TV-Kopie "Beat the Star!": Raab-Recycling ohne Rampensau

Aus Köln berichtet Anna Starke

Raab ohne Raab, geht das? Die ProSieben-Spielshow "Schlag den Raab" ist ein Export-Knüller, die englische Version wird derzeit in Köln aufgezeichnet - mitsamt Model-Moderator und importiertem Brit-Publikum. Ein Besuch im Studio.

Köln - Unglaublich, aber wahr: Zweieinhalb Stunden im Studio von "Beat the Star", der britischen Lizenz-Version des deutschen TV-Spektakels "Schlag den Raab", sind so fesselnd wie ein ganzer Abend Curling-WM auf Eurosport. Man kann sich schon vorstellen, dass es packend ist, wenn man mitspielt. Zuzusehen allerdings ist so langweilig, dass die Sendung im Laufe des Abends zu einem Lehrstück dafür wird, wie man ein geniales TV-Format verhunzen kann, wenn man es in eine Form presst, die ihm nicht passt.

Ein Pendant des deutschen Fernseh-Großmauls Stefan Raab, der selbst zum Kräfte- und Köpfchenmessen mit den Kandidaten antritt, gibt es offenbar in Großbritannien nicht. Bei "Beat the Star" tritt jede Woche ein anderer Prominenter gegen einen gecasteten Herausforderer an. Das Aushängeschild der Sendung ist folglich allein der Moderator, der die Rolle übernimmt, die Matthias Opdenhövel in der deutschen Version innehat. Sein Name ist Vernon Kay, ein bei der Jugend immens populärer Supermoderator, der in etwa dem Typ "Boygroup meets James Bond" entspricht: Anfang dreißig, Ex-Model, aalglatt. Marco Schreyl in britisch.

Seit vergangener Woche zeichnen die Engländer ihre Show im Köln-Mülheimer Studio von "Schlag den Raab" auf. Das erscheint erstmal ungewöhnlich, ist es aber gar nicht. Auch die russische Version von ProSiebens Wissenssendung "Galileo" wird in Deutschland gedreht, und auch andere Länder haben bereits Interesse angemeldet, den Studio-Komplex für ihre Star-Duelle zu nutzen. Man habe sich für den Standort Deutschland entschieden, weil es in England kein vergleichbar großes Fernsehstudio gebe, sagt Matt Paice, Produzent für den englischen Sender ITV.

Britische Soldatentöchter schwärmen für Moderator

Das Publikum im Studio stammt allerdings nicht wie sonst aus Köln und Umgebung, sondern ist überwiegend britisch. Eine Casting-Agentur hat die meisten von ihnen herangekarrt. Seit "Beat the Star" produziert wird, ist man auf der Suche nach Muttersprachlern, die in Deutschland leben, damit ihr Anreiseweg nicht zu lang ist. Diesmal sind Dutzende britische Teenager vom militärischen Stützpunkt JHQ Rheindahlen im Westen von Mönchengladbach mit Bussen angereist. Bevor die Show losgeht, folgen sie willig dem Anheizer: Erst entspanntes Klatschen, dann euphorisches Lachen, im Crescendo "Aaaahhhh" und "Ooooohhhh" rufen, mitleidig seufzen, erschrocken die Luft anhalten oder jubelnd die Arme in die Höhe reißen - televisionäre Geräuschkulisse klingt auch in Großbritannien nicht anders als in Mülheim.

Dann tritt Model-Moderator Vernon Kay in den Lichtkegel des Scheinwerfers. Die Pickel-und-Zahnspangen-Clique im Publikum kreischt verzückt. Kay steht oben auf Raabs leuchtender Show-Treppe, schüttelt zwei gläserne Koffer mit Geldscheinen und schneidet Grimassen. 100.000 Pfund, rund 124.000 Euro, kann der Herausforderer heute gewinnen, ein Klacks, gemessen an den inzwischen 2,5 Millionen im Jackpot von "Schlag den Raab". Kay, offenbar besser im Gutaussehen als im Moderieren, klemmt sich beide Koffer in eine Hand, hält sich am Geländer der Showtreppe fest und versucht betont locker auf die Bühne zu schlendern.

Ein unbeholfener Auftritt, der noch dazu wiederholt werden muss: Noch bevor die beiden Kandidaten auftreten, versagt die Technik: Ein Mikrofon macht ein lautes Rülps-Geräusch. Kay muss wieder rauf auf die Treppe: Jubeln, Auftritt, Grimasse, Koffer in eine Hand, Geländer in die andere. Und ab geht's.

