TV-Kult "Dinner for One" Trink-Theater, Tantiemen-Kater

Ist jetzt Schluss mit lustig? Juristen haben sich - rein wissenschaftlich - der Kultsendung "Dinner for One" angenommen. Nach immerhin 40 Jahren hätten die Nachfahren von Butler James und Miss Sophie Anspruch auf beträchtliche Honorarnachzahlungen. Der Justitiar des ausstrahlenden Norddeutschen Rundfunks sieht das ganz anders.

Von Sebastian Knauer


Freddie Frinton als James und May Warden las Miss Sophie: Der Wille zur Promille
NDR/Annemarie Aldag

Freddie Frinton als James und May Warden las Miss Sophie: Der Wille zur Promille

Hamburg - Die Ausstrahlung des TV-Klassikers "Dinner for One" am Silvesterabend ist nach Ansicht der Rechtsabteilung des Norddeutschen Rundfunks (NDR) nicht gefährdet. Der 18-minütige Sketch war 1963 in Hamburg vom NDR produziert worden. Butler-Darsteller Freddie Frinton gab damals an, die Rechte an dem Werk zu besitzen. Das Funkhaus zahlte an Frinton und seine Partnerin May Warden alias Miss Sophie ein einmaliges Honorar von 4150 Mark zuzüglich Flugkosten und Spesen.

Nach Ansicht des Münchner Urheberrechtlers Gernot Schulze könnten die Rechtsnachfolger der verstorbenen Künstler einen "Fairnessausgleich" und "Schadensersatz" geltend machen und sogar ein Ausstrahlungsverbot durchsetzen. Da die Kultsendung in den Dritten Programmen in vier Jahrzehnten von über 180 Millionen Zuschauern gesehen und als Lizenzausgabe in das Ausland verkauft wurde, hätten sich andere, so Schulze, eine "goldene Nase" verdient.

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TV-Kult "Dinner for One": Derselbe Spaß wie jedes Jahr

Für eine juristische Festschrift zu Ehren des Urheberrechts-Papstes Wilhelm Nordemann hatte Schulze im Januar ausführlich begründet, warum ein "Nachschlag bei Dinner for One" aus rechtlicher Sicht fällig sei. Danach könne der Silvester-Klassiker als "krasses Beispiel für die Unausgewogenheit zwischen Leistung und Gegenleistung" gelten. Mit 12,75 Millionen Zuschauern erfreuten sich alleine im Jahre 2001 rund 2,3 Millionen Menschen mehr an dem stolpernden Butler als an der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers Gerhard Schröder.

Ernüchterung durch Nachschlagszahlungen?

Fazit von Rechtsanwalt Schulze, Kommentator des Urhebervertragsrechts: "Vieles spricht für einen 'Nachschlag'. Es fragt sich nur, ob die Betroffenen hiervon erfahren. Der Autor Lauri Wylie und die Schauspieler Frinton und Warden werden nichts mehr davon haben. Durch den Fairnessausgleich werden nun auch Autor und Schauspieler beziehungsweise deren Rechtsnachfolger etwas mitlächeln können und sich nicht darüber grämen müssen, dass andere sich weiterhin eine goldene Nase verdienen, während die schöpferisch Tätigen dabei so gut wie leer ausgehen."

Über diese Einschätzung, die von der "Süddeutschen Zeitung" verbreitet wurde, konnte wiederum der NDR-Justitiar Klaus Siekmann nicht lächeln. Er ließ das Blatt, bekannt durch eine regelmäßige "Dinner for One"-Berichterstattung des Redakteurs und Fachautors Stefan Mayr ("Dinner for One von A-Z") eine Unterlassung unterschreiben. Demnach darf nicht weiter verbreitet werden, dass "weitere Tantieme seitdem nicht flossen".

Tatsächlich fließen die Erlöse aus Lizenzverkäufen der Sendung an die Nachkommen von Darsteller Frinton. In London vertritt die Agentur "Personal Appearance" die Rechte Frintons und erhält vom NDR jeweilige Honoraranteile aus den Auslandsgewinnen. Ebenso geht der NDR gegen die Verwendung von Bildmaterial aus der TV-Auszeichung für kommerzielle Zwecke vor.

Nach den Original-Vertragsunterlagen in Hamburg-Lokstedt vom März 1963 ist für den NDR zudem "nicht erwiesen", ob ein Lauri Wylie tatsächlich der Autor des ursprünglichen Bühnenstückes "Dinner für One" ist. Der angebliche Verfasser Wylie, so Dinnerologe Mayr, sei bereits 1951 verarmt in einem Wohnmobil im britischen Sussex verstorben. Gegenüber dem Sender hatte der Schauspieler Frinton versichert, alleiniger Rechte-Inhaber zu sein. Das könnte auch ein für damalige Verhältnisse sehr opulentes Honorar von über 4000 Mark für James und Miss Sophie erklären. "700 Mark waren damals der Regelsatz für Schauspieler", sagt der NDR-Justitiar, "wir haben das Stück doch erst bekannt gemacht".

Kein "Skôl!" für Großbritannien

Allerdings nicht in Frintons Heimatland Großbritannien, da sich die British Broadcasting Corporation (BBC) auch dieses Jahr weigerte, den feucht-fröhlichen Sketch auszustrahlen - ein Faktum, das jetzt auch britische Medien wie die Zeitung "The Guardian" in ihrer Weihnachtsausgabe 2004 beschäftigte: "Es ist eines der erfolgreichsten TV-Programme des Landes - und das ist anerkennenswert, da es in einer Sprache aufgeführt wird, die die meisten Deutschen gar nicht sprechen."

Dass die Erben von Miss Sophie zur Durchsetzung von Honoraransprüchen sogar ein Ausstrahlungsverbot durchsetzen können, hält NDR-Rechtsexperte Siekmann gegenüber SPIEGEL ONLINE für "irreführend". Und auch Kontrahent Schulze will seine Ausführungen für die Festschrift heute "rein wissenschaftlich" gewertet wissen. Eine zusätzliche Beschwerde des NDR bei der Münchner Anwaltskammer wegen standeswidriger Mandanteneinwerbung wurde zu den Akten gelegt. Cheerio!



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