TV-Drama "Meine böse Freundin" Auf den Schlachtfeldern der Jugend

Zärtlich und zerstörerisch: Anna Maria Mühe und Alice Dwyer verkörpern in "Meine böse Freundin" Außenseiterinnen, die zu einer gefährlichen Einheit verschmelzen. Ein aufwühlendes Drama über die Ökonomie der Emotionen und den Schmerz der Adoleszenz.

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Kann man so lange rennen, bis man einfach tot umfällt? Ach, wie schön wäre das! Beim Marathontraining am Rheinufer wagt Ellen (Anna Maria Mühe) den Selbstversuch, ignoriert die Anweisungen ihrer Sportlehrerin und läuft einfach weiter. Ein seliges Lächeln huscht noch über ihr Gesicht, dann kippt sie bewusstlos in eine Hecke. Mitschülerin Isa (Alice Dwyer) kann über soviel suizidale Willenskraft nur anerkennend die Brauen hochziehen. Am nächsten Tag besucht sie die Überlebende im Krankenhaus, es will ja sonst keiner aus der Klasse hin.

"Meine böse Freundin"-Darstellerinnen Dwyer (l.), Mühe: Sanfte Mördergören
WDR/Kerstin Stelter

"Meine böse Freundin"-Darstellerinnen Dwyer (l.), Mühe: Sanfte Mördergören

Die innige Beziehung, die sich zwischen den Außenseiterinnen aufbaut, wäre mit dem Wort Freundschaft nur unzureichend beschrieben. Es ist vielmehr ein riskantes symbiotisches Verhältnis, bei dem die beiden von den Schwächen und Stärken der jeweils anderen profitieren.

Die jungen Frauen könnten ja, abgesehen von einem gewissen Grundekel vor dem Leben, nicht unterschiedlicher sein: Mauerblümchen Ellen wohnt in einer großen Villa, schreibt meist Sechsen und schaut machtlos der schleichenden Entfremdung ihrer Eltern zu. Wildwuchs Isa lebt bei ihrer großen Schwester, schlägt sich smart durch den Schulalltag, muss aber mit ansehen, wie die nach einem Schlaganfall demenzkranke Mutter im Pflegeheim vor sich hin vegetiert. Die einzige Form von Nähe findet sie in einer Affäre mit dem Lehrer ihres Darstellendes-Spiel-Kurses. Isa gibt ihm Liebe oder was sie dafür hält, er ihr Zuwendung in Form von schnellem Sex und weisen Sprüchen.

Die Ökonomie der Emotionen, in "Meine böse Freundin" wird sie schonungslos durchleuchtet. Gefühle sind hier eine Währung, mit der sich Handel treiben lässt. So erlebt die verschlossene Ellen durch Isa zum ersten Mal so was wie einen rauschhaften Glückzustand – und revanchiert sich, indem sie der neuen wilden Freundin nach bestandener Führerscheinprüfung einen Gebrauchtwagen schenkt.

Regisseurin Maris Pfeiffer und Autorin Hannah Hollinger, die zuvor schon gemeinsam in dem Fernsehdrama "Liebe Amelie" die Todessehnsucht einer fragilen Seele beleuchteten, haben einen genauen Blick für die Brüchigkeit der Beziehung ihrer jungen Heldinnen. Selbsthass und Sehnsucht ergeben hier eine gefährliche Mischung.

Deformierung junger Seelen

Was zwischen den beiden Halbwüchsigen passiert, wie sie ihr strategisches emotionales Bündnis pflegen, ist im Grunde genommen nur die grausam verzerrte Imitation jener Beziehungsorganisation, die sie bei den Erwachsenen wahrnehmen. Es ist bezeichnend, wie die Alten in diesem Teenager-Drama mit den Jungen sprechen. Sie geben sich modern und liberal – und bemänteln auf diese Weise doch nur den eigenen Egoismus.

Ein perfider Trick: Wenn die Alten die Jungen zu Gesprächen auf Augenhöhe bitten, können letztere nur als Verlierer aus der Situation herausgehen. Ellens Eltern (August Zirner und Barbara Auer) teilen der 17-Jährigen detailliert mit, wie es gerade um ihre Ehe bestellt ist. Will das Kind das denn so genau überhaupt wissen? Und die 18-jährige Isa wird von ihrem Lehrerliebhaber (Matthias Koeberlin), mit dem sie vorher über Inzeststücke diskutierte, leger und kumpelhaft vor die Tür gesetzt: "Wir wussten doch beide, dass es nichts Festes war."

Dass die jungen Seelen bei allen Demütigungen und Deformierungen hier nicht als Opferlämmchen erscheinen, liegt natürlich auch an den beiden grandiosen Hauptdarstellerinnen: Die immer überzeugende Anna Maria Mühe variiert denkbar physisch ihre Rolle aus der artifiziellen Selbstmord-Elegie "Was nützt die Liebe in Gedanken", und Alice Dwyer, deren energisch zusammengezogene Augenbrauen man schon in "Baby" und "Lichter" bewundern konnte, gibt hier ein weiteres Mal die sanfte Mördergöre.

Mühe und Dwyer verwandeln den Primetime-Problemfilm ein aufwühlendes und intelligentes Stück Fernsehen: einen Psychoschocker von den Schlachtfeldern der Jugend.


"Meine böse Freundin", Mittwoch, 4. Juli, 20.15 Uhr, ARD



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