"Beat the Star" wird zu "Beat the Boredom"

Endlich halten die Gladiatoren Einzug. Der Herausforderer ist Pete Russel, 27, Lehrer, eine muskelbepackte Wuchtbrumme. Der Promi an diesem Abend: Martin Offiah, 42, eine Rugby-Legende. Martin sagt: "Ich liebe es zu gewinnen, ich habe Feuer in mir." Doch dann gibt es erst einmal weitere technische Probleme - die Grafik spielt nicht mit. Also: Warten. Vernon Kays Haare werden zurecht gezupft, der Anheizer tritt auf und ermahnt das Publikum, sitzen zu bleiben, bis die Spiele beginnen: Die Kandidaten hauen den Lukas, erklimmen 20 Meter hohe Kletterwände, gehen Bogenschießen und spielen eine Art Poker für Arme.

Gerade das Duell am Kartentisch mutiert zum Desaster des Abends: Die beiden Zocker spielen so oft unentschieden, dass "Beat the Star" für alle Beteiligten zu "Beat the Boredom" wird. Nach jedem Unentschieden geht das Spiel wieder von vorne los. Der Kabelträger legt sich irgendwann auf die Stufen zur Bühne und dämmert vor sich hin.

Das Studio-Publikum muss sich derweil mit sich selbst beschäftigen. Es gibt keinen Kommentator, denn der wird erst in der Nachproduktion eingesprochen, und Moderator Kay hält sich so fest an sein Drehbuch wie zuvor an das Geländer der Showtreppe. Die Show ist eine Schrumpelversion von Raabs Erfolgs-Kreation: Es gibt nicht 15 Spiele, sondern nur sieben, es dauert nicht fünf Stunden, sondern 75 Minuten und die Show läuft beim britischen Sender ITV nicht am Samstagabend zur Prime Time, sondern am Sonntag um 18.45 Uhr. Am schlimmsten aber ist: Dank Aufzeichnung ist das charmante Live-Chaos des Originals dahin.

Erbsen zählen und Torten verteilen

Kurz vor Schluss wird es doch noch spannend: Beim sechsten - entscheidenden - Spiel müssen die Konkurrenten Erbsen von oben in eine Flasche fallen lassen, die auf dem Boden steht. Pete lässt eine plumpsen und trifft nicht, Martin lässt eine fallen und trifft auch nicht. Pete lässt eine fallen, Martin lässt eine fallen. Und so weiter. Den finalen Erbsen-Wettkampf gab es auch bei Raab schon mal, doch der durch die ermüdende Pokerpartie sichtlich demotivierte Rugby-Star macht den Eindruck, als hätte er schlicht keinen Bock mehr auf das Spiel. Da bekommt man glatt Sehnsucht nach Stefan Raabs monströsem Ego und seinem oft enervierenden Siegeswillen. Mit seiner Frustration, Wut und Leidenschaft trägt er ein Format wie "Schlag den Raab" dann eben doch fast im Alleingang über die lange Distanz.

Raab hat eine riesige, leckere Torte gebacken, und jetzt möchte die ganze Welt ein Stück davon abhaben. In zwölf Länder wurde das Konzept der Sendung bisher verkauft – die deutsche Show-Idee soll ein internationaler Renner werden. Ohne Raab oder eine ähnlich engagierte Rampensau als Moderator, wird das allerdings schwierig.

