TV-Reporter im Kriegseinsatz Spanner sind immer die anderen

Krieg im Irak, Krieg im Fernsehen, wer ganz vorne nicht mitrollen darf, der produziert medienkritische Berichte aus der Etappe. Für einige ist der Krieg auch die Fortsetzung der Karrieren mit anderen Mitteln.

Von Henryk M. Broder


"Embedded journalist" Klose: So stolz, dass er gelegentlich vergisst, wo er ist und was er machen soll
RTL

"Embedded journalist" Klose: So stolz, dass er gelegentlich vergisst, wo er ist und was er machen soll

Kein anderer Krieg in der jüngsten Geschichte ist so lange angekündigt, so ausgiebig öffentlich diskutiert und so sorgfältig geplant worden. Dennoch sind alle mit dem Verlauf unzufrieden. Die Militärs, weil es nicht so schnell und einfach vorangeht, wie sie es erwartet hatten, und die Berichterstatter, weil sie nicht die Bilder bekommen, die sie haben möchten.

Anfangs standen sie alle umeinander rum, wie die Fahrer zu Beginn der Tour de France, und machten dieselben Sprüche. Da war keiner, der seine erste Geschichte nicht mit dem Satz begonnen hätte: "Das erste Opfer in jedem Krieg ist die Wahrheit" oder "Jeder Krieg fängt mit einer Lüge an". Inzwischen hat sich das Feld auseinander gezogen, werden die Sprüche differenzierter, denn an und hinter der Front ist eine Klassengesellschaft entstanden, in der - wie überall - das Sein das Bewusstsein bestimmt.

Das bedeutet: Ulrich Klose (RTL) darf mit den "embedded correspondents" vorne weg mitrollen, worauf er so schrecklich stolz ist, dass er gelegentlich vergisst, wo er ist und was er machen soll. Seine Kollegin Antonia Rados, über die inzwischen ebenso viele Geschichten geschrieben werden, wie sie selbst über den Krieg produziert, berichtet vom Dach ihres Hotels in Bild und Ton. Und der arme Ulrich Tilgner vom ZDF hat nur ein Telefon zur Hand, das ihm gelegentlich von seinem Aufpasser aus der Hand genommen wird, woraufhin er nur noch rufen kann: "Ich muss jetzt das Gespräch abbrechen..."

Reporterin Rados: Der beste Mann an der Presse-Front
NTV

Reporterin Rados: Der beste Mann an der Presse-Front

Aber auch, wenn er frei reden darf, kommt es zu allerlei Missverständnissen: "Die zweite Angriffswelle rollt...", sagt der Moderator im Mainzer Studio. "Nein, das stimmt nicht, die Stadt ist ruhig", sagt Tilgner, der von seinem Hotelzimmer in Bagdad einen prima Überblick hat. Bei der nächsten "Schalte nach Bagdad" ist es genau umgekehrt. Im Mainzer Studio ist es ruhig, und bei Ulrich Tilgner zittern die Fensterscheiben. Da kann der Moderator, auf dessen Tisch die Fäden zusammen laufen, nur staunen: "Das ist ein ungewöhnlicher Kriegsverlauf. Die Nachrichtenlage ist sehr dünn." Ja, mit dem Zweiten hört man besser.

Aber jede dünne Suppe kann mit ein paar Zutaten angedickt werden. Da ist zuerst die selbstkritische Attitüde, mit der die Zuschauer aufgefordert werden, den Bildern (vor allem der anderen) nicht zu trauen. Wer von den Amis nicht "handverlesen" wurde, bei den immerhin 500 "embedded correspondents" dabei zu sein, macht einen Bericht, wie die "embedded correspondents" von den Amis für ihre Propaganda eingesetzt werden.

Im ersten Golfkrieg klagten alle über die "klinisch sauberen Bilder" vom Kriegsverlauf, die von den Alliierten geliefert wurden - ohne Tote, ohne Blut, ohne Schrecken. Jetzt beschweren sich die gleichen Leute darüber, dass die "authentischen" blutigen Bilder, die sie gerne machen möchten, aber nicht dürfen, von den privilegierten Kollegen geliefert werden. Nicht der Krieg ist Gegenstand der Berichterstattung, sondern die Berichterstattung über den Krieg. Und Spanner, Trittbrettfahrer und Sensationsjäger - das sind immer die anderen.

Bagdad-Korrespondent Tilgner: "Nein, das stimmt nicht, die Stadt ist ruhig"
ZDF

Bagdad-Korrespondent Tilgner: "Nein, das stimmt nicht, die Stadt ist ruhig"

"Bekommen Sie mit, wie die Einsätze gelenkt werden?", fragt Ulrich Wickert den ARD-Korrespondenten in Katar, dem Sitz des alliierten Oberkommandos. Da kann der gute Mann nur lachen: "Das wäre toll...", und beschwert sich über die "ungerechte Verteilung der Informationen". Sein Kollege in Kuweit wird auch schlecht behandelt: "Ich kann nur mit der Pressestelle telefonieren."

