TV-Parodie "Switch" Fernsehfest der Volksverdummung

Talkshow-Blablabla, Comedy-Schrott, Spielshow-Abzocke: Fernsehen ist in weiten Teilen lachhaft. In einem Anfall von Selbsterkenntnis belebt Pro Sieben deshalb heute "Switch" wieder - den legendären TV-Parodie-Klassiker, der noch aus dem letzten Glotzen-Schrott einen Heidenspaß macht.

Von Peer Schader


Warum hat das Fernsehen keinen Kundenbeauftragten? Einen netten Herrn im Anzug mit Schnauzbart, wie der im Supermarkt, der von den Schildern herunterlächelt und verspricht, sich um alle Fragen und Beschwerden zu kümmern, wenn man ihn auf einer Servicenummer anruft. Der sich all die Klagen über Sendungen anhört, die wir nicht verdient haben. Der am besten gleich etwas unternimmt gegen die täglichen Bildschirmgrausamkeiten, das Talkshow-Geschwätz, den Comedy-Abfall, die Gewinnspiele, bei denen die Zuschauer über den Tisch gezogen werden.

So einen hätte das Fernsehen dringend nötig. Vor allem weil der legendäre Oliver Kalkofe jetzt dauernd damit beschäftigt ist, neue "Wixxer"-Kinofilme zu drehen, statt über dem Fernsehen Spott und Häme auszugießen.

So pingelig wie Peter Kloeppel

Es ist in dieser Lage ein kleiner Glücksfall, dass ProSieben nach sieben Jahren Pause heute Abend seine Ensemble-Comedy "Switch" wieder belebt. In der wird so ziemlich alles parodiert, was einem beim Zappen kalte Schauer über den Rücken jagt. "Switch" (das wegen der siebenjährigen Pause jetzt "Switch reloaded" heißt) ist mit seinen Parodien oft so nah dran an den Originalen, dass es zum Fürchten und Lachen zugleich ist.

"Hallo, ich bin Tim Mälzer, und ich zeige Ihnen, wie man mit wenig Phantasie und 'ner lästigen Assistentin tolle Sachen kochen kann", lispelt Max Giermann mit aufgeklebter Glatze im nachgemachten "Schmeckt's nicht, gibt's nicht"-Studio mit Hamburger Akzent.

Dann zaubert er Bohneneintopf, der von "muslimischen Bohnenallergikern" genauso gemocht wird wie von "fleischessenden Juden mit Lamm-Aversion" – das lässt sich "extreeem leicht variieren". Daneben steht Petra Nadolny mit Headset und Klemmbrett und assistiert mit doofen Fragen: "Ist denn da jetzt auch für jeden was dabei?"

Ein echtes Highlight sind die Nachrichtenparodien, für die sich die Comedians unzählige Stunden "RTL aktuell" und "heute journal" angeguckt haben müssen. Wie sonst könnten sie derart exakt die pingelige Intonation eines Peter Kloeppel nachäffen? Oder im Stil von Claus Kleber Beiträge über das Elend der Welt abmoderieren und im selben Satz das Wort an die Kollegin übergeben, so dass es klingt, als rede er über sie: "In meiner Karriere als Journalist habe ich schon vieles gesehen, aber dieser grauenhafte Anblick macht mich sprachlos, Gundula Gause." Die sitzt daneben und macht ein Gesicht, als müsse sie gleich losheulen.

Volksmusik-Zombies und Berufsjodler

Und dann "Beckmann"! Wie er die Worte dehnt, wenn ihm etwas wichtig ist, sich ausladend zurücklehnt oder mit dem Finger auf den Tisch pocht und gestikuliert, dass es den Gästen Angst und Bange werden könnte, bloß um endlich zu sagen: "Lassen Sie uns über Ihre Eltern sprechen."

Selbst Michael Kessler gelingt es als penetrant fröhlichen Florian Silbereisen, der immer wieder beim Playback patzt, nur so weit zu übertreiben, dass man immer noch der Überzeugung sein könnte, ein echtes "Volksfest der Volksmusik" zu sehen, bei dem eben alle einen über den Durst getrunken haben. Weil es eigentlich nicht so weit hergeholt ist, dass nacheinander drei unterschiedliche Berufsjodelkapellen mit demselben Lied auftreten (auch wenn sie "Fichtelberger Kanakenschubser" heißen), dirndltragende Tanzdamen so tun, als hätten sie Spaß, und der Schlagzeuger wie ein Zombie ins Leere starrt.

Das neue "Switch" muss ein hartes Stück Arbeit gewesen sein, nicht nur für die Schauspieler, sondern auch für die Maskenbildner. Sie haben sich peinlich genau den Kleidungsstil von Oli Geißen abgeschaut, sie können mühelos sonnenstudioüberbräunte Teleshopping-Verkäuferinnen zurechtschminken und den kleinen Bernhard Hoëcker mit Schaumstoffprothese zum "Bullen von Tölz" umbauen.

Dass die Parodien so echt wirken, liegt aber auch daran, dass die Comedians wie früher in die Original-Studiodekorationen der Sendungen hineingeschnitten werden – oder in originalgetreue Nachbauten.

Täuschend echter Günther Jauch

Nicht jeder Sketch ist auch ein Lacher, und immer mal wieder verirrt sich ein Rohrkrepierer in die Show. Aber manchmal reicht es schon zuzuhören, wie klug die Autoren Dialoge aus US-Erfolgsserien wie "Dr. House" und "CSI: Miami" neu erfunden haben. Und wie täuschend echt Kessler den Günther Jauch geben kann, auch wenn es nur ein oder zwei Sätze sind. Sogar auf die langweiligen Tischrunden aus den Anfangsjahren, in der das Team Kalauer austauschte, bis einer den Spruch brachte: "Hoëcker, Sie sind raus", verzichtet die Neuauflage. Da stören dann nicht mal Kindereien wie die Wurst-Telenovela "Verliebt in Aspik", in der gerupfte Enten und Frankfurter Würstchen gestehen, sich gegenseitig betrogen zu haben.

Im Vergleich mit dem mut- und ideenlosen Comedy-Brei, den die deutschen Sender ihren Zuschauern in den vergangenen Monaten vorgesetzt haben, ist "Switch" geradezu erholsam provokant. Es war höchste Zeit, diese Sendung zurückzuholen.

Vielleicht hat es eine kathartische Wirkung, endlich mal richtig über das Fernsehen lachen zu können - statt immer damit beschäftigt zu sein, es schlimm finden zu müssen.


"Switch reloaded", montags, 22.15 Uhr, Pro Sieben



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.