TV-Drama "Contergan" Gefühlvoll gegen das Vergessen

Endlich kommt er ins Fernsehen - zum Glück: Nach über 18-monatigem Rechtsstreit läuft der Zweiteiler "Contergan" Anfang November in der ARD. Der Film ist Qualitätsfernsehen erster Güte und ein zutiefst bewegendes Plädoyer für Menschlichkeit.


Wohl noch nie ist im Vorfeld so viel über einen Film geschrieben worden, den keiner kennt. Das liegt an der juristischen Vorgeschichte von "Contergan". Zum ersten Mal vor Publikum gezeigt wurde der Zweiteiler, eine fiktionale Aufbereitung des größten deutschen Arzneimittelskandals der fünfziger und sechziger Jahre, zwar bereits am 24. Juli 2006 – allerdings unter Umständen, die seitens der Macher nicht geplant waren: Da hatte sich das Hamburger Landgericht in die Gebäude des NDR begeben, um in öffentlicher Verhandlung das Werk zu sichten, gegen das die Pharmafirma Grünenthal, einst Hersteller des Medikaments, in merkwürdiger Allianz mit dem Rechtsanwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen, einst Anwalt zahlreicher Contergan-Geschädigter, insgesamt 32 einstweilige Verfügungen erwirkt hatte.

Nach 59 Minuten Film allerdings hatte Richter Andreas Buske damals genug gesehen, brach die Vorführung ab und verkündete vier Tage später sein auf Basis des Drehbuchs gefälltes Urteil: Bei dem 180-Minuten-Film, durchweg mit Schauspielern inszeniert, handle es sich tendenziell eher um eine Dokumentation, die nach dem Presserecht zu bewerten sei, als um einen Spielfilm, für den die Kunstfreiheit gelte. Er monierte mangelnde Unterscheidbarkeit von Fakten und Fiktion und bestätigte 30 der 32 einstweiligen Verfügungen im Sinne der Kläger, die ihre Persönlichkeitsrechte (Schulte-Hillen) beziehungsweise Unternehmenspersönlichkeitsrechte (Grünenthal) verletzt sahen. Es war der denkwürdige Auftakt zu einem Gerichts-Marathon, in dem Juristen Vergleichsfälle vom Maxim-Biller-Roman "Esra" bis zum "Kannibalen"-Film "Rohtenburg" heranzogen, und der noch immer andauert.

Weil aber die nächst höhere Instanz, das Hanseatische Oberlandesgericht, den Fall nach Ansicht des kompletten Films genau gegenteilig beurteilte – eher Spielfilm als Doku, Kunstfreiheit statt Presserecht – und das Ausstrahlungsverbot aufhob und weil zuletzt das Bundesverfassungsgericht Eilanträge gegen die WDR-Produktion abwies, wird die ARD den Film nun am 7. und 8. November um 20.15 Uhr senden. Gestern wurde er in Hamburg der Presse vorgestellt – und die Gewissheit, dass "Contergan" bald nicht mehr nur juristischer Bewertung ausgesetzt ist, sondern sich dem Zuschauervotum stellen darf, tut gut. Denn der von Altmeister Adolf Winkelmann ("Nordkurve", "Der letzte Kurier") inszenierte Film ist ein so fesselndes wie berührendes Drama, das eindrücklich an die 50 Jahre zurückliegende Tragödie erinnert und überdies auf hochsensible, leise Weise für Menschlichkeit plädiert.

Einschlafprobleme trotz Aufbaujahre

Die Handlung des ersten Teils beginnt im Jahr 1960 mit einem freudigen Ereignis: Der Anwalt Horst Bauer (Hans-Werner Meyer) verkündet seine Heirat mit Hanne (Caroline Peters); zusammen mit seinem Sozius Paul Wegener (Benjamin Sadler) und dessen frisch schwangerer Frau Vera (Katharina Wackernagel) posiert man vor der aufstrebenden gemeinsamen Kanzlei mit Sektgläsern für ein Erinnerungsfoto. Während die befreundeten Damen in zeitgemäßer Rollenverteilung mit der Wohnungseinrichtung beschäftigt sind, kümmern sich die Herren um die Akquise von Mandanten aus der Industrie – auch bei der Firma Grünenthal, wo sie vom Senior-Chef zumindest ein Empfehlungsschreiben erhalten. Wir befinden uns in den ach so optimistischen und doch leicht miefigen Aufbaujahren des Wirtschaftswunder-Deutschlands. Es wird in die Hände gespuckt und positiv in die Zukunft geblickt.

Warum nur trotzdem so viele Bürger Einschlafprobleme haben? Es ist ein Verdienst von Winkelmanns Film, diese Frage nicht auszusprechen, aber latent mitschwingen zu lassen. Das neue Schlafmittel Contergan jedenfalls findet reißenden Absatz und beschert seinem Hersteller enorme Gewinne – nicht zuletzt, weil es als nebenwirkungsfrei gilt. Auch Vera Wegener besorgt sich eine Dose mit Tabletten; Bedenken wegen der Schwangerschaft räumt ihr Arzt beiseite ("meine Frau nimmt es auch"). Dass parallel dazu ihr Gatte Paul beruflich an den Fall einer Frau (Laura Tonke) gerät, die von ihrem Mann verlassen wurde, weil sie "ihm" nach Einnahme von Contergan ein behindertes Kind geboren hatte, weiß Vera nicht – aber was hätte es ihr auch sagen sollen?

