TV-Film "Die Mauer" Die Gebrochenen von Berlin

Hartmut Schoens Fernsehdrama "Die Mauer - Berlin '61" zeichnet anrührend und spröde das Schicksal einer Familie während der deutschen Teilung nach. Das ungewöhnlich komplexe Werk aus der Eventmovie-Schmiede teamWorx ist heute Abend auf Arte zu sehen.

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Helden der Zeitgeschichte sehen im deutschen Fernsehen eigentlich anders aus: Das Ehepaar Kuhlke (Heino Ferch und Inka Friedrich) steht zaudernd und bis auf die Feinrippunterwäsche entkleidet im Kanal, der den Ostsektor Berlins vom Westsektor trennt. Gerade als es sich nass gemacht hat, wird es mit dem Scheinwerfer von der Volksarmee aufgespürt, so dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als ans Ufer zurück zu watscheln. Wie die begossenen Pudel stehen die beiden nun da. Ein Westfotograf macht zu allem Überfluss ein Bild, das am nächsten Tag in der Zeitung erscheint und fatale Folgen hat: Die SED führt die Kuhlkes als "Rabeneltern" vor, die in den Westen geflohen sind und ihr Kind zurückließen.

Szene aus "Die Mauer" (mit Inka Friedrich und Heino Ferch): Gebrochene Gestalten
WDR/Bernd Spauke

Szene aus "Die Mauer" (mit Inka Friedrich und Heino Ferch): Gebrochene Gestalten

So wie in Hartmut Schoens "Die Mauer - Berlin '61" sieht man Geschichte im geschichtsvernarrten deutschen Fernsehen leider selten. Vergeblich sucht man in diesem Film nach jenen Lichtgestalten, die die Sittenwächter von Funk und Fernsehen dem unmündigen Zuschauer sonst gerne an die Hand geben, wenn sie ihn in die düstereren Abschnitte der deutschen Historie schicken. Statt heroischer Figuren, die dem Unrecht die Stirn bieten, sieht man in "Die Mauer" nur Normalos. Menschen also, die sich mit den Verhältnissen zu arrangieren versuchen, die dabei Fehler machen und denen deshalb ein ziemlich unglamouröses Schicksal droht: von der Geschichte verschluckt zu werden.

Erstaunlich, dass dieser so kompakte wie komplexe 90-Minüter von den Eventmanagern der Firma teamWorx produziert wurde. Die bereiten zeitgeschichtliche Ereignisse normalerweise ja als opulente Bilderbogen auf. Für ihre Zweiteiler über die Berliner Luftbrücke, die Hamburger Sturmflut und die Bombardierung Dresdens trieben sie immer neue Rekordbudgets auf. Die Medienwirtschaft mochte über den finanziellen Segen frohlocken - dramaturgisch verhob man sich gelegentlich: Weil die hohen Ausgaben eben nur zu rechtfertigen waren, wenn man damit möglichst viele Sendeminuten füllte, stellte man die teueren Kulissen mit uninteressanten Nebenfiguren voll.

So gesehen könnte man das vergleichsweise kostengünstig inszenierte Mauerdrama als Umdenken bei teamWorx (und sämtlichen großen Sendern, die von der Firma beliefert werden) werten. Statt dem Schauwertkino Hollywoods nachzueifern, orientierte man lieber am italienischen Neorealismus, wo sich die Ökonomie der Umwelt tief in die Psychologie der Figuren einschreibt.

Hartmut Schoen kann getrost als einer der wenigen explizit politischen Fernsehregisseure des Landes bezeichnet werden. Ob in seiner Flüchtlingsromanze "Zuckerbrot" oder dem EU-Erweiterungsdrama "Der Grenzer und das Mädchen" - die Verhältnisse spiegeln sich stets schon in der Form wieder. Bei seinem neuen Werk verzichtet Schoen nun konsequent auf nostalgisches Flair; keine drollige Ostkuriosität und kein schickes Westkonsumgut wird hier augenzwinkernd ins Bild gerückt. Jedes Stück Materie ist mit Bedeutung aufgeladen, Ambivalenzen und Widersprüche sind erlaubt.

Deshalb fühlt man sich beim kalten Glanz von Schoens Berlin weniger an den schnieken Kostüm-Schocker "Der Tunnel" erinnert, mit dem teamWorx vor fünf Jahren die Blaupause für alle seitdem gedrehten historischen Eventmovies lieferte, sondern eher an Rossellinis "Rom - offene Stadt". Auch in "Die Mauer" müssen sich die Menschen auf einem Terrain behaupten, auf dem Waren- und Gesellschaftssysteme sich gerade erst neu ordnen.

Die Teilung Deutschlands samt ihrer psychoökonomischen Folgen - hier manifestiert sie sich innerhalb weniger Tage und Nächte in einer Familie: Während das Ehepaar Kuhlke in der Nacht zum 13. August 1961 bei Freunden in Westberlin Geburtstag feiern, übernachtet Sohn Paul (Frederick Lau) bei einem Freund im Osten. Weil die Grenzen dichtgemacht werden und Bauarbeiter Kuhlke zuvor durch Kupferschmuggel ins Visier der Stasi geraten ist, können die Eltern nicht mehr in den Ostteil zurück. Der Junge, da ist nichts auszurichten, wird von SED-Beamten unter die Fittiche genommen.

Und während der Spross mit kommunistischen Glaubensbekenntnissen malträtiert wird, lernen die Eltern im Westen die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus kennen: Alles hat seinen Preis, umsonst hilft niemand. Swingende Amis und Wirtschaftswunder-Philanthropen, das Rettungspersonal anderer Nachkriegs- und Mauerdramen, lassen sich beim besten Willen nicht finden. Nur ein als Möbelhändler zu Wohlstand gekommener West-Freund (Axel Prahl) hilft auf ganz eigene Art: Erst setzt er die Frau Kuhlke ins Schaufenster seines Ladens und lässt die verzweifelte Ost-Mutter werbewirksam von der West-Presse fotografieren; später offeriert er der Verzweifelten im Tausch für ein wenig Zärtlichkeit finanzielle Unterstützung.

Überhaupt gibt es in diesem Berlin nur gebrochene Gestalten - was die Schauspieler zu Höchstleistungen anspornt. Inka Friedrich verkörpert mit einem leidenschaftlichen Pragmatismus das Muttertier wie einst eben Anna Magnani im italienischen Neorealismus. Und ausgerechnet Heino Ferch, der für die einschlägigen TV-Blockbuster vom "Tunnel" bis zur "Luftbrücke" die brenzligsten historischen Konflikte mit einem hemdsärmeligen Aktionismus stets ins Gute wendete, spielt hier gekonnt glanzlos den Bauarbeiter Kuhlke. Einen Familienvater, der hilflos zwischen den beiden Systemen aufgerieben wird – und mit ansehen muss, wie sich die eigene Frau zur Rettung des Kindes prostituiert.

Am Ende haut Kuhlke seinem Widersacher zwar noch ein paar in die Fresse. Genugtuung will sich nicht einstellen. Die Mauer wird trotzdem gebaut, die Eltern bleiben im Westen, der Junge im Osten. Ein traurigerer Film über die deutsche Teilung wurde bislang nicht gedreht.


"Die Mauer - Berlin '61": Freitag, 29. September, 20.40 Uhr, Arte; Mittwoch, 4. Oktober, 20.15 Uhr, ARD



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