TV-Drama "Die zweite Frau" Ödipus auf Shopping-Tour

Drei ist einer zuviel: Ein alterndes Muttersöhnchen geht auf Brautschau in Rumänien und erzürnt so seine Mama. Das hätte leicht zur Farce verkommen können - und gerät bei "Hierankl"-Regisseur Hans Sebastian Steinbichler doch zur feinnervigen Emanzipationsgeschichte.

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Kein fremdes Auto hält vor ihrer Tür. Ein gutes Zeichen ist das nicht, denn Frau Kobarek (Monica Bleibtreu) betreibt mit ihrem Sohn Erwin (Matthias Brandt) eine kleine Tankstelle irgendwo an einer wenig frequentierten Landstraße in der deutschen Provinz. Im Mutter-Kind-Betrieb herrscht wenig Durchlauf, sowohl menschlich wie monetär.

Szene aus "Die zweite Frau": Schmerzhaft genaues Dreiecksdrama
WDR

Szene aus "Die zweite Frau": Schmerzhaft genaues Dreiecksdrama

Die beiden haben sich eingerichtet in ihrer bescheidenen Zweisamkeit: Vom Kassenhäuschen aus überwacht Frau Kobarek die Arbeit ihres Sohnes, abends schrubbt sie ihm in der Badewanne liebevoll den Benzingeruch vom Rücken, danach gibt es sein Lieblingsessen, Knödel.

Doch dann begehrt Erwin, dieser Junge Ende 30, der in seinem Leben noch keine eigene Entscheidung getroffen hat, auf einmal auf und durchbricht mit nervösem Blick die Fixierung auf die Mutter. Eine junge Frau wünscht er sich, eine entsprechende Agentur wurde schon eingeschaltet.

Denn auch wenn der schleppende Kundenverkehr an der Tankstelle ihn eigentlich eines anderen belehren müsste, glaubt Erwin ganz fest an den Grundsatz: "Es gibt für alles einen Markt." In Rumänien geht er dann auf Brautschau. Präsentkörbe mit Schwarzwälder Schinken und Nescafé, die so auch von seiner Mutter gepackt worden sein könnten, sollen die Kandidatinnen positiv stimmen. Ödipus auf Shopping-Tour.

Tatsächlich bringt er schließlich für eine dreiwöchige "Probezeit" die vitale Irina (Maria Popistasu) mit zur heimischen Tankstelle. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei: Die Neue rüstet die Garage zur Gaststätte um, bald brummt der Laden, und ins Schlafzimmer der Alten tönt bis spät in die Nacht Blasmusik vom Balkan. Auch fordert die Rumänin bald vom scheuen Erwin körperliche Nähe ein; die Mutter sieht in ihr zu Recht eine gefährliche Konkurrenz. Wer darf dem Jungen denn nun den Rücken schrubben?

Ein schmerzhaft genaues Dreiecksdrama hat Hans Sebastian Steinbichler mit "Die zweite Frau" in Szene gesetzt. Seine große Leistung: So brutal hier der ödipale Klammergriff gelöst wird, so nuanciert und bildgenau zeichnet der Regisseur die psychosozialen Verschiebungen nach. Die Böen über den Feldern der deutschen Provinz, der flackernde Blick der männlichen Hauptfigur – ein so lust- wie unheilvolles Vibrieren durchzieht dieses TV-Drama.

Steinbichler ist ja so was wie der Psychopathologe des jungen deutschen Films. Da kann man sein vielfach preisgekröntes Sippschaftsgemälde "Hierankl" nehmen oder das sperrige Sterbedrama "Winterreise": Familien sind für diesen Filmemacher immer so was wie große Wunden, die zwar schon verkrustet sind, aber längst nicht verheilt. Steinblicher reißt diesen sozialen Schorf ab, seine Filme bluten förmlich. Doch noch im größten Bild integriert er kleinste Gesten.

Jungfrau mit Ende 30

So ist es nun auch wieder bei der brutalen männlichen Emanzipations- und Initiationsgeschichte "Die zweite Frau" (Buch: Robert Seethaler), der durch die feinnervige Interaktion der Darsteller sämtliche spekulative Elemente ausgetrieben werden. Monica Bleibtreu als stahlgraues Muttertier verliert im Laufe der Handlung ihre Monstrosität, und Maria Popistasu lässt hinter dem fröhlichen Glücksrittertum ihrer Figur Tragik aufblitzen.

Die Sensation ist aber mal wieder Matthias Brandt. Es gibt in Deutschland wohl keinen anderen Schauspieler, den man gerne in dieser Rolle gesehen hätte. Denn wie stellt man eine männliche Jungfrau Ende 30 dar, ohne die Figur vollkommen der Lächerlichkeit preiszugeben?

Brandt, ein inspirierter Schweiger und kühner Gefühlsmensch, hat den Schlüssel dazu. Er ist einer, der lange warten kann, bevor er seinen großen Auftritt hinlegt. Dass der Sohn von Willy Brandt Jahre um Jahre in gedrosseltem Tempo die Kleinstbühnen des Landes tingelte, bevor er zum viel gebuchten Star des deutschen Qualitätsfernsehen avancierte, dass er also eine mindestens ebenso lange Zeit wie Erwin brauchte, um sich familiärer Lasten zu entledigen, mag noch bei der Entwicklung des Spätzünders im Film geholfen haben. Wenn so einer kommt, dann kommt er gewaltig.

Irgendwann gegen Ende von "Die zweite Frau" gibt es dann auch eine aufwühlende Befreiungsszene: Die gekaufte Braut hat den Firmenwagen kurz vor der Tankstelle in den Graben gesetzt, der schwarze Himmel öffnet unter Donnern seine Pforten, im grellen Licht der Autostrahler fallen Irina und Erwin über einander her. Ein Befreiungsschlag, der bei all seiner Gewalthaftigkeit frei von machistischem Bezwingertum ist.

Überwältigt und überwunden hat das ewige Muttersöhnchen hier nur sich selbst: Ödipus ist tot, es lebe Erwin!


"Die zweite Frau": Freitag, 21. November, 21.00 Uhr, Arte



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