TV-Revolution in Frankreich Chirac kritisieren? Pas de problème!

Irgendwann wird jeder erwachsen - selbst das französische Fernsehen. Kaum zu glauben: Diese Woche strahlt der öffentlich-rechtliche Sender France 2 zum erstenmal in der Geschichte des Landes eine Dokumentation über einen amtierenden Präsidenten aus.

Von Kim Rahir, Paris


"Chirac", ein fast vierstündiges Porträt des Staatschefs Jacques Chirac von Regisseur Patrick Rotman, wird als große Premiere gefeiert und vom Elysée-Palast nur mit kaum vernehmbarem Grummeln kommentiert. "Gnadenlos, aber unparteiisch" sei seine Darstellung des Mannes, der seit fast fünfzig Jahren im Intrigennetz der französischen Politik überlebt, sagt Rotman. Tatsächlich ist die am Montag und Dienstagabend ausgestrahlte Sendung im internationalen Vergleich völlig harmlos. In Frankreich aber gilt sie als fast revolutionär.

Frankreichs Präsident Chirac: Schon jetzt ein Stück Vergangenheit
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Frankreichs Präsident Chirac: Schon jetzt ein Stück Vergangenheit

"Vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen", sagt Rotman. "Ich habe zwar schon einmal eine Dokumentation über François Mitterrand gemacht, aber das war nach seinem Tod." Ein Dokumentarfilm über einen Wahlkampf des liberalen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing wurde erst nach 28 Jahren zur Ausstrahlung freigegeben.

Der direkte Einfluss der Politik auf das gefürchtete und verhasste Medium hat in Frankreich Tradition. Noch heute sehen viele Regierungsvertreter das Fernsehen als das Kommunikationsmittel der Regierung par excellence. Wenn der Premierminister sich von seinem Volk unverstanden fühlt, wie bei den Protesten gegen die Arbeitsrechtsreform im April, dann lässt er sich als Interviewpartner zu den Abendnachrichten einladen - eine Vorgehensweise, die im Vergleich zu den ersten Fernsehjahrzehnten in Frankreich fast schon harmlos ist. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren mussten die Nachrichtenredakteure ihre Texte einem Regierungsvertreter vorlegen, bevor sie gesendet werden durften.

In anderen westlichen Industriestaaten können Journalisten über so viel staatlichen Zugriff nur lachen. In den USA filmte Richard Leacock bereits 1960 eine schonungslose Doku über den Wahlkampf von John F. Kennedy. Der britische Premier Tony Blair und US-Präsident George W. Bush können von unangenehmen Fernsehberichten ebenfalls ein Lied singen. Nicht so Frankreichs Politgrößen: Interviews werden fast immer mit ausgesuchter Höflichkeit und Zurückhaltung geführt, nicht beantwortete Fragen selten erneut aufgetischt.

Mit "Chirac" wollen die Fernsehmacher von France 2 nun im Kreise internationaler Journalisten endlich ernst genommen werden. "Jetzt werde ich bei Treffen im Ausland endlich nicht mehr wegen unserer Furchtsamkeit verspottet", freut sich die Doku-Chefin von France 2, Patricia Boutinard Rouelle. Der Film sei das Zeichen "einer Entwicklung, einer Verselbstständigung des öffentlichen Fernsehens" und eine "Lockerung, der Nabelschnur, die früher so eng war", meint Rotman.

Keine Begeisterung, aber auch keine Entrüstung

Große Worte für ein Porträt, das zwar nicht lobhudelt, aber Chirac auch nicht völlig demontiert. Sein Machthunger, seine politischen Kehrtwendungen, seine Intrigen werden zwar klar genannt - doch in einem von der Politik enttäuschten Land, in Zeiten, in denen dank Internet jeder jederzeit fast alles veröffentlichen kann, schockiert eine solche Sendung niemanden mehr. Selbst aus dem Elysée tönt zwar keine Begeisterung, aber auch keinerlei Entrüstung. "Der Film konzentriert sich ausschließlich auf das Streben nach Macht, er sagt nichts über die Inhalte der Politik, über die von ihm eingeleiteten Reformen oder über seine Rolle auf internationaler Ebene", bemängelt ein Chirac-Vertrauter in einem Presse-Interview.

Das hat nicht allein etwas mit dem bösen Willen des Regisseurs zu tun. Nach zwölf Jahren Präsidentschaft eines Mannes, der in die Politik einstieg, als Kennedy und Chruschtschow regierten, ziehen Kritiker eine äußerst mickrige Bilanz. Obendrein schützt nur die Immunität des Präsidenten ihn derzeit vor gerichtlichen Verfolgungen wegen Korruption während seiner Amtszeit als Pariser Bürgermeister. Das oberste Staatsamt hat nicht mehr die imperiale Aura, die selbst der sozialistische Präsident Mitterrand ihm noch verleihen konnte. Auch das ist ein Grund, weshalb diese Mini-Revolution im französischen Fernsehen gerade jetzt unter Jacques Chirac stattfindet.

Das Interesse der Franzosen am ersten Teil war groß, aber nicht atemberaubend: 5,4 Millionen Zuschauer sahen das Porträt - 6,5 Millionen sahen sich dagegen beim Konkurrenzsender TF1 eine ebenfalls ungewöhnliche Sendung an, einen Spionagekrimi über die Versenkung des Greenpeace-Schiffs "Rainbow Warrior" durch den französischen Geheimdienst 1985. Immerhin interessierten sich damit fast zwölf Millionen Franzosen für die jüngste Historie ihres Staates.

Sein Chirac-Film ermögliche einen "Sprung in 40 Jahre Geschichte", freut sich Rotman. Und das ist für Chirac die bittere Pille bei diesem Fernsehporträt: Ein Dreivierteljahr vor dem Ende seines Mandates gehört er für seine Landsleute schon zur Vergangenheit.



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