TV-Drama "Lusitania" Untergang der "Unsinkbaren"

Mehr als tausend Menschen starben bei der Versenkung des Luxusliners "Lusitania" durch ein deutsches U-Boot im Ersten Weltkrieg. Das gleichnamige TV-Movie mutet zwar wie eine Art Schmalspur-"Titanic" an - doch es zeigt präzise, wie die Katastrophe von der Kriegspropaganda ausgeschlachtet wurde.

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Etikette muss sein, auch während eines Weltkrieges: In einer amerikanischen Tageszeitung schaltet die Deutsche Botschaft im April 1915 eine Annonce, in der sie davor warnt, dass der Luxusliner "Lusitania" im Atlantik Ziel eines U-Bootangriffs werden könne. Reisende mögen doch bitte von der Passage von New York nach Liverpool absehen. Ausgesucht höflich klingt sie also, diese Ankündigung einer Massentötung im Ersten Weltkrieg.

In einer gemeinsamen Anstrengung haben nun die BBC und der NDR versucht, die Ereignisse vor und nach der Versenkung des Ozeanriesen am 7. Mai 1915 vor der Küste Irlands zu rekonstruieren. Große Hoffnungen hatte man in dieses Unterfangen nicht. Eine Kooperation solcher Größenordnung und in solch paritätischer Ausführung verspricht nun mal eher ein Fanal bemühter Völkerverständigung zu werden denn eine präzise historische Aufarbeitung. Zu viele Instanzen haben mitzureden, binationale Befindlichkeiten sind zu berücksichtigen.

Umso erstaunlicher, dass die Verantwortlichen ihr aufwendiges Doku-Drama dazu genutzt haben, die komplizierten kriegstaktischen und öffentlichkeitsstrategischen Gedankenspiele nachzuzeichnen, die vor und nach der Torpedierungen von beiden Seiten angestrengt wurden.

Der Untergang der "Lusitania", bei dem neben Briten auch viele Amerikaner ums Leben kamen, war ja nicht nur einer der Anlässe, weshalb die Vereinigten Staaten später in den Weltkrieg eintraten - sie steht auch für die Bestialisierung des Kriegsgeschehens, die bewusste Einbeziehung der Zivilbevölkerung in die Kampfhandlungen und neue Techniken der Propaganda.

Nur zwei Prozent des "Titanic"-Budgets

An einer Stelle im Film heißt es denn auch: "Die alten Regeln der Kriegführung galten nicht mehr." Der Beschuss des Luxusliners, bei dessen Untergang über tausend Menschen starben, ist tatsächlich eine der großen Bruchstellen der Zivilisationsgeschichte. Der Film trägt dieser Bedeutung - für ein internationales Eventmovie dieser Art erfreulich - über weite Strecken erstaunlich nüchtern Rechnung.

Sicher, die Spielszenen kommen gelegentlich etwas bemüht daher. Wie in den ersten 45 Minuten das britische Passagierschiff und das deutsche U-Boot unheilvoll Kurs aufeinander nehmen, wirkt wie eine Schmalspurmixtur aus James Camerons "Titanic" und Wolfgang Petersens "Das Boot". Hier werden allerlei menschliche Geschichten vor prachtvollem Belle-Epoque-Interieur ausgebreitet, dort geht man mit ölverschmiertem und angespannt gen U-Bootdecke gerichtetem Blick auf Feindfahrt.

Übermäßige Produktionskosten wurden mithin nicht verschwendet. Gerne verweisen die Macher darauf, dass ihnen knapp zwei Prozent des Etats von Camerons 200-Millionen-Dollar-Blockbusters zur Verfügung standen. Und die U-Bootszenen wurden in den Kulissenresten von Petersens modernem Kriegsfilmklassiker gedreht, die heute noch auf dem Bavaria-Studio in München stehen. Passable Genrearbeit kann man die maritimen und submarinen Impressionen deshalb nennen, in denen Schauspielhandwerker wie John Hannah als "Lusitania"-Passagier und Florian Panzer als U-Bootkommandant der kaiserlichen Kriegsmarine akkurat ihre Rollen ausfüllen.

Winston Churchill ließ die "Lusitania" ins Unglück fahren

Bemerkenswert hingegen ist, wie Regisseur Christopher Spencer und Drehbuchautorin Sarah Williams die Vor- und Nachgeschichte der Schiffskatastrophe aufbereiten: Durch den Einsatz deutscher U-Boote war die britische Admiralität, die sich bis dahin als uneingeschränkte Herrscherin der Weltmeere fühlte, auf einmal einer neuen Bedrohung ausgesetzt. Und auf diese reagierte sie, so legt es zumindest dieses Geschichtsdrama in einer aus Archivmaterial zusammengesetzten Indizienkette nahe, mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Taktiererei.

Der große Winston Churchill war es demnach, der als Erster Lord der Admiralität die "Lusitania" bewusst in ihr Unglück fahren ließ. Jedenfalls fing der königliche Geheimdienst genug Funksprüche der Deutschen ab, um zu wissen, dass die U20 im Meer vor Südirland das Prachtschiff ins Visier genommen hatte. Geleitschutz wurde trotzdem nicht gestellt. Wahrscheinlich auch deshalb nicht, so deutet jedenfalls der Film den gefährlichen Gleichmut der Marineleitung, um bei einem Angriff auch die bislang neutralen USA zum Kriegseintritt zu bewegen.

Dass die "Lusitania" ähnlich wie zuvor die "Titanic" als unsinkbar galt, hätte Churchill so oder so nicht wirklich beruhigen dürfen. Immerhin führte man im Schiffsbauch Munitions- und Granatkisten für die europäischen Schlachtfelder aus Amerika ein - was schließlich auch dazu führte, dass der Stahlriese nach dem Treffer durch nur einen Torpedo und einer anschließenden Explosion kaum 18 Minuten brauchte, um in eiskalten atlantischen Fluten zu versinken.

Militärische Pervertierung, abgestimmt mit PR-Arbeit

Anschließend kam es zur großen Propagandaschlacht zwischen dem König- und dem Kaiserreich: Während die Deutschen behaupteten, man habe ein kriegsrelevantes, weil mit Munition beladenes Schiff versenkt, bastelten sich die um ihren Ruf als Schutzmacht besorgten Briten bei einer manipulierten öffentlichen Anhörung ihre eigene Version des Untergangs zusammen.

Mit der Politisierung des Stoffes gelingt es den Verantwortlichen denn auch tatsächlich, ihrem zuweilen nur gutgemeinten, aber nicht wirklich gutgemachten Katastrophenkrimi aus fernen Zeiten eine moderne Note abzugewinnen. Gelegentlich fühlt man sich bei den öffentlichkeitswirksamen Beschwichtigungen im Gerichtssaal an Abu Ghureib und die Folgen erinnert.

So gesehen erzählt das Doku-Drama in seinen besseren Momenten auch davon, wie vor 90 Jahren alles begann - wie zum ersten Mal die militärische Pervertierung mit geschickter PR-Arbeit abgestimmt wurde.

"Der Untergang der Lusitania – Tragödie eines Luxusliners", Sonntag 21.45 Uhr, ARD



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