TV-Klassiker Warum die BBC "Dinner for One" verschmäht

Warum nur kennt im angeblichen Heimatland des Humors kein Mensch die Kultsendung "Dinner for One"? Die BBC weigert sich auch zum 40. Jubiläum des TV-Sketchs, die erfolgreichste Fernsehsendung Deutschlands zu übernehmen. Überraschende Begründung: "Wir kennen diese Sendung gar nicht." Das kann so nicht stimmen.

Von Sebastian Knauer


TV-Klassiker "Dinner for One", Darsteller Warden, Frinton: "No comment"
NDR/Annemarie Aldag

TV-Klassiker "Dinner for One", Darsteller Warden, Frinton: "No comment"

Auch zum 40. Jahresjubiläum von "Dinner for One" zeigt sich die britische Insel humorresistent gegenüber dem deutschen Fernseh-Klassiker. Der TV-Sketch zur Silvesternacht, mit insgesamt fast 230 Ausstrahlungen und mehr als 180 Millionen Zuschauer (siehe Grafik) eine der erfolgreichsten Fernsehsendungen Deutschlands, ist im Stammland des 18-minütigen Theaterstücks weitgehend unbekannt. Obwohl Autor, Schauspieler und der Originaldialog ("The same procedure as last year?") eindeutig angelsächsischer Herkunft sind, verweigerte die BBC bislang eine Ausstrahlung.

"Wir kennen diese Sendung gar nicht", sagt Mark Herley, Sprecher von BBC-Fernsehen in London, gegenüber SPIEGEL ONLINE, "und wir senden eigentlich nur eigene Produktionen." Über die Qualitätsansprüche des weltweit anerkannten britischen Humors wollte sich der BBC-Sprecher offenbar aus diplomatischen Gründen gegenüber den deutschen TV-Kollegen nicht äußern: "No comment."

Von Fernsehmachern des Norddeutschen Rundfunks (NDR) wurde das Bühnenstück im nordenglischen Seebad Blackpool entdeckt und dann 1963 im Studio B in Hamburg-Lokstedt mit den Schauspielern Freddie Frinton als Butler James und May Warden als Miss Sophie samt eigens mitgebrachtem Tigerfell aufgezeichnet.

Ein größeres Publikum bekam den Sketch von Miss Sophies Geburtstagsparty zunächst am 8. März 1963 in der ARD-Unterhaltungssendung "Guten Abend, Peter Frankenfeld!" zu sehen. Erst im Jahre 1972 landete er auf dem Sendeplatz zum Jahresende und entwickelte sich zur Kultsendung ganzer Generationen.

Quotenentwicklung von "Dinner for One": Kultsendung ganzer Generationen
DER SPIEGEL

Quotenentwicklung von "Dinner for One": Kultsendung ganzer Generationen

Im Zuge der digitalen Bearbeitungen von Kulturgütern wagte auch der NDR eine umstrittene Modernisierung des Fernsehklassikers. So wurden in Studios in Los Angeles und in Neu Delhi eine kolorierte Fassung der schwarzweißen Aufzeichnung hergestellt - und zum Entsetzen traditionsbewusste Dinnerianer 2001 auch ausgestrahlt.

Ärger gab es schon 1997, als das Bundesamt für Naturschutz die Verwendung des ausgestopften Tigers (Panthera tigris) als "keine gute Anregung" für den Umgang mit exotischen und vom Aussterben bedrohten Arten kritisierte. Oder als der Schauspieler Harald Juhnke sich im SPIEGEL über den "Alkoholkonsum" und die Grauen Panther-Vorsitzende Trude Unruh über "Alterssex" äußerten. Einen Aufschrei bei konservativen Dinner-Liebhabern gab es, als Zeitzeuge und NDR-Kameramann Frank Banuscher 2002 über eine Liebesbeziehung hinter den Kulissen zwischen dem Paar "Miss Sophie und Butler James" auspackte.

Gleichwohl blieb "Dinner for One" auf der Erfolgsspur. Nationale Fernsehsender in Österreich, der Schweiz, Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark, Südafrika, Australien und dieses Jahr Lettland kauften das Stück ein. Mit Zweikanaltechnik können in Deutschland auch Blinde eine so genannte "Audiodeskriptionsfassung" als Hörfilm vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. empfangen. Textprobe: "Dabei stolpert er über den ausgestopften Kopf eines Tigerfells und fällt fast gegen die Anrichte."

In Butler James' Heimatland gilt das offenbar als wenig witzig. Doch untergründig, so analysiert der Bremer Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann, liegt die Ablehnung in der Herkunft des Schauspielers Freddie Frinton, der "vom Tingeltangel" komme. Da sei "der Graben zur ehrwürdigen BBC" einfach zu groß. Die steifen Briten stört zudem nach Meinung des Fachautors und Redakteurs der "Süddeutschen Zeitung", Stefan Mayr ("Dinner for One von A-Z"; Eichborn Verlag), die Darstellung stark alkoholisierter Adliger wie Sir Toby ("Cheerio").

Zudem ähnele die gegenüber Bediensteten ("Well, I'll do my very best") etikettenwidrig aufgeschlossene Miss Sophie Queen Elizabeth II. So ein "knallhartes Antimonarchie-Stück", vermutet Mayr, sende die BBC als "Körperschaft des öffentlichen Rechts mit königlichem Charakter" einfach nicht. Lediglich ein britischer Privatsender brachte einmal zum Jahresende Ausschnitte von "Dinner for One" im Rahmen einer "Dokumentation über Silvesterbräuche" in Europa.

Insgeheim findet der gebannte Sketch seinen Weg in englischen Wohnstuben. So registriert die langjährige Mitarbeiterin in der NDR-Unterhaltung, Uta Fahrenholtz, immer zum Jahresende auch diverse Anfragen aus aller Welt nach Video-Aufzeichnungen von "Dinner for One." Einige Bänder wurden auch schon an Mitarbeiter der BBC in London auf den Weg gebracht. Fahrenholtz: "Wir haben nie eine Reaktion bekommen." Cheerio!



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