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TV-Event "Der Seewolf": Der mit dem Wolf gähnt

Von Peter Luley

ProSieben hat den Abenteuerklassiker "Der Seewolf" neu verfilmt. Thomas Kretschmann spielt den zynischen Kapitän Wolf Larsen. Die überraschungsfreie Schauermär hat allerdings wenig zu bieten - außer dem überzeugenden Hauptdarsteller.

Nach knapp 45 Minuten ist es soweit: "Was macht Ihr Arm?", fragt der zynische Kapitän Wolf Larsen (Thomas Kretschmann) den schiffbrüchig aus dem Meer gefischten Literaturkritiker Humphrey van Weyden (Florian Stetter), dem er die Gliedmaßen zuvor ordentlich zusammengequetscht hat. Als der Angesprochene schweigt, weiter seiner Arbeit als Küchenhilfe nachgeht und Kartoffeln schält, greift sich Larsen einen rohen Erdapfel und zerdrückt ihn mit einer Faust zu Brei. "Es hätte schlimmer kommen können", erklärt er dem schockierten Schreiberling.

Die legendäre Kraftdemonstration, die schon in der literarischen Vorlage "Der Seewolf" (1904) von Jack London enthalten ist, war hierzulande bisher untrennbar mit einem Schauspieler verknüpft: Raimund Harmstorf, der 1971 den Titelhelden in einer mehrteiligen Fernseh-Verfilmung spielte. Nach Ausstrahlung dieses Advents-Vierteilers versuchten sich damals männliche Bundesbürger scharenweise selbst an dem Kabinettstückchen, der Mime hatte sein Markenzeichen weg, und die Frage, ob die zermalmte Knolle nicht doch ein wenig hitzevorbehandelt war, beschäftigte das Publikum.

Kombüsen-Kunststück mit Nostalgie

Aus heutiger Sicht belegt die Anekdote aus der goldenen Zeit der TV-Straßenfeger aber vor allem eins: dass der Stoff schon ganz schön ausgepresst ist. Fast vier Jahrzehnte und unzählige Hightech-Actionreißer später löst das Kombüsen-Kunststück bestenfalls nostalgische Gefühle aus.

Was also sonst mag die Macher an der Idee gereizt haben, den x-fach fürs Kino und Fernsehen adaptierten Abenteuerklassiker über einen brutalen, sozialdarwinistisch denkenden Kapitän und einen humanistischen Schöngeist neu aufzulegen? Und warum sollte man sich 2008 einen "Seewolf reloaded" anschauen? Es sind diese entscheidenden Fragen, auf die die Produktion aus dem Hause Hofmann & Voges ("Türkisch für Anfänger", "KDD") keine überzeugenden Antworten gibt.

Zwar haben Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt ("Die Sturmflut") und Regisseur Christoph Schrewe ("Der Bibelcode") das Material klugerweise auf zweimal 90 Minuten gerafft, womit sie nicht nur der gesunkenen Beliebtheit von Mehrteilern Rechnung tragen, sondern auch näher an der Vorlage bleiben als die Harmstorf-Saga, die den "Seewolf" noch mit weiteren Jack-London-Erzählungen verquirlte. Und man verzichtete auf die vom Buch vorgegebene Ich-Erzähler-Perspektive, die das Geschehen aus der Sicht van Weydens schildert. Das war’s aber auch schon in puncto Modernisierungsmaßnahmen.

Brav werden die bekannten Stationen der Handlung abgehakt: die raue Seebestattung des an einer Alkoholvergiftung gestorbenen Steuermanns; van Weydens Mühsal mit dem schmierigen Smutje und die Entstehung seines Spitznamens Hump; Larsens Sauf- und Pokergelage mit dem Koch und seine wiederkehrenden Kopfschmerzattacken; die Scharmützel innerhalb der Mannschaft und die brutale Robbenjagd.

Ebenso werktreu hat man sich an die Schlüssel-Dialoge gehalten. "Was tun Sie für Ihren Lebensunterhalt?", fragt Larsen zu Beginn van Weyden. "Ich bin ein Gentleman", antwortet der Wohlstandsschnösel unter dem Gelächter der Besatzung, woraufhin Larsen ihm auf seine Weise beibringen will, "auf eigenen Beinen zu stehen". Doch diese Kernsätze wirken gespreizt, theatralisch, aufgesagt – genauso wie die Gespräche über die Unsterblichkeit der Seele, über Nietzsche und Darwin, Macht und Recht.

