TV-Film "Wut" Die Wahrheit ist auf der Straße

"Das ganze Gerede – für diesen Streifen?", müssen sich viele Zuschauer gefragt haben, als sie den klischeetriefenden WDR-Spielfilm "Wut" verfolgten. Noch unbefriedigender war die ziel- und hilflose Anschlussdiskussion "Tatort Schulweg".

Von Hani Yamak


Es passiert selten, dass man bei einer Talkrunde bis zum Ende nicht weiß, was das Thema ist. Geht es jetzt um Jugendgewalt oder um misslungene Integration? Im Züli Aladags Film "Wut" sah man beides zu Genüge. Er zeigt die Geschichte eines Bösen, den kleinkriminellen Türken Can, und seines Opfers, den soften deutschen Felix. Man sieht Schwarz und Weiß, trotz bunter Bilder.

Eigentlich dürfte es die WDR-Intendanten nicht gewundert haben, dass sie vor der Ausstrahlung ständig gefragt wurden, ob der Grund für die Verschiebung des Films von Mittwoch 20.15 Uhr auf Freitag 22 Uhr eine Flucht vor Kritik war. "Warum verstecken Sie den Türken-Film im Spätprogramm?", titelte die "Bild".

Der ARD-Vorsitzender Thomas Gruber erklärte äußerst pikiert, dass der Film lediglich aus Gründen des Jugendschutzes verschoben worden sei. Seinen WDR-Kollege Fritz Pleitgen störte das. Mit den Worten "Ich bin zornig" verdeutlichte er seine Enttäuschung, weil der Film gerade von Jugendlichen gesehen werden müsse. Dabei scheinen sie ihn am wenigsten zu brauchen - sie kennen diese Realität.

Der einzige wirklich interessante Aspekt in der Talkrunde "Tatort Schulweg" war die Meinung der 120 Jugendlichen, die als Zuschauer geladen waren. Die Jugend fand den Film "total realistisch", er zeige gut, wie Mobbing an der Schule funktioniere. Einig schienen sich darüber auch die Talkgäste auf dem Podium: Die zwei Landespolitiker Armin Laschet und Uwe Schünemann, der Kölner Sozialarbeiter Hüseyin Cansay und der Kriminologe Christian Pfeiffer.

Klischees wohin das Auge blickt

Der Film triefte vor Klischees, und auch Sandra Maischbergers Talkrunde war eine Ansammlung von Stereotypen. Der Bilderbuch-Sozialarbeiter Cansay, mit Vokuhila und Ohrring, verlangt zur Lösung des Problems Jugendgewalt mehr Geld für Jugendheime. Zu Wort kommt auch der resozialisierte "Knasti" Hussein Marji, der seinem Aussehen nach genauso gut den Gangboss Can in "Wut" hätte spielen können. Er stimmt Cansay zu: "Wir brauchen mehr Betreuers."

Der piefige Kriminologe Pfeiffer wirft mit Statistiken um sich und ethnisiert das Problem. Die Realität zeige, dass türkische Kinder drei Mal so oft geschlagen würden wie deutsche Kinder. Und das mache sie später zu Tätern. Als Lösung schlägt er Ganztagsschulen vor, in denen Kindern die "Liebe zum Leben" beigebracht wird.

Schünemann, CDU-Innenminister von Niedersachsen, spricht von einer "Spitzengruppe von sogenannten Türken" in der Jugendkriminalität. Auch er hält eine interessante Lösung parat: Er will die Mütter aus den Parallelwelten zwangsintegrieren und bei Verweigerung notfalls staatliche Hilfen aussetzen.

Jeder meint, eine Wahrheit zu erkennen, die der Film darstelle. Doch von welcher Wahrheit ist hier die Rede? Das Türken kriminell sein können? Das ist wahr. Wahr ist aber auch, dass ein Junge wie Felix, der in einer "fetten Villa" mit Swimmingpool wohnt und einen Professor zum Vater hat, nicht auf eine Schule geht, auf der kriminelle Jugendgangs abhängen, die "Ehre" verspritzen und Basketball spielen. Im Film tut er das trotzdem.

Über rechte Gewalt wird nicht diskutiert

Eine weitere Wahrheit ist, dass ein Schauspieler wie Oktay Özdemir (Can) mit seinem Gesicht keine anderen Rollen in Deutschland bekommt, als die, die er in "Wut" und vorher schon im Kinofilm "Knallhart" spielte. Typen, die aussehen wie er, können scheinbar nur aggressive Türkenmachos darstellen. Selbst die Co-Moderatorin Asli Sevindim scheint sich nicht vorstellen zu können, dass Özdemir freiwillig ein Opfer spielen würde. Özdemir trocken: "Bisher war ich immer der Böse oder Kleinkriminelle. Ich hätte gerne den Felix gespielt."

"Fehlt den Fernsehanstalten der Mumm, eine Realität zu zeigen, die politisch unkorrekt ist?", hieß es vor der Sendung. Diese Frage entbehrt jeder Vernunft. Die Frage muss lauten: Kann Realität überhaupt politisch unkorrekt sein? Und was ist die Realität in Deutschland? Maischberger deutete am Anfang der Diskussion an, dass es im Hinblick auf Jugendgewalt auch eine andere Realität gibt. Sie erwähnte bedrohliche Statistiken über rechte Gewalt. Darüber wurde nicht einmal eine Minute lang geredet.

Passend dazu spuckt der Protagonist Oktay Özdemir ein Schlussplädoyer aus und verleiht dem Film "Wut" doch noch eine gewisse Legitimation: "Ihr habt alle studiert und blabla, aber von der Straße und was da draußen abgeht, habt ihr doch keine Ahnung!

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