TV-Krimi "Entführt!" Geldadel, vernichtet

Kapitalismusdämmerung im ZDF: Durch eine Entführung gerät das Firmenimperium eines alten Patriarchen ins Wanken. Regisseur Matti Geschonneck inszeniert seinen grausam gut gespielten Thriller-Zweiteiler "Entführt!" als Wirtschaftsrequiem - der Fernsehfilm zur Finanzkrise.

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Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss. Am Ende dieses von massiver Todessehnsucht durchzogenen Wirtschaftsmelodrams sieht man einen Großindustriellen auf seinem Gestüt, wie er einen treuen alten Gaul eine letzte Mahlzeit serviert, um ihn dann eigenhändig mit dem Jagdgewehr zu erschießen.

Dem Unternehmer selbst will auch jemand an den Kragen. Doch statt ihm die Kugel zu geben, demontieren seine Gegner lieber nach und nach sein Firmenimperium. Kann man einen Konzernpatriarchen alter Schule grausamer zur Strecke bringen? Geldadel, vernichtet.

Alles beginnt mit einer Entführung, bei der es um 22 Millionen Euro geht. Soviel verlangen Kidnapper von Liane Bergmann (Nina Kunzendorf), damit sie deren Tochter Hannah wieder frei lassen. Weil die Ärztin selbst aber eigentlich recht mittellos ist, wendet sie sich an ihren Vater, den Münchner Millionär Albert Targensee (Friedrich von Thun), den sie nach dem rätselhaften Tod ihrer Mutter vor über 20 Jahren den Rücken gekehrt hat.

Liebe kann man wohl nicht nennen, was Vater und Tochter verbindet. Doch manchmal schafft ja auch der Hass eine ganz besondere Art von Vertrautheit, und in diesem ausladenden Zweiteiler gibt es viele kurze grausame Dialoge, die das veranschaulichen. Da ist zum Beispiel diese Szene, in dem die Tochter zum alten Targensee geht und sagt: "Wenn Hannah nicht zurückkommt, bring ich dich um, Papa!" Da erwidert dieser beinahe glücklich: "Weißt Du, wie lange du nicht mehr Papa gesagt hast?"

Hier wächst also wieder zusammen, was seit zwei Jahrzehnten in Scherben lag. Und wo der Hass als sozialer Klebstoff nicht stark genug ist, da hilft eben das liebe Geld ein bisschen nach.

Man muss sich auf dieses 180-Minuten-Projekt wirklich einlassen. Wie ein guter Roman springt der Film in der ersten Hälfte zwischen ganz unterschiedlichen Konflikten hin und her, um sie in der zweiten zur großen Erzählung zu bündeln. Einer Erzählung wohlgemerkt, die nicht ins Genre-Raster des deutschen Fernsehens passt. Krimidrama und Familienpsychogramm, Finanzthriller und Wirtschaftsrequiem - "Entführt!" ist all dies und noch mehr. Wahrscheinlich haben es die Filmemacher gar nicht im Sinn gehabt, aber bei der unheilvollen Wucht, mit der sie Geldvermehrer Targensee ins Verderben taumeln lassen, taugt ihr Werk hervorragend als fiktionales Begleitprogramm zur ganz realen Kapitalismusdämmerung.

Familiendrama als detektivische Ermittlungsarbeit

Das liegt auch an den vielen glaubhaften, stets ambivalenten Figuren, die mit wenigen Worten, aber umso wirkungsvolleren Taten die Handlungsstränge voran und tragisch zueinander treiben: An dem Verwalter Kessler (Hanns Zischler) zum Beispiel, der das Targensee'sche Vermögen so selbstlos wie besonnen zu managen zu scheint und wohl doch ganz eigene Pläne verfolgt. Oder an der Unternehmertochter Vera (Andrea Sawatzki), die endlich mal im ganz großen Stil mit jenem Geld, das die Schwester als Lösegeld bräuchte, in New York im Spekulationsgeschäft mitmischen will. Papa soll schließlich stolz auf sie sein.

Reduktion im Dialog, Entfesselung in der Kampfzone: Das ist das Erzählprinzip, nach dem Regisseur Matti Geschonneck das anfänglich so überschaubare Entführungsszenario zum psycho-ökonomischen Mehrfrontenkrieg weitet. Geschonneck hat über die letzten Jahre einen ganz eigenen Stil entwickelt. Wie kaum ein anderer im deutschen Fernsehen versteht er es mit erstaunlich hoher Frequenz, Familiendramen als detektivische Ermittlungsarbeit zu inszenieren ("Silberhochzeit") und Krimistoffe als komplexe zwischenmenschliche Tragödien auszubreiten ("Duell in der Nacht"). Irgendwo schlummert immer ein Geheimnis, das böse Blüten treibt.

In "Entführt!" (Buch: Hannah Hollinger und Jörg von Schlebrügge) nun gerät immer mehr der Unternehmer Targensee ins unheilvolle Zentrum eines wackeligen Lügenkonstrukts. Von allen Seiten machen ihm alte Feinde das Leben zur Hölle, die er beim Aufbau seines Imperiums betrogen und belogen hat. Und die bösesten Attacken kommen aus der eigenen Familie. "Dieser Mann ist ein Lügner und Vernichter!" ruft seine Tochter Liane just in jenem Moment aus, in dem Papa die Schecks zum Unterschreiben geholt hat. Keiner glaubt ihm mehr, diesem Wirtschaftsmagnaten alten bundesrepublikanischen Zuschnitts. Dabei scheint Targensee, so wie er von Friedrich von Thun mit gütiger Mine unterm Stahlwatteschnauzer gespielt wird, gar nicht so sehr von Gier getrieben. Eine Art pervertiertes Pflichtgefühl zur ewigen Expansion ist wohl eher sein Antrieb.

So bekommt der Zweiteiler eine finstere zeitgemäße Anmutung. Denn bei seiner "Buddenbrooks"-Variante mit Lehman-Brothers-Flair geht Geschonneck für die Konfliktforschung in die Tiefe. Klug werden hier Familienzusammenhalt und ökonomische Stärke als zwei Faktoren ein und derselben Macht beschrieben: Bricht das eine zusammen, hält auch das andere nicht mehr lange.

Mögen es die Macher auch nicht drauf angelegt haben, so kann man den zwischen bayerischer Edel-Provinz und New York pendelnden Film durchaus als Reflexion auf das Leben und Sterben des Unternehmers Alfred Merckle lesen, der sich Anfang des Jahres im schwäbischen Blaubeuren vor die Bahn geworfen hat, nachdem sein kompliziertes Firmenkonstrukt kollabiert ist.

Wie es einem doch fröstelt bei "Entführt!": So tief hinab geführt hat uns schon lange kein Film mehr in die Seelenkeller des deutschen Wirtschaftspatriarchats.


"Entführt!": Montag und Mittwoch, jeweils 20.15 Uhr, ZDF



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