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TV-Porträt von Franz Josef Wagner: Bild dir deinen Reißwolf

Von Peer Schader

Der Mann ist Kult. Weil er nervt, aufregt und manchmal trifft. In seiner "Bild"-Kolumne schreibt Berufsprovokateur Franz Josef Wagner täglich einen Brief ans Volk. Ein NDR-Porträt strickt eifrig mit an der dubiosen Legendenbildung über den "Gossen-Goethe".

Der Wagner, sagt sein Beobachter, ist eine sehr seltene Spezies: "Er lebt zurückgezogen im Berliner Stadtteil Charlottenburg-Wilmersdorf. Nur selten verlässt er tagsüber seine Wohnung." Dann sieht man den Wagner, wie er doch einmal bei Tageslicht aus seinem Bau herauskommt und eine Spritztour im neuen Dienstwagen macht, rüber zu seinem Arbeitgeber in die Kochstraße, dem Axel-Springer-Verlag, wo er aber nur selten ist und deshalb nicht gleich den Eingang findet.



Oben, im 19. Stock, gibt es ein kleines Päuschen im exklusiven Journalistenclub. Und der Beobachter versichert: "Aufnahmen wie diese sind selten, man möchte hier lieber unter sich sein." Es ist nicht ganz klar, ob SWR-Universalreporter Thomas Leif das so beabsichtigt hat, aber sein Porträt des "Bild"-Kolumnisten Franz Josef Wagner (FJW) hat den Charme der Tierreportage. Als würde Leif einen seltenen Fuchs abfilmen, oder besser noch: "einen einsamen Wolf", wie er Wagner nennt, einen zotteligen alten Wolf. Und der Wolf kommt dabei ziemlich gut weg.

Man muss wissen, dass FJW eigentlich keine Kameras mag. Jede Talkshow hat ihn schon mal eingeladen, sagt er. "Jede!" Aber er ist nicht hingegangen: "Das Fernsehen ist ganz unbarmherzig, zeigt alles Nichtperfekte peinlich genau, jedes Stottern", erklärt der Kolumnist, der jeden Tag auf Seite zwei in seinen "Bild"-Briefen aufschreibt, was andere angeblich denken - und stottert gleich mal ein bisschen. Dann erfährt man, wie es sich so lebt als "Unterhosenpublizist", wie sie Wagner bei der "taz" nennen. Ziemlich spärlich nämlich.


Der Kühlschrank ist bis auf eine Flasche Wein fast leer, der Schreiber braucht sonst bloß Espresso und Gitanes zum Überleben. Der Aschenbecher auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer hat die gleiche Größe wie das Telefon dahinter. Dann gibt es noch lange Buchregalreihen und den Ausblick durch die großen Fenster auf seine Stadt. 40 Zeilen schreibt Wagner täglich für "Bild" und gibt sie anschließend der Redaktion telefonisch durch, anstatt sie per Mail zu schicken. Er liest gerne vor, was er geschrieben hat. Aber er liest schlecht. Und dann gesteht er: "Manchmal quält mich schon, was ich da verzapft habe." Er ist nicht der Einzige, dem das so geht.

Wagners Büro im Springer-Verlagshaus sieht aus, als wäre er hier noch nie gewesen: ein unberührter Arbeitsplatz, eine Ledersesselsitzgruppe, kahle weiße Wände. Wenn man ganz nah herangeht an den Bildschirm sieht man auch, dass der Thermostat der Heizung auf Null steht - mitten im Winter. In diesem Raum wird nicht gearbeitet. Und Frau Zimmermann, Wagners Sekretärin, ist einigermaßen überrascht, als ihr Chef mit Leifs Kamerateam hereinschneit.

Radikal pauschal

Fast könnte einem der seltsame alte Mann Leid tun, wenn er abends in seine Stammkneipe schleicht, die etwas heruntergekommene Paris Bar, und dort einsam am Tresen wartet, von seiner Traumfrau gefunden zu werden. Aber eben nur fast. Wagner ist nicht der lustige Kolumnenonkel, der ab und an einen guten Einfall hat, über den man sich amüsieren kann, ebenso wenig wie "Bild" das Spaßblatt mit den irren Überschriften ist, das man nicht ernst nehmen muss. Wagner passt ideal zu "Bild". Er verletzt, übertreibt, pauschalisiert. Seine Briefe sind geschriebener Stammtisch.

Dafür aber, wie sich die Leute fühlen, die der Ex-"Bunte"-Chef mit seiner "Post von Wagner" anschreibt, ist in dem halbstündigen Film kein Platz. Leif kommentiert wenig, er lässt den Kolumnisten erzählen und hofft, dass der sich selbst demontiert, was ein, zwei Mal auch gelingt. Als das Gespräch auf Schönheits-OPs und aufgespritze Lippen kommt, die Wagner so furchtbar findet, will der Kolumnist was über Botox erzählen, kommt aber nicht auf den Ausdruck, dreht sich zur Fotografin und sagt: "Sie müssen's doch wissen, Mädchen." Mehr braucht man über FJW nicht zu erfahren.

Zwar streut Leif auch einige kritische Kollegenbemerkungen ein: Ja, Wagner provoziert. Ja, Wagner hat einen Knall. Am Ende aber bleibt der Eindruck, dass der Mann mit den strähnigen Haaren und den grauen Koteletten irgendwie doch unverzichtbar ist, zumal man ihn nicht richtig ernst nehmen muss. Auf diese Weise arbeitet der Film fleißig an der Legendenbildung mit, die Wagner so schmeichelt. Leif hat sowieso genug damit zu tun, sich ständig selbst mit ins Bild zu rücken.

Lob mit Gesichtsverlust

Ausgerechnet der "Welt"-Chefredakteur Roger Köppel, den FJW und Leif bei ihrem Besuch im Verlagshaus treffen, stört das Gesamtbild: Er schwärmt von Wagners Instinkt, seiner Formulierungskraft, die so herausragend sei, und sagt: "So einen Kolumnisten hätte jede Zeitung gern." Wagner steht nebendran und lässt sich den Honig bereitwillig um den Bart schmieren, Köppel aber würdigt den Kolumnisten, den er so lobt, im ganzen Ausschnitt nicht eines Blickes, so als sei der gar nicht anwesend.

Das ist eine schöne Art, mit dem alten Wolf umzugehen: Man kann Franz Josef Wagner als "Gossen-Goethe" bezeichnen, und er empfindet das als Lob. Man kann behaupten, dass er die Dinge auf den Punkt bringt, weil er für das Volk schreibt, man kann ihn für seine angeblich so scharfe Beobachtungsgabe loben - aber ins Gesicht sehen, das kann man ihm dabei nicht.


"Ich bin Wagner - Du bist Deutschland", heute, NDR, 23 Uhr; 3sat, Freitag, 21. April, 15.30 Uhr

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Franz Josef Wagner: "Was ich da verzapft habe"

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