TV-Remake "Die Brücke" Und dann hat es "Bumm" gemacht

Einfach nur erbärmlich – oder schon gemeingefährlich? ProSieben hat Bernhard Wickis Antikriegsfilm "Die Brücke" zielgruppen- und werbeblockkompatibel zerlegt und fürs Fernsehen neu gedreht - komplett mit Gauleiter-Gags und feucht-schwüler Lovestory: Antifaschismus in Zeiten von Soap und Comedy.

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Ein bisschen Maschinengewehrfeuer hat einer auflodernden Liebesbeziehung ja noch nie geschadet: Schüler Walter (Lars Steinhöfel) radelt neben seiner attraktiven Lehrerin Fräulein Bauer (Franka Potente) über die Wiesen, als plötzlich ein Jagdflieger die beiden ins Visier nimmt. So schmeißt der Junge seine Paukerin ins Gras und sich selbst gleich schützend und schwitzend über sie.

Doch noch sträubt sich das Fräulein Bauer gegen die burschikosen Zärtlichkeiten des Jungen. Zum Glück kehrt der amerikanische Flieger, der in diesem April 1945 offensichtlich nichts anderes zu tun hat, als einzelne deutsche Zivilisten durch die Landschaft zu jagen, noch einmal zurück. Diesmal treibt er die beiden durch seinen Beschuss in eine kleine Jagdhütte. Dann wird gevögelt.

ProSieben hat ein Remake von Bernhard Wickis "Die Brücke" gedreht. Angeblich hat es dem Produzenten beim Original zu lange gedauert, bis es endlich mal knallt. Das ist eine sonderbare Anmerkung für jemanden, der einen Antikriegsfilm drehen will.

Die hinzugefügte frühe Szene mit knatternder MG und kopulierendem Pärchen, die hiermit schon mal einen Platz in der Liste der scheußlichsten TV-Momente 2008 zugewiesen bekommt, gibt jedenfalls recht eindrücklich den Grundton der Produktion wieder. "Die Brücke reloaded", das ist Antifaschismus in Zeiten von Soap und Comedy. Hier eine fadenscheinige Intrige, dort ein Gauleiter-Gag – da bleibt wenig Zeit, feinfühlig die zugespitzten widersprüchlichen Stimmungen der letzten Kriegstage nachzuzeichnen.

Genau das tat aber Bernard Wicki im 1959 entstandenen Original: Fast zwei Drittel seines Filmes folgt er einem halben Dutzend 16-Jähriger vor und bei ihrer Einberufung in den letzten Tagen des Krieges. Die Alten stöhnen, die Jungen tönen: Sechs Jahre lang hat man den Frontverlauf an der Landkarte im Schulzimmer nachgezeichnet, endlich kann man ihn aktiv verändern!

Unheilvolles Zusammenwirken von Krieg und Pubertät

Leise und präzise verortete Wicki die jungen Kriegsfans sowohl im privaten als auch politischen Umfeld und zeigte, wie der Humanismus ihres eigentlich sehr geschätzten Lehrers gegen den Militarismus Hitlers verblasste.

Dabei gelang es, jeden einzelnen Jungen zu mehr als einer bloßen Symbolfigur einer verführten Jugend zu machen. Die komplexen Charaktere luden zur Identifikation – auch weil Wicki die psychosexuelle Konditionierung der Jungen für diese Zeit ungewohnt deutlich auf den Punkt brachte. Mit geradezu Bergman'scher Präzision zeigte er auch das unheilvolle Zusammenwirken zwischen Krieg und Pubertät. Nicht zu Unrecht wurde "Die Brücke" noch bis vor gar nicht so langer Zeit regelmäßig an Schulen gezeigt.

ProSieben hat die Romanvorlage von Manfred Gregor nun ganz im Sinne seiner Eventmovie-Strategie für die junge Zielgruppe umformuliert und die Handlungsversatzstücke im Hinblick auf die Serienvorlieben der heute 14- bis 29-Jährigen werbeblocktauglich zusammengezimmert. So wird die im Kino-Original nur kurz angedeutete Affäre zwischen dem Sohn des örtlichen Obernazis und einer Lehrerin hier nun eben zur feuchtschwülen Liebelei, die sich unter den verstohlenen Blicken einer Mitschülerin bis ins Schulschwimmbecken zieht.

Erbärmlich oder gemeingefährlich?

So richtig glaubhaft wird danach der Kampf der amourös entflammten Lehrerin um ihre sechs Jungs nicht mehr. Franka Potente, von der man zu gerne wüsste, was sie in dieses ansonsten mit Soap- und Comedy-Sternchen besetzte Event-Filmchen verschlagen hat, spielt das Fräulein Bauer jedenfalls fortan wie eine Privatfernseh-Hobbydetektivin und versucht den bösen Nazi-Vater mit allerlei pfiffigen Tricks zur Freigabe der sechs jungen Möchtegernsoldaten zu bringen.

Die Dialoge sind dann noch mal ein weiterer Tiefpunkt: Während Fräulein Bauer schon mal keck und in ziemlich weiser Voraussicht auf die bald anstehenden Kriegsverbrechertribunale verweist, heult der Gauleiter (Michael Lott aus "Wie die Karnickel") der Lehrerin die Ohren voll, dass sein Sohn ja noch nie auf ihn gehört habe. Zum Beispiel habe der Junge damals doch frecherweise jene jüdische Familie geschützt, durch deren Deportation sich der Nazi-Vater hervortun wollte. Aber der Herr Gauleiter müsse das doch verstehen, so die Lehrerin salomonisch: Der Junge der Familie sei doch ein Klassenkamerad gewesen.

Ist das nun einfach nur erbärmlich – oder schon gemeingefährlich? Die Grundformalien eines Antikriegsfilms werden in "Die Brücke" jedenfalls bedenklich aufgelöst.

Denn auch wenn hier recht bald nach Ausbruch der Kriegshandlung der dümmliche Dicke – in ProSieben-Teenmovies unvermeidlicher Bestandteil des Personals – von der Bücke gebombt wird und weitere Abgänge folgen: Statt sich wie Wicki tief in die Faszination der jungen Menschen für den Krieg hineinzudenken, drohen ProSieben-Regisseur Wolfgang Panzer und Autor Wolfgang Kirchner immer wieder eben dieser Faszination zu erliegen.

Zwar wird deutlich gemacht, wie absurd der Kampf um die titelgebende Brücke am Ende des Krieges ist – die Macher versuchen aber aus dem längst verlorenem Kampf auf bedenkliche Art Spannung zu schlagen. Die Trommeln wirbeln, die Fanfaren blasen, und die jungen Kämpfer wachsen trotz Dezimierung zusammen.

Am Ende legt der letzte Überlebende den pittoresk verrußten Kopf seines sterbenden Schulkameraden in seinen Schoß. Und der flüstert ihm zu, er solle jetzt aber ganz schnell zu seinem Mädel zurück.

Die ursprünglich vielleicht mal anvisierte Grundbotschaft "Krieg ist uncool" – in dieser zielgruppen- und werbekundenfreundlich optimierten Form bleibt sie unvermittelt.


"Die Brücke", heute 20.15 Uhr, ProSieben



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