TV-Satire in Italien Celentano contra Berlusconi

50 Prozent Einschaltquote und wütende Proteste der Regierung - mit einer Satire-Sendung über Meinungsfreiheit versetzte Italiens Star-Komiker Adriano Celentano das halbe Land in Aufregung und erzürnte Silvio Berlusconi.

Von Oliver Voß


Selten gab es in Italien schon im Vorfeld so viel Aufregung um eine Fernsehsendung. Am letzten Donnerstag hatte sie dann endlich Premiere, die neue Sendung "RockPolitik" des gealterten Superstars Adriano Celentano. Der Sänger und Schauspieler hatte sich vertraglich totale Autonomie zusichern lassen und ein großes Geheimnis um die geladenen Gäste der Satire-Talkshow gemacht.

Altstar Celentano: "Alle haben Angst vor den Worten"
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Altstar Celentano: "Alle haben Angst vor den Worten"

Dementsprechend war die Spannung groß. Selbst der Chef des staatlichen Senders RAI 1, Fabrizio del Noce, wusste nichts Genaues. Die Spekulationen reichten von Madonna bis zum Zapatistenführer Subcomandante Marcos. Als klar wurde, dass es um das Thema Meinungsfreiheit gehen würde, war del Noce hochgradig alarmiert. Der Mann, der auch schon für Silvio Berlusconis Partei Forza Italia im Parlament saß, konnte die Ausstrahlung zwar nicht verhindern, kündigte aber an, notfalls das RAI-Logo während der Sendung auszublenden.

Pressefreiheit wie in der Mongolei

Die Befürchtungen waren berechtigt, denn Celentano machte von seiner Narrenfreiheit reichlich Gebrauch. Auf einer Leinwand präsentierte er erst obige Drohung des Senderchefs als Zitat und dann die Länder-Rangliste der US-Organisation Freedom House zur aktuellen Lage der Pressfreiheit. Italien rangiert dort mit Bolivien und der Mongolei auf dem 77. Platz und wurde als nur "teilweise frei" eingestuft. Dazu sagte Celentano: "Alle haben Angst vor den Worten. Heutzutage kann man nur die Dinge sagen, die niemanden stören."

In Italien hatte die Politik schon immer einen großen Einfluss auf das staatliche Fernsehen. Der Aufsichtsrat und die Direktoren der RAI werden von der jeweiligen Parlamentsmehrheit bestimmt. Nach jedem Regierungswechsel wurden auch die Führungsspitzen im Rundfunk ausgetauscht. Deshalb wird dem derzeitigen Regierungschef Silvio Berlusconi auch immer wieder vorgeworfen, er könne neben seiner privaten Sendergruppe Mediaset nun auch die drei staatlichen Sender kontrollieren.

Doch an diesem Abend war alles ein wenig anders. So auch der mit Spannung erwartete Auftritt der Gäste. Eingeladen waren drei Journalisten, die inzwischen zu Symbolfiguren für die regierungsffeindlichen Politik der RAI geworden sind. Silvio Berlusconi hatte ihnen einen "kriminellen Gebrauch des Fernsehens" vorgeworfen und prompt waren deren Sendungen abgesetzt worden. Aber auch am Donnerstag blieben ihre Stühle symbolisch leer: zwei der Geschassten, Enzo Biagi und Daniele Luttazzi, hatten es abgelehnt in dem Sender aufzutreten, der sie entlassen hatte.

Michele Santoro, der Dritte im Bunde, gab sich dagegen kämpferisch. Am Vortag hatte er sogar noch sein Mandat als EU-Parlamentarier niedergelegt, denn Politiker dürfen in ihrer Funktion nicht in Unterhaltungssendungen auftreten. Dankbar nahm Santoro dann das Mikrofon von Celentano und erklärte, er werde hoffentlich bald wieder ein eigenes in der Hand halten können. Zurzeit streitet der Journalist vor einem Arbeitsgericht um seine Wiedereinstellung. Am Ende seines kurzen Auftritt rief Santoro ins Publikum: "Es lebe die Kultur und die Freiheit!"

"Politische Satire ist verboten"

Ministerpräsident Berlusconi: Mit der freien Presse auf Kriegsfuß
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Ministerpräsident Berlusconi: Mit der freien Presse auf Kriegsfuß

Zu diesem Zeitpunkt lagen die Einschaltquoten bei über 50 Prozent. Elf Millionen Italiener ließen sich die Celentano-Show nicht entgehen, denn politische Satire ist selten geworden im staatlichen Fernsehen. Die Show "RaiOt" der Berlusconi-Parodistin Sabina Guzzanti wurde nach der ersten Folge abgesetzt. Guzzanti hat nun einen Dokumentarfilm über Zensur und Satire in Italien gedreht, der beim Festival in Venedig begeistert aufgenommen wurde.

