TV-Experiment "Männer allein daheim" Gib' dem Affen Zucker

Nun hat auch Kabel 1 seinen sozialwissenschaftlich verbrämten Feldversuch: In der Doku-Soap "Männer allein daheim" müssen sich niedersächsische Dorfbewohner unbeweibt im Haushalt bewähren – eine ziemlich ambivalente Angelegenheit.


Wir sehen zwei Männer in einer Einbauküche beim formvollendet synchronen Eingießen eines Weizenbiers. "Na, der Abschied war wohl doch nicht ganz so leicht?", fragt der eine. Seiner Tochter und ihm seien die Tränen gekommen, erwidert der andere: "Das war schon hart." Die beiden Nachbarn – Betriebsinstallateur Oliver, 38, und Holztechniker Maik, 31 – sind zwei von zwölf Männern, die an einem TV-Experiment teilnehmen und dabei eine Woche lang auf ihre Frauen verzichten müssen. Gerade sind die Damen abgereist, und die Fernsehleute wollen Emotionen einfangen.

Hausmann Oliver, Tochter Julia: Neugieriger Blick in fremde Wohnstuben
obs/kabel eins

Hausmann Oliver, Tochter Julia: Neugieriger Blick in fremde Wohnstuben

Wenn TV-Sender sich zu populärwissenschaftlich verbrämten Feldversuchen aufschwingen, um sie in Form einer Doku-Soap aufzubereiten, werden meist Zeitreisen bemüht: "Schwarzwaldhaus 1902", "Windstärke 8", "Die Bräuteschule" und "Steinzeit – Das Experiment" heißen die jüngsten Beispiele solcher "Living History"-Unternehmungen, in denen sich Menschen den Lebensbedingungen vergangener Epochen aussetzen, um diese für den Zuschauer erfahrbar zu machen.

Die neue Kabel-1-Reihe "Männer allein daheim" betreibt da weniger Brimborium: Für die von Studio Hamburg produzierten acht 45-Minüter wurden aus der 750-Seelen-Gemeinde Jühnde bei Göttingen einfach nur die Frauen der Protagonisten evakuiert. Dann wollte man – nach dem Vorbild der BBC-Reihe "The Week the women went" – überprüfen, wie sich die Hausmänner allein mit Kindern, Küche und Kötern rumschlagen.

Das Dabei-Zuschauen erweist sich erwartungsgemäß als sehr ambivalente Angelegenheit: Ist der Verzicht auf Zeitreise-Zinnober zunächst ja nicht mal unsympathisch, so bedingt die simple Versuchsanordnung zugleich zwangsläufig Übertreibung und künstliche Zuspitzung. Schließlich lässt sich die einwöchige Abwesenheit eines Familienmitglieds auch bei noch so traditionellem Rollenverständnis heutzutage kaum mehr glaubhaft als existenzielle Herausforderung verkaufen. So werden in Folge eins, natürlich auch der Notwendigkeit der Vorstellung des Personals geschuldet, die Abschiede zahlreich und im großen Stil zelebriert. Wer dass ohne Kenntnis der Umstände sieht, könnte meinen, hier ginge es um tragische Trennungen über Jahre.

Damen mit Gurkenmaske

Und auch im weiteren Verlauf sind Klischeebilder keine Mangelware: Während den Kerlen zu Hause wahlweise das Essen anbrennt, die Kinder durchdrehen oder die Wohnung verwahrlost, lassen sich die zum Wellness-Urlaub nach Mallorca verfrachteten Damen im Liegestuhl mit Gurkenmasken verwöhnen.

Dabei gehört "Männer allein daheim" sicher nicht zu den schlimmsten denkbaren Umsetzungen der Prämisse. Das Unspektakuläre wird zwar überhöht, auf eine allzu übertriebene Ausweidung von Krisensituationen jedoch verzichtet. Das Bemühen der Macher, aus der Masse der Alltagsbanalitäten auf unterhaltsame Weise Charakteristika herauszuschälen, ist durchaus spürbar.

Fünf Monate lang habe man im Vorfeld über 80 Dörfer gecastet, erklärt denn auch stolz der Sender; auf Jühnde sei die Wahl gefallen, weil dort die Begeisterung für das Projekt so groß gewesen sei und die Gemeinde durch ihre umwelttechnologisch vorbildliche Biogasanlage eine gewisse Routine im Umgang mit medialem Interesse habe. Und nicht zuletzt, weil dort ein Hochdeutsch gesprochen wird, das keiner Untertitelung bedarf. Tatsächlich ist das Spektrum der porträtierten Haushalte relativ vielfältig – es reicht von der jungen Kleinfamilie bis zum bäuerlichen Großbetrieb –, und der Humor kommt eher anteilnehmend als bloßstellend daher.

Exodus der Rollkoffer

Wenn die Tochter dem Vater im Supermarkt eine andere Wurstsorte abpressen will oder der Tischler seiner verängstigten Tochter den Ohrring mit der Zange rausdreht, kommt schließlich niemand ernstlich zu Schaden. Und der in Western-Manier inszenierte Exodus der Rollkoffer-bewehrten Frauen über die Dorfstraße entfaltet eine gewisse Komik. Auch der sanft-ironische Off-Kommentar und der Soundtrack, der besenreine Bürgersteige und Eigenheime mit Klangschnipseln von Jan Delay, Van Morrison und den White Stripes konterkariert, sind größtenteils gelungen.

Und doch wird natürlich dem Affen Zucker gegeben: Egal, ob sich Oliver erst auf dem Balkon "einen Plan saufen" muss, bevor er das Wohnzimmer umräumt, ob die Männer in der Dorfschänke "Sag mir, wo die Frauen sind" intonieren oder dem frisch gebackenen Jäger Michael nach bestandener Prüfung mit so viel Halali und Horrido gratuliert wird, dass den mit den Videobildern konfrontierten Frauen in der Ferne ganz mulmig wird – letztlich geht es hier weniger um populärwissenschaftliches Erforschen aktueller Geschlechterrollen als um den neugierigen Blick in fremde Wohnstuben. Man kann das auch Voyeurismus nennen.

Für den kleinen Spielfilm-Kanal Kabel 1, dessen innovativstes Format ansonsten die Low-Budget-Rateshow "Quiz Taxi" darstellt, ist das stilisierte Sittengemälde alles in allem gleichwohl ein respektabler Versuch. Und: Er dauert ja nur eine Woche.


"Männer allein daheim", Montags 20.15 Uhr, Kabel 1



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.