TV-Eklat in Großbritannien Selbstmord-Doku heizt Debatte über Sterbehilfe an

Craig Ewert war krank - und hat sich umgebracht. Seinen Tod können Millionen Briten im Fernsehen verfolgen, denn der 59-Jährige hat sich dabei filmen lassen. Die TV-Doku "Recht zu sterben" löste schon im Vorfeld eine hitzige Debatte über Sterbehilfe aus.


London - Wie verabschiedet man sich von seiner Frau, wenn man weiß, dass man gleich sterben wird? "Ich liebe dich, Sweetheart - so sehr", sagt Craig Ewert zu seiner Frau. Sie antwortet: "Hab eine gute Reise. Ich werde dich irgendwann wiedersehen." Dann saugt Ewert einen Cocktail aus Schlafmitteln durch einen Strohhalm und beißt auf einen Schalter, wodurch sein Beatmungsgerät 45 Minuten später abgestellt wird. Ewert stirbt. Und Millionen TV-Zuschauer können ihm am Mittwochabend im britischen Fernsehen dabei zusehen.

Seine Hände konnte der 59-Jährige 2006, dem Jahr, in dem die Aufnahmen entstanden, schon längst nicht mehr bewegen, sie waren gelähmt. Der frühere Universitätsprofessor litt an einer unheilbaren Nerven- und Muskelkrankheit. Die Ärzte gaben ihm nur noch ein paar Jahre, doch Ewert wollte selber handeln und entschied sich, die Dienste der umstrittenen schweizerischen Sterbehilfeorganisation Dignitas in Anspruch zu nehmen.

Außerdem erlaubte der Vater zweier Kinder dem mit einem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilmer John Zaritsky ("The Fifth Estate: Just Another Missing Kid", 1981) ihn bei seinem Tod in einer Zürcher Dignitas-Klinik zu filmen. Die Dokumentation "Recht zu Sterben" ("The Suicide Tourist") ist auf dem britischen Sender Sky Real Lives zu sehen - und löste schon im Vorfeld in der englischen Presse eine hitzige Debatte über Sterbehilfe aus. Darf man einen Menschen beim Selbstmord zeigen?

Britische Anti-Sterbehilfe-Organisationen beklagten "makaberen Todesvoyeurismus", der Selbstmord glorifiziere und die lindernden Möglichkeiten der Medizin ausblende. Es ist das erste Mal, dass ein begleiteter Selbstmord im britischen Fernsehen zu sehen sein wird.

"Diese Krankheit war sein Alptraum"

"Hier wird Werbung für begleiteten Selbstmord gemacht", schimpfte Phyllis Bowman von der Organisation "Recht auf Leben". Peter Saunders von der Organisation "Fürsorge statt Töten" sieht die Gefahr, dass solche Sendungen dazu führen, dass sich Menschen unter Druck gesetzt fühlen, den selben Weg zu gehen.

Kritik an Zaritsky kam auch von Medienexperten. "Berichterstatter sollten unparteiisch bleiben, sonst beeinflussen sie die Öffentlichkeit oder verleiten andere Leidende zu den gleichen Schritten", sagte der Direktor der britischen Medienwächter, John Beyer.

Die Chefin des Senders verteidigte die Ausstrahlung des Films: "Das Thema betrifft immer mehr Menschen, und diese Dokumentation gibt einen informativen, gut verständlichen und lehrreichen Einblick in Entscheidungen, die manche Menschen treffen müssen", sagte Barbara Gibbon.

Auch Ewerts Frau schrieb in einem Gastbeitrag für den "Independent": "Diese Krankheit war sein Alptraum, denn er hatte große Angst, gelähmt zu sein oder zu ersticken. Ich wusste, dass er diese Angst schon seit Jahren hatte." Und: "Craig war ein Lehrer. Und man kann sagen, er hat diesen Film als Lehrer gemacht."

"Dann bin ich nur noch ein lebendes Grab"

Der pensionierte Informatikprofessor selbst verteidigte seinen Selbstmord in der Dokumentation: "Wenn ich erstmal komplett gelähmt bin, dann bin ich nur noch ein lebendes Grab, das Nahrung durch einen Schlauch im Magen zu sich nimmt."

Neben Ewerts porträtiert John Zaritsky in seinem Film noch zwei weitere Menschen, die darüber nachdenken, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Ewerts ist am Ende der einzige, der tatsächlich den Selbstmord wählt. Der Regisseur sagte im Vorfeld des Sendetermins, die Stunde, in der Ewerts starb, sei für ihn der schwerste Moment in seiner 26-jährigen Laufbahn als Filmemacher gewesen.

Der "Guardian" kommentierte die Dokumentation bereits vorab. Zaritsky sei ein nüchterner, klarer Blick auf das Thema gelungen, der die Schwierigkeiten der Menschen mit ihrer Entscheidung in den Vordergrund stellt. "Propaganda für Dignitas ist das nicht". Der umstrittene Verein Dignitas mit Sitz in der Schweiz hat im vergangenen Jahr 141 Menschen beim Selbstmord geholfen.

Die Boulevardzeitung "Daily Mirror" stellte dagegen wie etliche Kritiker die Frage, ob es dem Sender Sky Real Lives wirklich um eine Debatte oder nur um hohe Einschaltquoten geht. "Recht zu Sterben" wird zur besten Sendezeit um 21 Uhr ausgestrahlt .

chc/dpa



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