Ja, wie hätten sie's denn gern? Vielleicht so: Bevor die Alliierten einen Einsatz planen, rufen sie erst eine Pressekonferenz ein, legen detailliert dar, was sie vorhaben, und stimmen ihre Pläne mit den Korrespondenten ab. Das wäre gerecht, fair und sehr innovativ. Wie die Dinge aber nun mal sind, müssen die Reporter selber recherchieren. "Wo beziehen Sie Ihre Informationen her?", fragt der ARD-Moderator seinen Kollegen vor Ort: "Ich unterhalte mich mit Irakis, die mir sagen, was die Nachrichten bedeuten." Stephan Kloss ist ein junger Mann, ein no name und no face, der für Jörg Armbruster, den die ARD abgezogen hat, eingesprungen ist. Er sagt auch Sätze wie: "Ich weiß nicht, ob Leute verletzt oder umgekommen sind, das wird sich noch herausstellen." Bald darauf kann man auf der Medienseite einer wichtigen Zeitung lesen, er habe sich freiwillig bei der ARD gemeldet, der Krieg sei seine Chance, "groß herauszukommen". Der Krieg ist nicht nur die Fortsetzung der Politik, sondern auch der Karrieren mit anderen Mitteln.

ARD-Reporter Kloss: Chance, groß raus zu kommen
ARD

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Das gilt auch für die vielen "Experten", die jetzt zu Worte kommen, vor allem ehemalige Generäle, Oberste und Leutnante, die aus dem Ruhestand reaktiviert werden, um in den vielen Sondersendungen den Kriegsverlauf zu kommentieren und zu analysieren. Es ist wie mit den Börsenanalysten, die einem nach dem Kurssturz erklären, warum es so kommen musste. Auch die Militärexperten sind Meister des Rückblicks, nur einer fällt aus der Reihe, ein General a.D., der ehrlich zugibt: "Ich wundere mich, ich kann mir auch nicht erklären, warum es so ist."

Wenn der Krieg - Gott behüte - länger dauert, werden irgendwann auch einfache Gefreite a.D. zu Wort kommen, die dem mit Informationen schon abgefüllten Publikum alles über den gefährlichen Dienst an den Gulaschkanonen erzählen werden.

Noch besser als die Militärexperten, bei denen man eine gewisse praktische Erfahrung annehmen darf, sind die vielen "Fachleute" für den Irak und den Nahen Osten, für den Islam und für die Mentalität der Araber, die in Stiftungen und Forschungsinstituten arbeiten und jetzt ihr Wissen offenbaren. Leute, von denen man noch nie einen Satz gehört oder eine Zeile gelesen hat, setzen ernste Gesichter auf und sagen bedeutungsschwanger: "Die Situation droht außer Kontrolle zu geraten" oder "Es droht ein Flächenbrand." Der Krieg funktioniert auch als ABM-Maßnahme für die grauen Mäuse des Wissenschaftsbetriebes.

"Superstar"-Kandidatin Struhler (r.): "Krieg passt da nicht rein"
DPA

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Einer, der seinen Kollegen um eine Wasserpfeifenlänge voraus ist, ist der "Irak-Experte" Michael Lüders, früher bei der "Zeit", inzwischen bei der "Friedrich Ebert Stiftung". Unvergessen sein Auftritt in der "Kulturzeit" auf 3sat während des Afghanistan-Krieges, als er gebeten wurde, die "Körper- und Zeichensprache" von Osama Bin Laden zu analysieren. Gezeigt wurde der Chef der al-Qaida, wie er im Schneidersitz hockt und mit sanfter Stimme die wüstesten Morddrohungen ausspricht, die Kalaschnikow neben sich an die Wand gelehnt. Deswegen, so Lüders, weil Bin Laden die Waffe nicht in den Händen hielt, sei seine Rede eigentlich ein "Friedensangebot" gewesen. Vor ein paar Tagen wurde Lüders wieder in der "Kulturzeit" vernommen, und diesmal erzählte er, es wäre seit Jahren unmöglich, nach Bagdad zu telefonieren, wegen des Embargos. Seltsam, dass wir kurz vorher mühelos durchgekommen sind.

Wir brauchen mehr solcher Experten, die uns eine neue, ungewohnte Sicht auf die Wirklichkeit eröffnen. Militärs, Wissenschaftler und Popstars wie Vanessa Struhler, die Viertletzte bei "DSDS". Die ist nach Los Angeles geflogen, um dort ihr erstes Musikvideo zu drehen (Usedom oder die Lüneburger Heide wären nicht gut genug), die Angst vor einem Krieg war mitgereist. "Ich bin 17, ich will meine Karriere starten, und ein Krieg passt da nicht rein", sagte sie einem RTL-Team. Recht haben sie, die Friedensfreunde; "War is not the answer."

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