Harte Szenen - wunderbare Darsteller

In einer schlaflosen Nacht nimmt sie "Eine einzige Tablette" – so der Titel des ersten Teils, der damit seinem tragischen Höhepunkt zustrebt: Vera bringt ein Mädchen ohne Arme und mit nur einem Bein zur Welt, und die Szenen im Kreißsaal des Krankenhauses sind die härtesten des ganzen Films. Wie die Ärzte den Eltern das neu geborene Baby zunächst vorenthalten wollen und schließlich von einer "verkrüppelten Kreatur" und "Zumutung" sprechen, das lässt eine Nähe zum Nazi-Gedankengut vom unwerten Leben durchscheinen, wie man sie sich heute nicht mehr vorzustellen vermag – deren damalige Existenz aber wohl verbürgt ist.

In dieser Phase ist es der wunderbaren Vera-Darstellerin Katharina Wackernagel zu verdanken, dass das Geschehen überhaupt erträglich bleibt: Wie sie weinend, aber ohne jedes Zögern ihr Kind annimmt, gibt nicht nur ihrem Film-Mann Kraft, sondern auch dem Zuschauer. Sie ist es auch, die schließlich zufällig auf Pauls Unterlagen über den Fall der verlassenen jungen Mutter stößt, die ebenfalls Contergan genommen hatte – und ihren Gatten dazu antreibt, dem Verdacht eines Zusammenhangs zwischen Medikament und Missbildungen nachzugehen.

Während sich darüber das Verhältnis zu Sozius Horst, der sich um den Mandantenstamm sorgt, doch merklich abkühlt, während im Radio Adenauer spricht und in Berlin die Mauer gebaut wird, ist es ein Hamburger Arzt, der Pauls Verdacht mit Statistiken erhärten kann. Gemeinsam mit ihm und dem wackeren Staatsanwalt Feddersen (Sylvester Groth) nimmt Wegener einen jahrelangen David-gegen-Goliath-Kampf gegen den Pharmahersteller und seinen Anwalt Dr. Naumann (brillant als Zyniker: August Zirner) auf. Diesen Prozess, der schließlich mit einem Vergleich und der von Grünenthal gezahlten Entschädigungssumme von 100.000.000 DM endet, schildert der zweite Teil mit gleich bleibender Intensität.

Mehr als die Summe seiner Teile

Doch es sind nicht nur Einzelqualitäten wie das bestechend detailgenau eingefangene Zeitkolorit, das exzellente Ensemble und das vielschichtige Drehbuch von Benedikt Röskau (Jahrgang 1961), die "Contergan" zu einem herausragenden Stück Fernsehen machen. Erst die spürbar über allem schwebende liebevolle Hand des großen Humanisten Winkelmann macht aus dem Ganzen mehr als die Summe seiner Teile, kreiert eine Gesamtausstrahlung, der man sich gerne hingeben mag.

Da wird nicht verschwiegen, dass der Skandal nicht nur der eines einzelnen Unternehmens war, sondern auch vor dem Hintergrund der Zeit, von Mauscheleien zwischen Justiz und Politik zu sehen ist. Die Eheleute Wegener werden nicht zu ungebrochenen Heroen stilisiert, sondern auch in tiefen Krisen gezeigt. Und die Szenen mit der fulminanten jungen Darstellerin Denise, die die Wegener-Tochter Katrin verkörpert, stellen ihre Behinderung nicht voyeuristisch aus, blenden sie aber auch nicht verschämt aus.

Aus all diesen Gründen hat der Film das Potenzial und die Autorität, die Aufmerksamkeit auf ein hochbrisantes Kapitel der deutschen Medizingeschichte zu lenken, das vielen später Geborenen nur noch peripher bewusst, aber immer noch aktuell ist: Weltweit rund 10.000 Kinder wurden zwischen der Markteinführung von Contergan 1957 und dem Stopp des Medikaments 1961 im Mutterleib geschädigt. Etwa 2800 von ihnen leben heute 45 bis 49-jährig in Deutschland und beziehen eine Rente von maximal 545 Euro monatlich, die aus Steuermitteln aufgebracht wird; die 100-Millionen-DM-Stiftungsspende von Grünenthal ist längst aufgebraucht.

Über solche Fakten werden ARD und WDR in drei begleitenden Dokumentationen am 6., 7. und 8.11. informieren. Der Spielfilm indes wird als Konsequenz der juristischen Vorgeschichte – die ansonsten übrigens nur eine einzige marginale Szenenänderung zur Folge hatte – vor und nach jedem Teil mit einem geschriebenen und gesprochenen Hinweis gezeigt, der explizit erklärt, dass es sich hier um keine Dokumentation handelt. Im Nachhinein eine fast absurd anmutende Fußnote, die die juristischen Winkelzüge der Vergangenheit in die Gegenwart fortzuschreiben scheint – was kaum im Sinne der Kläger gewesen sein dürfte.


"Contergan - Eine einzige Tablette", 7. und 8. November, 20.15 Uhr, ARD



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.