Nach der Aufzeichnung von "Beat the Star" rauscht Stefan Raab mit den Geschäftsführern von der TV-Produktionsfirma Brainpool und SevenOne International, dem weltweiten Programmvertrieb der ProSiebenSat.1-Gruppe ins leere Studio. Im Schlepptau eine kleine Gruppe Männer, vermutlich noch mehr Kollegen aus dem Ausland, die auch ein Stückchen Kuchen wollen. Während der Produktion zu "Beat the Star" habe Raab den Briten Tipps gegeben, heißt es. Als Kandidat wäre er wohl auch gern angetreten. Hätten sie ihn bloß gelassen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. wie bitte?
TR4 17.04.2008
schlag den raab ohne raab? nein raab ist ein typ den keine kopieren kann. der hats ainfach drauf. waers schlag den jauch waers nicht so interessant obwohl auch schon etwas witzig. aber raab ist einfach der beste...fuer so was
2. Spiegel Online Fernsehkritiken
biscmal 17.04.2008
Hallo, Was ich schon seit längerer Zeit in eine dieser Diskussionen schreiben wollte: Spiegel Online schreibt relativ regelmässig, vielleicht 2-3 Mal pro Woche, über eine Show oder einen Film im Fernsehen, wobei mir scheint, dass die Produktionen in ca. 90% der Fälle zerissen werden. Ausnahmen sind das (meiner Meinung nach) zweifelhaft gute aber zugegebenermassen teilweise auch ganz unterhaltsame "Schlag den Raab" und hier und da ein paar Einzelfälle. Dann wird regelmässig über DSDS und co. gelästert, was mir aber nicht sinnvoll erscheint, weil ein halbwegs geschmackssicherer Zuschauer ungefähr 3 Minuten nach Anfang der Sendung aus- oder umschaltet. Umschalten... Gerne, aber was soll man denn dann angucken ? Ich gebe ja gerne zu, dass man zu gewissen Zeiten wirklich nichts findet, was einem auch nur ansatzweise gefällt (wann das ist, hängt sicher vom Geschmack ab). Trotzdem, manchmal gibt es doch auch tatsächlich eine interessante, lehrreiche und mit sehr viel Glück sogar originelle Sendung. Wird da nicht eine ziemlich grosse Chance vergeben ? Ich finde, es sollten viel mehr Fernsehtipps zu finden sein, damit man auch mal etwas von Anfang bis Ende laufen lassen kann. Dann braucht man nicht die ganze Zeit die mittelmässig gut geschriebenen und teilweise herablassenden Kommentare im SpOn zu lesen sondern kann auch mal etwas neues entdecken. Da ich im letzten halben Jahr ab und zu den Fernseher angeschaltet habe, bin ich ganz zufällig und somit auch irgendwie romantisch auf die Sendung "Karambolage" gestossen. Oft habe ich sie nicht gesehen, aber ich fand sie toll, kurz und bündig, interessant und die Grenze zu Frankreich überbrückend. Es ist zwar nicht besonders originell, ARTE und 3Sat zu mögen, aber es sind halt doch mi t die besten Sender. (Danke an dieser Stelle für die 3Sat Thementage, mal kurz für eine halbe Stunde einschalten und schon ist man um einiges an Wissen reicher.) Ich würde mich freuen, wenn Spiegel Online im Bezug aufs Fernsehen seine Verantwortung bewusster wahrnehmen würde. Und dem Leser auch mal mit guten Sendungen eine Freude macht statt immer nur zu schreiben was für ein Schund das doch alles sei. Für mich grenzt das an Populismus Ebenso bin ich auf eure Antworten gespannt! Viele Grüsse, Julian
3. SPON Fernsehkritiken
misterx1234 17.04.2008
Hallo zusammen, kann meinen Vorredner nur zustimmen. Diese sache fällt mir auch schon seit längerer Zeit auf. Auffällig ist hier auch welche Sendungen einen Beitrag bekommen. Sind diese nicht alle bei RTL, Sat.1 & Co? Das erscheint mir eher nach dem niveau von bild.de . Ich finde es sehr schade das so selten interessante Formate der öffentlich-rechtlichen vorgestellt werden. Eine Außnahme macht hier wieder Bruce & Co, die wie gewohnt zerissen werden. Vielleicht verstehe ich einfach den Sinn einer TV-Kritik nicht. Aber das was hier abgeliefert wird hat meiner meinung nichts mit ernsthaftem Journalismus zu tun . Aber vielleicht versteh ich diese Form des J. auch einfach nicht.
4. Priv vs ÖR
DJ Doena 17.04.2008
Zitat von misterx1234Hallo zusammen, kann meinen Vorredner nur zustimmen. Diese sache fällt mir auch schon seit längerer Zeit auf. Auffällig ist hier auch welche Sendungen einen Beitrag bekommen. Sind diese nicht alle bei RTL, Sat.1 & Co? Das erscheint mir eher nach dem niveau von bild.de . Ich finde es sehr schade das so selten interessante Formate der öffentlich-rechtlichen vorgestellt werden. Eine Außnahme macht hier wieder Bruce & Co, die wie gewohnt zerissen werden. Vielleicht verstehe ich einfach den Sinn einer TV-Kritik nicht. Aber das was hier abgeliefert wird hat meiner meinung nichts mit ernsthaftem Journalismus zu tun . Aber vielleicht versteh ich diese Form des J. auch einfach nicht.
soweit ich das berurteilen kann, werden auf SpOn hauptsächlich Shows kritisiert. Spielshows und Talkshows. Wetten, dass?!, Schlag den Raab, Maischberger, Anne Will sind so die typischen Kandidaten. Eine Unausgewogenheit in Richtung PrivTV konnte ich nicht feststellen.
5. Karambolage bitte!
neutron 17.04.2008
Juhu! Endlich erwähnt mal jemand mal "Karambolage" !. Abgesehen davon, dass ich "Schlag den Raab" als vergleichsweise recht unterhaltsam empfinde, ist doch das Schmankerl auf Arte mein Favorit in allen Klassen. Ich ärgere mich immer, wenn es vorbei ist. Die Sendung könnte doch auf wenigstens 1 Stunde ausgedehnt werden, oder ?
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