverlust, der schließlich in totaler Isolation endet. Bernd, um den es hier geht, wirkt allerdings gar nicht wie ein Junkie. Seine Droge ist ja auch kein Heroin, sondern ein Computerspiel namens "World of Warcraft".

Mit Ende 30 hat er es überhaupt zum ersten Mal gespielt. Dann verlor sich der PC-Administrator eines mittelständischen Unternehmens binnen weniger Monate in dem Rollenspiel. Konnte er nicht vor dem eigenen Computer sitzen, hatte er Entzugserscheinungen. Tauchte er in die "World of Warcraft" ein, katapultierte er sich hingegen in eine Art Rauschzustand: "Ich wurde zum Helden, habe mit zwei Computern gleichzeitig gespielt."

Irgendwann ließ sich Bernd selbst in die Klinik einweisen. Aber da hatte er bereits alles verloren, seinen Job, sein Haus, seine Frau. Am schlimmsten sei es gewesen, sagt er rückblickend, dass er die Beerdigung der Schwester verschlafen habe, weil er bis in den frühen Morgen mit den "Kämpfern", "Heilern" und "Magiern" durch die "World of Warcraft" gezogen sei. Bis zu 72 Stunden konnten solche Sessions bei ihm dauern, Zigaretten und Kaffee hielten den Körper in Dauerbereitschaft.

Mit Handschellen in die Klinik

Eine gespenstische Wirkung also kann von diesem Computerspiel ausgehen; schätzungsweise zehn Millionen Menschen sollen "World of Warcraft" regelmäßig spielen. Bei einigen Konsumenten kommt es zu gefährlichen Persönlichkeitsveränderungen samt Aggressionsschüben. "Es ist keine Seltenheit", so ein Psychologe, "dass Computersüchtige in Handschellen in die Klinik gebracht werden."

Trotzdem nähert sich die ARD-Dokumentation "Spielen, spielen, spielen …" dem Phänomen mit der gebotenen Bedachtsamkeit. Nicht auf jede Frage in Sachen krankhafter Computerspielfixierung versucht man hier eine griffige Antwort zu geben, zu unerforscht ist das Thema. Dafür leuchten die Filmemacher Sonia Mayr, Anja Reschke und Henning Rütten umso genauer die gefährliche Grauzone aus, in der Faszination in Suchtverhalten umschlägt.

Ein Jahr lang haben sie zum Beispiel den Teenager Marc-Oliver beobachtet, der mindestens sechs Stunden pro Tag vor dem Computer sitzt. Die Schule hat er bereits geschmissen, durch die Fahrprüfung rasselt er während des Drehs auch noch, und sein soziales Umfeld ist auf jene Mitstreiter aus der "World of Warcraft" geschrumpft, mit denen er über Headset Nachmittag für Nachmittag Kampfstrategien ausarbeitet.

Die Forderungen der Mutter, sich am Abendessen zu beteiligen, ignoriert Marc-Oliver ebenso geflissentlich wie ihre Appelle, sich zu bewegen. Nur einmal gerät sein durch virtuelle Verfolgungsjagden und realen Pizzakonsum schwerfällig gewordener Körper in Wallung. Da hakt nämlich die CD mit seinem Lieblingsspiel, und er stratzt zum Nachbarssohn, um einen Ersatzdatenträger zu besorgen.

Wann schlägt Realitätsverlust in Sucht um?

Das alles ist nicht schön mitanzusehen. Aber wann ist die Pubertät bei den eigenen Kindern schon schön mitanzusehen? Die Kommunikationssysteme der Jungen sind schließlich dazu gedacht, dass sie den Alten unverständlich bis ungeheuerlich erscheinen müssen. Und im Vergleich zu Markenabhängigkeit und Cannabis-Fixierung könnte ein übermäßiger "World of Warcraft"-Einsatz noch die insgesamt verträglichere Abgrenzungsmaßnahme zu den Erwachsenen sein.

So gesehen ist es erfreulich, dass die Filmemacher bei der berechtigten Aufregung in Sachen Computerspielsucht, die zurzeit in den Medien herrscht, bei der Langzeitbeobachtung von Marc-Oliver nicht in Alarmismus verfallen, sondern nachzeichnen, wie dünn die Grenze zwischen normal adoleszentem Realitätsverlust und riskantem Suchtverhalten ist. Eine Verbotshysterie bei den Erwachsenen bringt nichts – ohne Kenntnis der Materie geht es aber auch nicht. Doch wie erlangt man die in einem Medium, das vielen Eltern relativ fremd ist?

Trotz des Appells zur Besonnenheit wird in "Spielen, spielen, spielen…" keine Verharmlosung betrieben. So porträtiert man in dem leider viel zu spät laufenden 45-Minüter auch das Ehepaar Hirte, das eine Selbsthilfeseite mit dem Namen rollenspielsucht.de betreut, bei der die Angehörigen von Internet-Süchtigen Rat finden.

Wenn die beiden im technisch aufgerüsteten Hobbykeller über ihre Beweggründe sprechen, muss man schon schlucken. Denn der Sohn der Hirtes ist einer derjenigen, die komplett dem Wirklichkeits-Gegenentwurf von "World of Warcraft" erlegen sind.

Erst hat der junge Mann sein Studium abgebrochen, dann verwahrloste er zusehends, aus der Therapie ist er ausgestiegen, seit über einem Jahr haben die Eltern nichts mehr von ihm gehört. Noch so eine klassische Junkie-Karriere.


"Spielen, spielen, spielen… wenn der Computer süchtig macht", heute Abend, 22.45 Uhr, ARD

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Forum - Was tun gegen Internet-Sucht?
insgesamt 390 Beiträge
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1.
eigentlicher_Schwan 12.08.2008
Zitat von sysopErst kommt der Kick, dann der Absturz: Der ARD-Film "Spielen, spielen, spielen..." zeigt, wie Fans des Online-Games "World of Warcraft" der Sucht verfallen. Wie kann man sich gegen die Spielsucht im Internet schützen?
Sich um eine Freundin bemühen?
2.
Ahnungslos, 12.08.2008
Suchtanfälligkeit ist stark von der Persönlichkeit abhängig (also nicht bei Süchten, die körperlich abhängig machen, wie Drogen, sondern bei psychischen Abhängigkeiten). Diese Leute sind immer in Gefahr, einer Sucht zu verfallen, sei es Kaufsucht, Spielsucht oder sonstwas. Letztendlich kann man hier nur auf der individuellen Ebene handeln, also die Leute jeweils behandeln und ihnen helfen, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Die Alternative wäre ja ansonsten nur, alle alltäglichen Handlungen regulieren zu wollen, weil ja alles in eine Sucht ausarten kann.
3.
nemaine 12.08.2008
Ich habe meinen Freund in WOW kennengelernt ;)
4. Sehr simpel
Peter Kunze 12.08.2008
Zitat von sysopErst kommt der Kick, dann der Absturz: Der ARD-Film "Spielen, spielen, spielen..." zeigt, wie Fans des Online-Games "World of Warcraft" der Sucht verfallen. Wie kann man sich gegen die Spielsucht im Internet schützen?
Tach, Die Droge entziehen. - Für Anfänger: Internet-Anschluss der lieben Kleinen künden - Für Profis: Port 3724 auf dem Firewall sperren. Problem gelöst.
5.
eigentlicher_Schwan 12.08.2008
Zitat von nemaineIch habe meinen Freund in WOW kennengelernt ;)
Genau die richtige Strategie. Sie finden dort ein unausschöpfliches Potential...
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