Haiattacken, Fleischwunden und Soundsoße

Hauptdarsteller Thomas Kretschmann trifft die geringste Schuld daran, dass der Funke nicht richtig überspringt: Er gibt einen zurückgenommenen, sehnig-virilen Wolf. Nur seine strahlend weißen Zähne wollen wie die ohnehin sehr sauber anmutende Ausstattung nicht wirklich zur Verlumptheit auf hoher See passen. Und Kretschmanns Widerpart Florian Stetter tut als naiver, zwischen Faszination und Verachtung für Larsen schwankender Hump sein Möglichstes.

Verantwortlich für den indifferenten Gesamteindruck sind da schon vielmehr die effektheischende Inszenierung von Haiattacken und Fleischwunden aller Art, die über allem wabernde Soundsoße Marcel Barsottis und das platte Robinson-Crusoe-Ende.

Letztlich aber liegt es wohl vor allem am Fehlen eines überzeugenden eigenen Blicks auf den archaischen Stoff, der den Zuschauer nach dieser auf den Bahamas gedrehte Schauermär teilnahmslos und leer zurücklässt. Als größtes Wagnis der Unternehmung erscheint es da fast, dass ProSieben daran glaubt, seine Zielgruppe werde sich zwei Abende lang für einen derart anachronistischen Stoff interessieren.

Schon jetzt darf man gespannt sein, ob das für nächstes Jahr angekündigte Konkurrenzprojekt, eine ZDF-Neuauflage des "Seewolfs" mit Sebastian Koch als Larsen sowie den Hollywood-Stars Neve Campbell und Tim Roth, dem Material mit deutlich höherem Budget neue Akzente abgewinnen kann.

Eine Kartoffel wird aber wahrscheinlich schon dran glauben müssen.


"Der Seewolf": 24. und 25.11., 20.15 Uhr, ProSieben

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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1. Schon ziemlich
Foul Breitner 24.11.2008
dämlich, den "Seewolf" überhaupt nachdrehen zu wollen. Sicher einer der Filme, die NICHT getoppt werden können. Ich frage mich, was die Privaten mit ihren " Deutschland-free-tv-premieren" immer bezwecken wollen ?
2. Warum?
the_flying_horse, 24.11.2008
Warum muss man unbedingt einen erfolgreichen Film neu auflegen? Rausgeworfenes Geld.
3. Remakes
Bedlam 24.11.2008
Bei den ganzen schlechten Neuauflagen wird einem echt übel. Pro7 hat aus "Die Brücke" zuletzt auch nur ein seelenloses und obendrein lächerliches Stück Popcorn-Kino gemacht. Das schlimmste ist, dass viele Leute nicht wissen, dass es Originalfilme gibt die diesem Schrott haushoch überlegen sind. Für Remakes sollten die Produzenten verdonnert werden ganz fett das Wort REMAKE hinter den Titel schreiben zu müssen.
4. Denk ich an deutsches Kino in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht
daniel79 24.11.2008
Eine deutsche Produktion eben. Hier hat nicht ernsthaft jemand etwas anderes erwartet als...Schrott??
5. Schlimm
akrisios 24.11.2008
Die tumbepeinlichen Serienbeiträge aus dem Hause Pro7 sind um ein Werk bereichert. Wie untalentiert und blind müssen Produktioner sein um solchen Schrott (angefangen mit der unsäglichen Verfilmung von "Jesus Video") auf die Zuschauer zu hetzen. Motto: Darfs noch eine zum sterben todlangweilige Auto-Explosions-Zeitlupe mehr sein? Immerhin, das findet beim Seewolf nicht statt. Platte vorhersagbare Dialoge runden die Nicht-Leistung ab. Die alte Verfilmung hatte noch was Hartes & Echtes. Die Erzähler-Stimme aus dem Off band den Zuschauer fesselnd ein. Dies hier ist ein schaler seelenloser Möchtegern-Aufguss wie alle deutschen Produktionen u.a. von Pro7. Es tut weh. Bitte lasst es doch lieber einfach ganz. Ich schäme mich für diesen Mist, es is mir peinlich.
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