TV-Drama "Sieh zu, dass du Land gewinnst" Verflachung der Kampfzone

Eine deutsche Jungbäuerin lernt eine Bosnierin kennen – und versucht sie vor den Behörden zu retten. Mit einem exzellenten Drama (heute, 20.40 Uhr) holt Arte die Illegalen-Problematik von der Großstadt aufs flache Land.

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Beinahe wäre es eine schöne kleine landwirtschaftliche Gründungsgeschichte geworden. Man hatte die zarten Corona-Früchtchen des Nachts vor anziehenden Frühlingsgewittern noch mit Plastikplanen bedeckt, fuhr die Ernte am nächsten Morgen mit dem mobil gemachten antiquarischen Traktor ein und träumte schon davon, eine eigene Erdbeerproduktlinie auf den Markt zu bringen. Den Widrigkeiten der Natur lässt sich trotzen, nicht aber den Mühlen der deutschen Justiz: Die meisten der Erntehelferinnen halten sich illegal im Land auf.

Darstellerin Mühe: Ducken, rennen, motzen
ZDF/Dirk Plamböck

Darstellerin Mühe: Ducken, rennen, motzen

So wird es nichts mit dem Bauern-Start-Up im niedersächsischen Nirgendwo, von dem die 19-jährige Nike (Anna Maria Mühe) träumt. Wohl oder übel hatte sie den Hof des herzkranken Vaters übernommen – um dem Laden neben ihrer Ausbildung zur Bundesbeamtin bald eine ganz neue Ausrichtung zu geben.

Prekärerweise macht sie als Lehrling gerade Station im Ausländeramt von Hannover. Um den Hof zu retten, muss die Nachwuchs-Beamtin also ausgerechnet auf jene Menschen setzen, deren möglichst emotionsfreie Abschiebung sie zurzeit erlernt. Der Erzählkniff ist riskant, aber glaubhaft umgesetzt: Was passiert, wenn der Verwaltungsakt zur persönlichen Angelegenheit wird?

Da ist zum Beispiel die Bosnierin Milena (Lea Mornar), eine kaltschnäuzige Überlebenskünstlerin. Ducken, rennen, motzen – so schlägt sie sich durch die Illegalität. Im Ausländeramt stößt Nike auch auf ihre Akte, aber die sagt eigentlich nichts aus, außer dass Milena flüchtig ist. Auch im Gespräch gibt die Arbeiterin wenig von sich preis. Ihre Familie hat sie offensichtlich während des Krieges verloren, auf die Tränendrüse will sie aber nicht drücken vor Nike, die ihr doch bitte nur zügig den ihr zustehenden Lohn auszahlen soll, auf dass sie weiter ihres Weges ziehen kann. Denn im norddeutschen Flachland, wo der Blick frei ist, aber die Herzen auch nicht reiner sind als anderswo, wird es langsam ein bisschen eng für sie.

Das weite Feld interkultureller Konflikte

Beachtlich, wie Regisseurin Kerstin Ahlrichs für ihren ersten langen, von Arte und ZDF gemeinsam produzierten Spielfilm das Flüchtlingsdrama aus der Anonymität der urbanen Ballungszentren aufs flache Land holt. Das hat zuvor lediglich Angelina Maccarone in ihrer vielfach preisgekrönten multi-ethnischen Liebesgeschichte „Fremde Haut“ 2005 gemacht. Dabei schlummern in der deutschen Provinz samt ihrer Kohlkopfkolonien, Erdbeerbeete und Spargelfelder ja inzwischen mindestens ebenso viele interkulturelle Konflikte wie in den viel beschworenen und schon oft gefilmten Kampfzonen der Metropolen.

Denn im Agrarsektor locken nun mal die saisongebundenen Billiglohnjobs, bei deren Vergabe die Verantwortlichen gerne darauf verzichten, einen genauen Blick in die Papiere der Bewerber zu werfen. Wer sonst gar nicht erst auf Jobsuche gehen muss, hier kann er bei schneller und harter Arbeit auf ein paar Euro hoffen. Die Gefahr aufzufliegen ist allerdings nicht gering, schließlich kennt hier auf dem Land jeder jeden. Da muss man schon wissen, wie man in Tarnung lebt.

So inszeniert Regisseurin Ahlrichs ihr Freundschaftsdrama mit einem Sinn fürs Paradoxe: Obwohl es kaum Erhebungen gibt und die meisten Szenen des Films unter freiem Himmel spielen, mutet das norddeutsche Flachland klaustrophobisch an. Bald macht sich ein Gefühl konstanter Bedrohung breit – auch für Nike, die in ihrem Provinztrott aus ödem ländlichen Unterhaltungsprogramm und Pendlertristesse auf einmal die Sicht der Flüchtlingsfreundin einnimmt. Überall lauern Gefahren, und ein Leben in Würde scheint sowieso kaum möglich zu sein, wenn die testosterongesteuerten Jungmänner vor der Dorfdisco Jagd auf Illegale machen.

Auf diese Weise unterwandert Kerstin Ahlrichs, die für „Sieh zu, dass du Land gewinnst“ einige Jahre in Behörden und Agrarbetrieben recherchiert hat, klug das Bild der deutschen Provinz als rustikales Refugium der Unschuld. Der Krieg der Städte, er hat schon lange das Land erreicht.


"Sieh zu, dass du Land gewinnst", Arte 20.40 Uhr



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