TV-Drama "In Sachen Kaminski" Das Leben ist kein Lindgren-Roman

Die ARD wollte den Film irgendwann spät nachts verramschen, zum Glück strahlt Arte "In Sachen Kaminski" heute Abend um 20.40 Uhr aus. So erhält das exzellente Drama über ein behindertes Elternpaar und ihre Tochter einen angemessenen Sendeplatz. Ein Glück für die Zuschauer - ein Glücksfall fürs Fernsehen.

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"In Sachen Kaminski"-Darsteller Köhler, Brandt: Gegen das öffentlich-rechtliche Starsystem
SWR

"In Sachen Kaminski"-Darsteller Köhler, Brandt: Gegen das öffentlich-rechtliche Starsystem

Das Lesen ist nicht seine Stärke. Wenn Martin Kaminski seiner Tochter Lona (Amber Bongard) aus "Pippi Langstrumpf" vorliest, bringt er nur stockend einen ganzen Satz zustande. Seiner Ehefrau Petra würde es ähnlich ergehen: Auch sie ist stark lernbehindert. Dafür kann Papa Kaminski ziemlich schöne Gutenachtgeschichten über eine dreiäugige Katze erzählen. Die Frau vom Jugendamt, die prüfen soll, in welchen Verhältnissen die Fünfjährige aufwächst, findet das unangemessen. Sie bevorzugt Astrid Lindgren und sagt: "Pippi ist ein Mädchen, das mit normalen Kindern spielt und nicht mit einer dreiäugigen Katze." Ironie der Geschichte: Ein bisschen erinnert die verbeamtete Lindgren-Anhängerin an die tyrannische alte Schachtel, die Pippi Langstrumpf aufgrund ihres freigeistigen Daseins immerzu ins Kinderheim stecken möchte.

Klasse statt Kitsch

Leider ist das Leben kein Astrid-Lindgren-Roman. Die Frau vom Jugendamt (Lena Stolze) setzt sich durch, Lona kommt erst in ein Heim und dann in eine Pflegefamilie. Der Vorwurf an die leiblichen Eltern: Sie können nicht richtig lesen, auf einfache Fragen ihrer Tochter wissen sie oft keine Antworten. Das Familiengericht argumentiert, dass die Eltern ihre intellektuellen Defizite aufs Kind übertragen und es so in seiner Entwicklung hemmen würden. Und weil Herr und Frau Kaminski ihre Tochter wirklich lieben, müssen sie sich in Anbetracht der hochoffiziellen Vorwürfe ernsthaft fragen, ob sie vielleicht tatsächlich zu doof sind, um sie richtig zu erziehen.

Die Geschichte von "In Sachen Kaminski", der eine wahre Begebenheit zugrunde liegt, hätte alles Potential, um im übelsten Sozialkitsch zu enden. Dass dies nicht passiert, ist vor allem den beiden Hauptdarstellern Matthias Brandt und Juliane Köhler zu verdanken. Ihnen gelingt es, aus dem Fall den allgemein menschlichen Konflikt zu destillieren, ohne die realen sozialen Begleitumstände zu leugnen.

Darsteller Bongard, Brandt, Köhler: Empfindsamkeit, Engagement, Akkuratesse
SWR

Darsteller Bongard, Brandt, Köhler: Empfindsamkeit, Engagement, Akkuratesse

Die Kaminskis reden fehlerhafter als man das aus den Krawalltalkshows der privaten Sender kennt, sie bewegen sich so steif und ängstlich durch ihr Leben, als drohten bei jedem Aldi-Besuch ungeheuerliche Gefahren. Wie muss man sich da erst in den Mühlen der Justiz fühlen? Als das Ehepaar mit Hilfe einer Anwältin (Anneke Kim Sarnau) durch sämtliche juristische Instanzen geht, um das Kind zurückzubekommen, setzt ein gewisser Entwicklungsprozess ein. Berechtigte Wut und überschäumende Liebe helfen erstmal nicht weiter; die Kaminkis finden stattdessen zu einem echten Selbstbewusstsein. Ein schauspielerischer Balanceakt: Wie lernt ein Mensch sich zu begreifen, dem das Begreifen an sich schwer fällt?

"In Sachen Kaminski" ist weder trübe Unterschichtenbesichtigung noch sozialromantische Schmonzette. Stattdessen inszenierte Regisseur Stephan Wagner ("Der Stich des Skorpion") ein kluges psychologisches Drama, das in einem gesellschaftlichen Bereich spielt, in dem ansonsten kaum kluge psychologische Dramen angesiedelt werden.

Eigentlich bester öffentlich-rechtlicher Erzählstoff, sollte man denken. Doch der verantwortliche ARD-Sender tat sich mit dem Film anfänglich recht schwer. Produziert wurde "In Sachen Kaminski" vom SWR in Kooperation mit Arte. Aus Lizenzgründen erlebt das TV-Movie heute seine Vorpremiere bei dem Spartensender; im Ersten soll der Film dann erst nächstes Frühjahr laufen.

Vorsicht ist Programm

Bei der ARD schien man erstmal nicht sonderlich erpicht darauf zu sein, einen attraktiven Programmplatz für das Familiendrama zu finden. Anfänglich kursierten Meldungen, es werde Ende Dezember spät nachts um 23.30 Uhr versendet; erst nachdem "In Sachen Kaminski" unlängst auf dem Münchner Filmfest mit dem hoch dotierten "TV Movie Award" ausgezeichnet worden war, lancierte man die Meldung, das Werk werde zu einem späteren Zeitpunkt in die Primetime der ARD gehoben.

Köhler, Bongard, Brandt, Stolze: Menschliche Konflikte, soziale Begleitumstände
SWR

Köhler, Bongard, Brandt, Stolze: Menschliche Konflikte, soziale Begleitumstände

In Insider-Kreisen heißt es, Regisseur Stephan Wagner hätte anfänglich Schwierigkeiten damit gehabt, seine Wunschbesetzung durchzusetzen. Statt Juliane Köhler sollte jemand anderes für die Rolle der Mutter Kaminski gefunden werden, die besser in das öffentlich-rechtliche Star-System passt.

Dabei brillierte Köhlers Filmmelodram "Nirgendwo in Afrika", das mit dem Oscar ausgezeichnet wurde und extrem erfolgreich in den deutschen Kinos lief. Aber man traut ihr offenbar nicht zu, publikumswirksam in der Primetime der ARD zu agieren. Das Star-System der beiden großen gebührenfinanzierten Antstalten folgt eben ganz eigenen Regeln: Wer es sich als Regisseur oder Produzent einfach machen will, tut gut daran, von vornherein Maria Furtwängler, Veronica Ferres oder Christine Neubauer für die weibliche Hauptrolle zu gewinnen.

Aber wollen die Zuschauer tatsächlich die immer gleichen Stoffe mit den immer gleichen Gesichtern sehen? "In Sachen Kaminski" zeigt, dass sich Empfindsamkeit, soziales Engagement und psychologische Akkuratesse nicht ausschließen müssen. Am Ende des Films packt die kleine Lona bei der Pflegefamilie ihre Sachen zusammen und geht wortlos nach Hause. So schlicht, so ergreifend kann Fernsehen sein.


"In Sachen Kaminski"
Freitag, 15. Juli 2005, 20.40 Uhr, Arte



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