TV-Komödie "Andersrum" Mann, was für ein Schund!

Wie erzieht man einen Schwulen um, damit er wieder ein richtiger, Frauen schikanierender Pfundskerl wird? Die ProSieben-Produktion "Andersrum" gibt heute Abend die peinlichste und humorloseste Antwort, die man seit langem im Fernsehen gesehen hat.

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Keine Angst, der Held dieses Films ist natürlich nicht schwul. Er verhält sich nur ein bisschen tuntig. Aber es gibt zum Glück Mittel und Wege, Hetero-Schwuchteln wie ihn auf den richtigen Weg zurückzubringen. Denn so lange Heiner Lauterbach, das Alphamännchen sowohl der höheren als auch der niederen TV-Unterhaltung etwas zu sagen hat, verhalten sich Männer gefälligst wie Männer im deutschen Fernsehen. In "Andersrum" spielt der in die Jahre gekommene Supermacho Lauterbach deshalb einen in die Jahre gekommenen Supermacho, der einen weibischen Parfümerieverkäufer auf Hetero-Linie trimmt. Die ProSieben-Komödie als Bootcamp für Homosexuelle.

"Andersrum"-Darsteller Heinz Hoenig: Zombiesk, humorfrei, dilettantisch
ProSieben

"Andersrum"-Darsteller Heinz Hoenig: Zombiesk, humorfrei, dilettantisch

Denn darf es sein, dass ein Kerl einen rosafarbenen Motorroller fährt, sich mit femininen Düften bestäubt und das Schnapsglas mit dem gespreizten kleinen Finger anhebt? Natürlich nicht. Aber genau das tut Ferdinand (Mark Keller), der bei schwulen Zieheltern aufgewachsen ist und sich - so will es die Logik des haarsträubenden Drehbuchs - aufgrund der frühkindlichen Prägung wie eine Tunte verhält, obwohl er doch eigentlich auf Frauen steht. Durch eine glückliche Fügung trifft er auf den Schriftsteller Toni (Heiner Lauterbach), der ihm zeigt, wie ein wahrer Mann säuft, flucht und sich die Weiber gefügig macht.

Die Umerziehungsmaßnahme soll als augenzwinkernder Spaß rüberkommen, ist aber nur ein tumber Rollentauschreigen, der dermaßen von Klischees und Peinlichkeiten strotzt, als hätte eine Laienspielgruppe aus der Provinz zum tausendsten Mal das olle Fünziger-Jahre-Lustspiel "Charleys Tante" aufgewärmt.

Auf diese Weise passt "Andersrum" allerdings bestens in die Reihe eigenproduzierter ProSieben-Comedies, in der das männliche Selbstbild in fadenscheinigen Plots auf harte Proben gestellt wird - auf dass es am Ende nur umso stärker aus ihnen hervorgeht.

In den extrem schlecht ausgestatteten Billig-Burlesken des Senders halten die Helden schon mal ihr Geschlechtsorgan für zu mickrig ("Das beste Stück"), oder sie müssen als arbeitslose Journalisten auf schwul machen, um den Job bei einer Frauenzeitschrift zu bekommen ("Macho im Schleudergang"). Über einige bescheiden humorige Irrungen und Wirrungen finden die gebeutelten Kerle dann aber wieder zu sich selbst zurück. Der eigene Ständer und der Stand in der männlichen Leistungshierarchie - alles tipptopp! Der verunsicherte Mann von heute, den die Werbeindustrie inzwischen mit Peeling-Cremes und anderen Kosmetika zu verweichlichen und verweiblichen sucht, sehnt sich wohl nach solchen groben Selbstbestätigungsmaßnahmen.

"Andersrum" markiert nun den historischen Tiefpunkt in der konstant nach unten abfallenden Kurve des Macho-Klamauks von ProSieben. War denn niemand da, der dem Treiben von Heiner Lauterbach ("Männer") und Mark Keller ("Alarm für Cobra 11") hätte Einhalt gebieten können? Nein, denn die beiden Saufkumpanen, die angeblich bei einem feucht-fröhlichen Discobesuch auf die Idee zum Film gekommen sind, haben nicht nur die Hauptrollen übernommen, sondern die Regie gleich mit.

So konnte beim Dreh die verheerendste aller Macho-Eigenschaften wüten: die Selbstüberschätzung. Hier stimmt wirklich gar nichts, vom ungelenken Spiel der Darsteller bis zur extrem linkischen Kostümierung. Selbst die weiblichen Figuren (unter anderem Sandra Speichert als bräsig französelndes Superweib) sehen aus wie kleine Mädchen, die in Mamas Schminktopf gefallen sind.

Ebenfalls katastrophale Folgen hatte die Entscheidung Lauterbachs und Kellers, bei dem Projekt ein paar ihrer Kneipenfreunde mit zentralen Rollen zu versorgen. Ausgerechnet Heinz Hoenig und Rolf Zacher delirieren sich hier als schwules Elternpaar der Hauptfigur stark gepudert und mit Fistelstimmen durch die Handlung. Mal abgesehen von der empörenden Moral dieser Tuntenzähmung - es bleiben ein paar wirklich scheußliche Bilder in Erinnerung. Wenn zum Beispiel Mark Keller die Schwuchtel gibt, verdreht er die Augen, als hätte man ihm das Gehirn entkernt. Zombiesk, humorfrei, dilettantisch: Dieser Film ist ein echter Albtraum.


"Andersrum", ProSieben, 27. Dezember, 20.15 Uhr



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