TV-Film "Finale": Das nackte Sommermärchen

Von Peter Luley

Ausgerechnet das ZDF zeigt den neuen Film von Alt-"Rocker" Klaus Lemke. Sein WM-Sommer-Sittengemälde "Finale" ist eine schmutzige kleine TV-Perle, die aus Lemkes ureigenem Regie-Prinzip entstand: Low-Budget, Laiendarsteller – und dann gucken, was passiert.

Klaus Lemke, 66, ist ein verkappter Romantiker. Mit der Kamera sucht er unermüdlich nach jungen Rebellen und schönen Frauen - und freut sich diebisch, wenn er sie findet. Dann wird das glückliche Ereignis ohne Drehbuch, aber mit viel Liebe und Ekstase gefeiert. Diese Arbeitsweise muss man sich kurz vergegenwärtigen, bevor man sich Lemkes neues Werk "Finale" (heute, 0.00 Uhr, ZDF) anschaut - sonst könnten bereits die ersten fünf Minuten, die ohne überflüssige Dialoge zweimal schnellen Sex auf offener Straße zeigen, zu Irritationen führen. Und das wäre schade.

Der Film, gedreht in Hamburg-St. Pauli während der Fußball-WM 2006, ist ein Kuriosum in vielerlei Hinsicht. Das fängt mit der Entstehungsgeschichte an: Lemke hatte ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke die Wette angeboten, ihm für 50.000 Euro einen Spielfilm zu realisieren, und dieser hatte eingeschlagen. Beim Münchner Filmfest schließlich kam es jüngst zum Skandälchen: Dort protestierte Lemke nicht ohne Augenzwinker dagegen, dass sein Film als "pornografisch" verunglimpft und deshalb ignoriert worden sei. Auch in der ZDF-Redaktion Das Kleine Fernsehspiel, auf deren Sendeplatz "Finale" läuft, stößt man bei Nachfragen zu "Finale" erst mal auf Verwirrung ("als Nachwuchsförderung kann man das ja nicht mehr bezeichnen"), bis sich mit Alexander Bickel, auch schon für den schrägen Raumpiloten "Ion Tichy" verantwortlich, ein Redakteur zu der Kooperation bekennt.

Lemke selbst nennt seine 75-minütige Stimmungsstudie, die ohne Fußballszenen auskommt und letztlich 70.000 Euro gekostet hat, launig einen "Anti-Sönke-Wortmann-Film": "Ich wollte ihm nicht die Erinnerung überlassen." Aus dessen "Sommermärchen" sei er "ja tiefgefroren rausgekommen". Den wirklichen Spirit jener viel besungenen vier Wochen im vergangenen Sommer sieht er bei Wortmann nicht eingefangen: Vor der WM seien die Deutschen doch "peinlich verzwergt" und "wie rückwärts gekocht" herumgelaufen. Die Befreiung aus diesem unwürdigen Zustand habe er zeigen wollen - und ihr unter anderem mit seinen Sexszenen Ausdruck verliehen.

Tatsächlich bildet die kollektive Begeisterung beim Fanfest auf dem Hamburger Heiligengeistfeld, die schwarz-rot-goldene Fahnen-Herrlichkeit, eine hübsch schillernde Folie für die schmutzigen kleinen Kiez-Techtelmechtel, die Lemke in Anwendung seiner ureigenen Formel komponiert hat: Low-Budget, Laiendarsteller, Handkamera - und dann gucken, was passiert. Am Anfang, erzählt Lemke, habe es nicht mal das gegeben, was nun als offizieller "Drehbuch"-Inhalt angegeben wird: "die bittersüße Lovestory zwischen einer 26-jährigen Schauspielerin am Anfang ihrer Karriere und einem 21-jährigen Callgirl am Ende seiner Ehe".

Schließlich konnte man nicht wissen, wie die WM verlaufen würde, also fing man einfach an zu drehen. Als Deutschland dann gegen Italien ausschied, waren gerade mal 25 Minuten Film fertig. Da sei ihm die Idee mit der Mädchen-Romanze gekommen, als er die Schauspielerin Anneke Schwabe traf - mithin die einzige "Professionelle" im Ensemble -, die seinerzeit ein Engagement am St.-Pauli-Theater hatte.

Kick and rush

So lernt der Zuschauer zunächst die beiden anderen Protagonisten kennen: Timo Jacobs, als cooler Casanova bereits in Lemkes vorangegangenen Kiez-Komödien "3 Minuten Heroes" und "Träum weiter, Julia" (beide 2005) dabei, spielt den eingangs erwähnten Lustwandler, der am Rande des Fanfests schnellen Sex sucht und findet. Er lässt sich gerade von dem Callgirl Saralisa (gespielt von der H&M-Verkäuferin Saralisa Volm) scheiden, was freilich einer vorübergehenden amourösen Wiedervereinigung nicht im Wege steht - bis er mitten beim Elfmeterschießen der deutschen Elf gegen Argentinien den Sitz seiner Frisur überprüft und so die neuerlich aufgeflammte Zuneigung seiner Angetrauten wieder verspielt. Saralisa indes lernt nun Schauspielerin Anneke kennen; die bittersüße Lovestory nimmt ihren Lauf.

Dass solche Handlungsfragmente nebensächlich sind, liegt auf der Hand. Entscheidend bei Lemkes Doku-Fiction ist die Stimmung. Etwa, wenn die beiden Mädchen zur Abkühlung an die Elbe wollen und den Gedanken an ein Taxi rasch verwerfen: "Quatsch, hitchhike!".

Oder wenn Saralisa ihrer Mutter am Telefon unverkrampft erzählt, ihr Ex-Mann in spe habe sie gestern "beim Ficken mit 'nem anderen gesehen". Dann ist der alte Outlaw Lemke, dessen Opus magnum "Rocker" (1971) am 27. Juli wieder im Millerntorstadion gezeigt wird, ganz in seinem Element: Noch immer hat der Entdecker von Cleo Kretschmer, Wolfgang Fierek, Dolly Dollar und Iris Berben ein Händchen für Talente vor der Kamera und ein untrügliches Gespür für den Sound der Straße.

Dass er seiner Leidenschaft für nackte Schönheit dabei freien Lauf lässt, kann man fragwürdig finden. Doch die Natürlichkeit, Unschuld und Energie seiner Kiez-Geschichten sind entwaffnend und fegen jeden Verdacht auf Altväterlichkeit sofort beiseite. Ein Übriges tut der feine Soundtrack, zu dem eine sexy Bossa-Version von "Sympathy for the Devil" genauso gehört wie "Living Proof" der Indie-Sirene Cat Power.

Wer vom Kick and rush à la Lemke angefixt ist, muss übrigens auf dessen nächsten Film nicht allzu lange warten: "Undercover Ibiza", gedreht noch vor "Finale", läuft am 6. September um 23.15 Uhr im WDR.

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"Finale": Kick and Rush