TV-Drama "Rose" Sponti-Mama räumt auf

Von der Hausbesetzerin zur Haushaltsmanagerin: Als Alleinerziehende mit linksalternativem Hintergrund gelingt Corinna Harfouch im TV-Drama "Rose" eine wunderbare Charakterstudie. Klug zeigt sie die Widersprüche der Hippie-Mutter auf – ohne dabei in 68er-Bashing zu verfallen.

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Am Ende ist auch die Katze wieder da. Dass sie schwanger war, hat im familiären Tohuwabohu natürlich niemand mitbekommen. Nun liegt da unter der Couch, diesem einzigen stillen Winkel im Haus, ein Wurf kleiner Fellknäuel. Rose (Corinna Harfouch), ehemalige Hausbesetzerin und Mutter dreier mehr oder weniger erwachsener Söhne, ist nicht unbedingt begeistert vom tierischen Zuwachs. Andererseits: Den wird man auch noch irgendwie durchbringen.

Corinna Harfouch als "Rose": Tücken der Selbstverwirklichung
BR/Kerstin Stelter

Corinna Harfouch als "Rose": Tücken der Selbstverwirklichung

Mit der Selbstverwirklichung hat es bei Rose nicht so recht geklappt, in ihrem Haus herrscht dafür ein freundlicher Pragmatismus. Aus Frankfurt kam sie einst zurück in die verhasste Kleinstadt, und nun führt sie mit ihren Jungen eine Art basisdemokratisch organisierte Villa Kunterbunt. Jeder steuert bei, was er eben kann: Mutter sichert mit dem Verfassen von Groschenheften das knappe Grundeinkommen, der älteste Sohn Bernd stemmt gleich zwei Jobs, und Axi, der mittlere, hat sehr zum Verdruss der ehemaligen Straßenkämpferin eine Lehre als Banker begonnen.

Der kleine Stan indes kifft sich die Hucke voll und fährt gerade sein Abi gegen die Wand. Das findet nun sogar Rose, sowohl dem Drogenkonsum als auch dem Aufbegehren gegenüber generell nicht abgeneigt, übertrieben: "Wenn er revoltieren will, soll er es doch machen wie Axi. Der nervt auch, aber verdient wenigstens Geld dabei."

Im Grunde genommen läuft bei Sponti-Mom also alles angenehm chaotisch. Empfindlich gestört wird das gepflegte Durcheinander nur, als plötzlich Jürgen (Jürgen Tonkel), der Vater der drei Jungen, in der Stadt auftaucht. Ausgerechnet in der Bank von Axi, den er nicht als seinen Sohn erkennt, will er einen Kredit aufnehmen für eine windige Gastro-Idee. Und wenn er schon mal da ist, denkt sich der Hallodri, kann er sich ja auch mal um seine Söhne kümmern. Ihnen erklären, wie das mit den Frauen so läuft. Oder ihnen Geschenke machen, die er gar nicht bezahlen kann.

Mit Vätern ist es so eine Sache. Sind sie weg, werden sie vermisst. Sind sie wieder da, werden sie oft nur umso weiter weg gewünscht. Es gibt ja durchaus gute Gründe dafür, die vaterlose Gesellschaft für einen Idealzustand zu halten. Wie dieser zunichte gemacht wird, davon erzählen Regisseur Alain Gsponer und Drehbuchautor Alexander Buresch so lustvoll wie intelligent – und nicht zum ersten Mal: In ihrer Groteske "Das wahre Leben", die erst vor kurzem im Kino lief, ging es darum, wie ein Finanzmanager seinen Job verliert und nach Jahren der Abwesenheit auf einmal wieder seiner Familie auf den Geist geht, bis das schöne Eigenheim in Schutt und Asche liegt.

Härte und Häme

Das tragikomisch angehauchte Drama "Rose", das vor dem Kinofilm abgedreht worden ist und mit sträflicher Verspätung nun endlich gesendet wird, beleuchtet Vatis Heimkehr aber eben auf ganz andere Weise. Die Grundperspektive ist weiblich, das Milieu linksalternativ, die Verwüstungen innerhalb des Familienkosmos werden nicht ganz so enthemmt ins Bild gesetzt. Und doch geht es auch hier darum, wie das familiäre Selbstbild auf den Prüfstand gestellt wird. Denn ob es nun, wie in "Das wahre Leben", um einen Wohlstand akkumulierenden Manager-Clan geht oder um Roses anti-autoritär organisierte Familien-WG – Lügen und Widersprüche können sich überall dort einschleichen, wo die Alten den Jungen den sozialen Rahmen vorgeben, in dem sie sich gefälligst zu verwirklichen haben.

Die Filmemacher Gsponer und Buresch sind jedoch so klug, mit ihrem Späthippie-Porträt nicht die handelsüblichen Klischees zu bedienen. Billige Polemik gegen antiautoritäre Erziehungsideale ist ihnen ebenso fremd wie zeitopportunes 68er-Bashing. Als Thesenstück für eine Talkshow etwa, in der das Lob der Disziplin gesungen wird und neo-bürgerliche Werte beschworen werden, taugt ihr bei aller Härte und Häme wirklich anrührender Film nicht. Vielmehr loten sie die Widersprüche, Sonderlichkeiten und den gestutzten Idealismus einer Weltverbesserin aus, die mit Mühe und Not gerade mal ihren ganz privaten Laden zusammenhält. Immerhin: Sie hält ihn zusammen.

Dass der Film frei von denunziatorischen Untertönen daherkommt, ist auch Corinna Harfouch zu verdanken, die Leid und Größe der Titelheldin ohne übertriebene Gesten zur Aufführung bringt: So selbstverständlich wie Rose am Morgen nach einer Party die Freunde ihres Sohnes samt Drogenkater vor die Tür kehrt, so selbstverständlich schmeißt sie zu früher Stunde ihre wechselnden Liebhaber aus dem Bett. Uneinsichtige, die vor dem Frühstück noch ein bisschen kuscheln wollen, bügelt sie rigoros ab: "Du klammerst, bevor unsere Beziehung überhaupt erst begonnen hat."

Durch die Rückkehr ihres Ex wird Rose nun gezwungen, einige lieb gewonnene Arrangements und kultivierte Abwehrmaßnahmen zu überdenken. Auch die Sponti-Mama kommt eben nicht drum herum, mal im großen Stil aufzuräumen. Von Herzen gegönnt sei ihr, dass dabei keine Leiche, sondern ein Wurf Kätzchen unterm Sofa liegt.


"Rose": Heute Abend, 20.40 Uhr, Arte



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