TV-Drama "Auf ewig und einen Tag" Glücksritter der Katastrophe

Zum Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center wirft sich das ZDF mit dem Männer-Melodram "Auf ewig und einen Tag" ins Rennen um die fernsehgerechteste Terror-Aufarbeitung. Leider verkommt die Katastrophe zum Schmierstoff für eine Freundschaftsstory.

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Der Mann blickt in den strahlend blauen Himmel über Manhattan, als ob er da oben etwas Bedeutungsvolles sehen würde. Er atmet tief durch, winkt sich ein Taxi herbei und lässt sich zum World Trade Center fahren. Es ist der 11. September 2001. Gerade als er sich mit seinem Geschäftspartner an den Tisch gesetzt hat, werden sie durch eine Erschütterung von ihren Stühlen gerissen. Später kämpft sich der Mann durch Rauchschwaden ans offene Fenster. Wird er springen? Sein Freund in Deutschland starrt derweil gebannt auf den Fernseher, wo die live gesendeten Bilder der brennenden Türme zu sehen sind. In jedem der schaurigen schwarzen Punkte, die in die Tiefe fallen, glaubt er den Mann zu erkennen.

Der fünfte Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center steht an. Der aufwändige ZDF-Dreistünder "Auf ewig und einen Tag" ist nur eine von Dutzenden von Produktionen, in denen die bekannten Bilder der Ereignisse – dokumentarisch eingebettet oder fiktional verdichtet – wieder und wieder abgespult werden. Wozu das gut ist, lässt sich schwer sagen. Denn was sehen wir in den Inferno-Impressionen aus der Endlos-Schleife? Wir sehen nichts. Oder alles, was wir in ihnen sehen wollen.

Genau das ist die Crux des Männermelodrams "Auf ewig und einen Tag", das heute auf Arte seine Vorpremiere erlebt. Der hier verhandelte Stoff an sich ist spannend: eine Freundschaftschronik, die über eine Zeitspanne von 30 Jahren und in geschmeidigen Rückblenden von Sehnsucht, Liebe, Gier und Verrat erzählt. Eine kleine Kulturgeschichte über freie Liebe, Punkrock, Yuppieträume und neue Märkte. Und die drei Hauptdarsteller Heino Ferch, Fritz Karl und Claudia Michelsen spielen über weite Strecken souverän. Doch als vertrauten die Filmemacher nicht auf die Stärke ihrer Story, inszenieren sie 9/11 hier als Kristallisationspunkt ihres psycho-ökonomischen Dramas. Als Fanal einer Männerfreundschaft.

Traum von Joints und Börsen-Coups

Dabei hätten die Figuren und ihre Geschichte auch ohne den Drall ins Weltpolitische eine gewisse Dringlichkeit entwickelt. Es geht um die Freundschaft von Jan und Gregor - der eine ist eine arme Halbwaise, der andere ein frustrierter Fabrikantensohn. Im Landshut der Mittsiebziger träumen sie gemeinsam vom Fliegen, bauen sich komische Flugapparate und rauchen nackig Joints im nächtlichen Freibad. In den Achtzigern studieren sie BWL in München, ackern sich durch die unteren Etagen der Finanzwelt und hoffen schließlich, in New York den großen Coup mit Börsengeschäften zu landen. Tatsächlich etablieren sich die beiden später als Titanen des Neuen Marktes – und am 11. September schließlich nimmt Gregor im World Trade Center einen Termin wahr, den eigentlich Jan absolvieren sollte.

Mitten drin in dieser von Zärtlichkeit, Ehrgeiz, Neid und familiären Traumata bestimmten Freundschaft: die charismatische Elsa, die sich parallel zu den Aufstiegsträumen der Männer von der Provinzmaoistin zur Medienkarrieristin wandelt. Der Fernsehfrau, die zur Starmoderatorin à la Anne Will avanciert, wird dann auch der schlimmste Satz des Filmes in den Mund gelegt. Als kurz nach den Anschlägen gemeinsam mit Jan auf eine Nachricht wartet, was aus dem im World Trade Center verschollenen Gregor geworden ist, sagt sie bedeutungsschwanger: "Wir sind genau dort, wo wir vor 15 Jahren sein wollten. Erfolgreich, Geld. Und das – das ist der Preis dafür."

Was soll uns das sagen? Dass der Terroranschlag die gerechte Strafe für die kapitalistische Hybris darstellt, der die drei Freunde anheim gefallen sind? Doch auch wenn sich der vermisste Industriellensohn Gregor zwischenzeitlich Tonnen von Koks durchs neurotische Spekulantenhirn gejagt hat und geldgeil schwadronierte wie ehedem Michael Douglas in "Wall Street", erscheint der Tod durch Verbrennen unangemessen. Nein, das wird der Film auch nicht suggerieren wollen. Vielmehr dient der feierliche Proklamation dazu, eine Art Schicksalhaftigkeit herzustellen: Dem live übertragene Grauen in den Twin Towers - ihm muss doch ein tieferer Sinn abzuringen sein!

Massenmord und Freundschaft

Aber genau an dieser Aufgabenstellung ist einige Jahre zuvor auch schon Max Färberböck mit seiner flink organisierten 9/11-Reflexion "September" gescheitert. In dem von verschiedenen Autoren erdachten Episodenfilm wurden deutsche Mittelstandszipperlein vor dem Hintergrund der Anschläge ins Monströse verstärkt, das war Befindlichkeitsterror mit pseudopolitischer Botschaft.

Um es noch mal deutlich zu sagen: "Auf ewig und einen Tag" erzählt eine Geschichte, die man in anderer Form gerne einmal im deutschen Fernsehen gesehen hätte. Autor Christian Jeltsch hat zuvor einige couragierte bayerische Polizeirufe geschrieben sowie den klugen Bremer Terroristen-Tatort "Scheherazade", und Markus Imboden gehört eigentlich zu den wenigen deutschsprachigen Fernsehregisseuren, die Melodramen mit politischer Sprengkraft wie die Brigitte-Reimann-Biographie "Hunger auf Leben" oder den verschlungenen Regierungsthriller "Die Leibwächterin" drehen können. Und wie Jeltsch und Imboden die beschriebene Männerfreundschaft nutzen, um von Wertewandel und Ideologieverschiebungen zu erzählen, ist gelegentlich tatsächlich sehr erhellend.

Nicht hinnehmbar aber ist, wie in "Auf ewig und einen Tag" dokumentarische Bilder vom brennenden World Trade Center mit denen der Freundschaftschronik verquickt sind. Da werden zum Beispiel die authentischen Sequenzen, in denen die Menschen in den Tod springen, salopp gegen geschnitten mit Bildern der beiden Helden, wie sie in jungen Jahren euphorisch durch die Nacht hüpfen. So geben sich die Filmemacher der Sehnsucht hin, im willkürlichen Massenmord einen verbindlichen Hinweis auf die Identität der beiden Glücksritter zu finden: das kollektive mediale 9/11-Erinnerungsmaterial als Schmierstoff für das Freundschaftspsychogramm. Obszön.


"Auf ewig und einen Tag": Teil 1 + 2 am Fr., den 8.11. um 20.40 Uhr, Arte

Teil 1 am Mo., 11.9., 20.15 Uhr, ZDF; Teil 2 am Mi., 13.9., 20.15 Uhr, ZDF.



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