Im Januar war auch eine Sendung des Komikers Paolo Rossi nach der ersten Folge eingestellt worden. An den Quoten kann es nicht gelegen haben. Eine Million hatten eingeschaltet, obwohl die Show erst um Mitternacht begonnen hatte. "In diesem Land ist politische Satire verboten", erklärte Rossi damals. Schon zuvor war ihm ein Sketch in einer anderen Sendung untersagt worden: Rossi wollte eine Rede des Griechen Perikles über die Demokratie rezitieren.

Die wenigen Scherze, die auf den Bildschirmen noch über die Regierung Berlusconi gemacht werden, laufen paradoxer Weise auf den Sendern des Ministerpräsidenten. Der betont immer wieder, seine Kanäle seien dem wirtschaftlichen Erfolg verpflichtet und nicht der Politik. In der Tat stimmen die Quoten und Werbegelder bei Programmen wie "Striscia la Notizia". Dort wurde auch eine Manipulation in den staatlichen Nachrichten aufgedeckt. In einen Beitrag über eine Uno-Rede Berlusconis hatte man ein applaudierendes Publikum geschnitten. Der Beifall galt jedoch nicht Berlusconi, dieser hatte vor fast leeren Bänken gesprochen.

Der Ärger des Ministerpräsidenten

Komiker Benigni: Nächster Gast bei Celentano
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Komiker Benigni: Nächster Gast bei Celentano

Begeistert war dagegen das Publikum von "RockPolitik". In einer alten Flugzeugfabrik war die Kulisse einer futuristischen Metropole aufgebaut worden. Zwischen Wolkenkratzern und chinesischen Händlern sang der 67-jährige Celentano alte Hits und scherzte mit dem französischen Schauspieler Gérard Depardieu über dessen Trinkgewohnheiten, wetterte gegen Umweltverschmutzung und Reality-TV. Es gab Sketche über George W. Bush, Silvio Berlusconi und die italienische Linke. Unter den Gästen befand sich auch der Generaldirektor der RAI. Dieser sagte angesichts von so viel Meinungsfreiheit: "Heute sind wir in der Rangliste ein bisschen gestiegen, oder?"

Doch auch Celentanos Freiheit ist begrenzt. Nur vier Folgen von "RockPolitik" soll es geben, ob es tatsächlich so viele werden ist nicht garantiert. Wütende Reaktionen der Regierungsparteien gab es schon, als die erste Folge kaum zu Ende war. Einzig der Ministerpräsident schien ganz andere Sorgen zu haben. Er plant derzeit, die Gesetze zur Einschränkung von Wahlwerbung zu ändern, um die drohende Niederlage bei den Wahlen noch abzuwenden. Erst gestern folgte die Reaktion Berlusconis: "Celentano ist nur die letzte Episode eines Systems von Fernsehen und Presse, das seit 2001 systematisch die Arbeit der Regierung und des Ministerpräsidenten attackiert." Dazu nannte er die Namen von sechs Komikern, was Oppositionsführer Romano Prodi mit den Worten kommentierte: "Nun gibt es wieder Ächtungslisten."

Als Berlusconi 2002 drei ungeliebte Kritiker namentlich genannt hatte, war neben Michele Santoro auch Enzo Biagi betroffen. Der 85-Jährige ist einer der renommiertesten Journalisten Italiens. Es war insbesondere ein Interview mit dem Komiker Roberto Benigni, das ihm Berlusconi verübelte und zur Entlassung Biagis geführt hatte. In seiner Absage an Celentano hatte Biagi geschrieben, er hoffe die Personen, die ihn am Weiterarbeiten gehindert haben, seien heute nicht mehr so stark, auch Celentano daran zu hindern.

Das muss sich schon im Laufe dieser Woche zeigen, denn für die nächste Folge von "RockPolitik" am kommenden Donnerstag hat sich eben jener Roberto Benigni angekündigt. Der Oscar-Preisträger will seinen neuen Film vorstellen. Damit ist ein weiteres, für Berlusconi unbequemes Thema programmiert. Denn in Benignis Film, "Der Tiger und der Schnee", geht es um den Krieg im Irak.



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